Die Begeisterung Savchenkos für Eiskunstlauf bestand schon seit frühester Kindheit, was auch dem Stellenwert der Sportart in ihrem Heimatland zu verdanken war.
"Eiskunstlauf in der Ukraine war sehr populär und wir haben es viel geschaut. Und es ist Sport mit Kunst verbunden. Eiskunstlauf ist eine gesunde Mischung aus Musik, Mimik, Ausdruck und Sport und das hat mich fasziniert", erzählt sie im Podcast bei Fabian Hambüchen.
Besonders ihre Liebe zur Musik hatte auch Einfluss auf ihre Entscheidung, mit dem Training zu beginnen. "Außerdem wollte ich Piano spielen und meine Eltern haben mich vor die Wahl gestellt. Und dann habe ich gesagt: Eiskunstlauf ist verbunden mit Musik - dann mache ich das", so Savchenko weiter.
Olympia - Eiskunstlauf
Klartext von Savchenko: "Strafen wie vor 100 Jahren gehen nicht"
19/02/2022 AM 22:42
Zu Beginn ihrer Karriere waren jedoch nicht alle von den Künsten der späteren Olympiasiegerin begeistert. "Meine Trainer sagten teilweise, es wird nichts", erinnert sich Savchenko zurück.

Olympia-Podcast mit Aljona Savchenko

Doch der Glaube ihrer Familie, zusammen mit immer größer werdenden Zielen, halfen der heute 38-jährigen ihren Weg bis in die Weltspitze zu gehen. "Aber meine Eltern haben an mich geglaubt, sie waren die wichtigsten für mich. Mit etwa acht oder neun Jahren sagte ich zu mir: Ich will die beste Eiskunstläuferin der Welt sein. Es war nicht mein Ziel Weltmeisterin oder Olympiasiegerin zu werden, das kam erst mit der Zeit. Mein Ziel war es die Beste von allen sein", berichtet sie.
Neben dem Rückhalt ihrer Familie war auch der Wille, Neues zu lernen ein wichtiger Baustein des späteren Erfolgs. "Training ist wichtig, jede Minute, jede Sekunde", erklärt sie Fabian Hambüchen.

Savcheko: "Für mich war dies das Allerschlimmste"

Diese Einstellung lernten auch bald ihre Trainer kennen: "Beim ersten Training mit Alexander König kam er fünf Minuten zu spät. Für mich war dies das Allerschlimmste. Ich habe gesagt: "Herr König, wenn sie noch mal fünf Minuten zu spät kommen, werde ich nicht mit Ihnen trainieren. Er war überrascht, aber mir war das so wichtig, dass man pünktlich ist. Die 50 Minuten Training waren mir so gold wert. Manchmal habe ich nicht nur 35 Sprünge gemacht, sondern 50. Ich brauche den Sprung im Wettkampf nur einmal. Aber bis ich ihn perfekt kann, muss ich es im Training perfektionieren."

Savchenko stellt Forderung an Eiskunstlauf-Coaches: Das muss sich ändern

Am Ende hat sich ihr enormer Wille und die akribische Arbeit im Detail gelohnt. Bei den Olympischen Spielen 2018 konnte Savchenko, zusammen mit ihrem Partner Bruno Massot, die Goldmedaille im Paar-Lauf gewinnen. In diesem Moment ließ Savchenko noch einmal ihre gesamte Karriere Revue passieren. "In dem Moment sind mir wie im Film Sequenzen aus meinem Leben in den Kopf geschossen, von meinen ersten Schritten, von meinem Wunsch mit drei Jahren, Schlittschuhe zum Geburtstag zu bekommen, bis zum Moment des Olympiasiegs, mit allen Steinen auf dem Weg, allen Hindernissen, was mir meine Eltern gegeben haben trotz aller Schwierigkeiten. Ich habe mich voll wohl gefühlt, wie als hätte ich einen Berg bestiegen und wäre am Gipfel angekommen", berichtet sie.
Nach Olympia war es der ehemaligen Athletin jedoch aus emotionalen Gründen nicht möglich, sich ihre eigene siegreiche Kür bis zum Schluss anzugucken. "Nach den Olympischen Spielen habe ich mir die Kür häufig angeschaut. Aber ich konnte es nie bis zu Ende schauen, weil mir die Tränen runter liefen. Nach dem Tod unseres zweiten Trainers Jean-Francois Ