Der Biathlon-Winter ist wieder in vollem Gange. Der Auftakt mit den ersten zwei Einzel- und den ersten zwei Sprintrennen ist erfolgreich geschafft. Am Donnerstag stehen in Östersund zwei weitere Sprintrennen auf dem Programm (13:45 und 16:30 Uhr live bei Eurosport 1 und bei Eurosport auf Joyn).
Mit Franziska Preuß, Denise Herrmann und Philipp Nawrath haben drei Athleten aus dem deutschen Team die Olympia-Qualifikation für die Winterspiele in Peking im Februar 2022 schon in der Tasche. Auch zur Freude von Eurosport-Experte Michael Rösch.
Im Interview verrät der Staffel-Olympiasieger von 2006, wer ihn bislang besonders überrascht hat und wer es aus dem DSV-Team im Olympia-Winter schwer haben wird.
Östersund
Rösch: Diese zwei DSV-Biathletinnen stehen bereits unter Druck
01/12/2021 AM 12:55
Zudem spricht der 38-Jährige über die schier übermächtigen Norweger und deren Erfolgsgeheimnisse.
Das Interview führte Marc Hlusiak.
Herr Rösch, wie bewerten Sie den Saisonauftakt der Damen?
Michael Rösch: Ich hatte im Vorfeld schon gedacht, dass es bei den Frauen tendenziell leichter werden wird als bei den Männern. Es war ein super gelungener Auftakt.
Wie wichtig ist die gelungene halbe Olympianorm für Vanessa Voigt und Anna Weidel?
Rösch: Das bringt erstmal Ruhe rein, egal wer es ist. Vor allem bei einer jungen Sportlerin wie Vanessa Voigt, die letztes Jahr zum ersten Mal im Weltcup war. Sie hat sich das redlich verdient. Anna Weidel hat mich im Sprint positiv überrascht. Das muss man so läuferisch erstmal bestätigen. Trotzdem haben beide Mädels hier und da noch Anschlussprobleme. Man muss ihnen auch noch Zeit geben.
Auf welchem Stand ist Franziska Preuß?
Rösch: Bei Franziska Preuß war zu sehen, dass sie jetzt schon unfassbar fit ist. Beim Schießen muss sie sich an das hohe Laufniveau aber noch etwas angleichen. Das wird aber kommen. Sie weiß, dass sie schnell ist und irgendwann wird sie auch treffen. Dann ist sie sofort vorne dabei. Fertig, aus.
Wo sehen Sie Vanessa Hinz und Janina Hettich derzeit?
Rösch: Für Vanessa Hinz und Janina Hettich könnte es ein schwieriger Saisonauftakt werden. Beide machen mir läuferisch ein bisschen Bauchschmerzen, waren auch selbst nicht zufrieden. Und von hinten drängen gute Athletinnen im IBU Cup nach oben. Franziska Hildebrandt hat zuletzt mit zwei Siegen auf sich aufmerksam gemacht. Hinz und Hettich stehen jetzt schon unter Druck.

Vanessa Hinz - Östersund

Fotocredit: Getty Images

Wer kann die Arnd-Peiffer-Lücke am ehesten schließen?
Rösch: Vor den ersten Rennen war es für mich ganz klar Benedikt Doll. Ich nenne ihn liebevoll die Pferdelunge. Er hat einfach unglaubliche Kapazitäten auf der Strecke, das hat er auch im vergangenen Jahr angedeutet. Er ist für mich ein Podestläufer, aber zuletzt hat er sein Schießen überhaupt nicht im Griff gehabt. Auch bei der WM nicht, immer waren es ein oder zwei Fehler zu viel. Zudem hat mich seine Aussage 'mein Ziel sind rund 90 Prozent Trefferquote' gewundert. 100 Prozent Trefferleistung muss das Ziel sein. Für mich versucht er so ein wenig, die Erwartungshaltung herunterzuschrauben. Aber trotzdem: Wenn er trifft und gut läuft ist er für mich die Nummer eins im deutschen Team.
Wie überraschend war der sechste Platz von Philipp Nawrath im Sprint?
Rösch: Philipp Nawrath hat mich nicht wirklich überrascht. Ich kenne seine Stärken. Er hat viel mit Benedikt Doll trainiert, hatte also auch da schon die Vergleiche mit einem Topmann. Das gibt ihm ein gutes Gefühl. Auch im Einzel war er in der Laufzeit schon stark. Nawrath wird sich in den kommenden Jahren mehr und mehr festigen. Aber die Lücke, die Arnd Peiffer und Simon Schempp hinterlassen haben, ist schwer zu schließen. Trotzdem: Zusammen mit Roman Rees, der mich durchaus überrascht hat, kann er schon regelmäßig in die Top 20 laufen.
Wie viel können wir von den Männern in der Olympiasaison grundsätzlich erwarten?
Rösch: Bei den Männern muss man die Erwartungen im Vergleich zu den letzten Jahren einfach deutlich herunterschrauben. Das ist einfach so. Ein Justus Strelow wird 13. im Einzel und dann heißt es: 'Geil, bester Deutscher. Was kommt da bloß nach!?' Aber in der Analyse sieht man, dass er dreieinhalb Minuten im Laufen zurück war. Ich will das überhaupt nicht schlecht reden, aber er braucht einfach noch ein bisschen Zeit. Strelow ist mit 25 Jahren jetzt der jüngste im Team. Früher hattest du schon 21-Jährige als Nesthäkchen mit dabei. Der Nachwuchs fehlt ganz einfach. Mit Johannes Kühn kommt jetzt zumindest wieder jemand zurück, der auch vorne mitlaufen kann, wenn er trifft. Insgesamt haben wir viele Top-15-Läufer, die aber auch schnell mal unter die Top 6 laufen können, wenn die Schießleistung stimmt.

Erik Lesser - Östersund

Fotocredit: Getty Images

Wie stark ist Erik Lesser in dieser Saison einzuschätzen?
Rösch: Erik Lesser wird es wieder schwer haben in diesem Jahr. Er hatte jetzt auch wieder einen Infekt, das zieht sich dann mal gerne zwei bis drei Wochen hin. Ich hoffe es nicht, aber ich habe die Befürchtung, dass Erik lange für seine Olympiaqualifikation brauchen wird - wenn er sie denn schafft. Wir brauchen ihn für die Staffel.
Wieso sind die Norweger so überlegen?
Rösch: Sie haben den Vorteil, dass sie ein Riesenreservoir an guten Leuten haben. Da kommen dann im Zweifel zwei Neue rein, die dann sofort die Lücke füllen und Top 10 laufen können. Es gibt dort das ganze Jahr Dauerdruck, weil es im Grunde jeder in den Weltcup schaffen kann. Selbst ein Vetle Christiansen, der für mich immer gefühlt das fünfte Rad am Wagen ist, verdrängt jetzt Johannes Thignes Bö im Sprint einfach mal von Platz zwei. Das zeigt: Wenn du immer mit den besten der Besten trainieren kannst, dann entwickelst du dich automatisch schnell weiter. Das ist Norwegens großes Pfund.
Inwieweit unterscheidet sich die Herangehensweise an eine Olympiasaison von einem normalen Winter?
Rösch: Jeder Athlet ist anders. Es ist eine Philosophiefrage. Wie geht eine Nation mit so einer Saison um? Ich kenne es noch von mir früher, da gab es den Vier-Jahres-Rhythmus im Training. Eine Art Treppenmodell, bei dem du dich jedes Jahr steigerst und mehr trainierst, belastungsverträglicher wirst und zu den Olympischen Spielen in Jahr vier topfit bist. Ich glaube es ist auch heute noch die Philosophie, nicht zu 100 Prozent geladen am ersten Weltcuport zu stehen, sondern dass man sich über die Saison kontinuierlich steigert. Im ersten Trimester reicht es, die Quali gerade so eben zu schaffen. In Ruhpolding und Oberhof will man dann fit sein, um dann mit einem ruhigen Gewissen nach Peking zu fahren. Wenn ich aktuell Athlet wäre, wäre es mir lieber, ich hätte in den ersten zwei Wochen meine Quali. Dann hast du erstmal Ruhe und kannst viel mehr probieren, als wenn du dem Ding immer hinterherrennen musst. Aber das ist wie gesagt Athletensache oder eine Mentalitätsfrage der Nation. Erfahrungsgemäß sind die Deutschen am Anfang des Olympiawinters nicht so fit, haben es aber meistens hinbekommen, zum Saisonhighlight da zu sein, wo sie hinwollten. Und es ist ja auch noch ein weiter Weg.
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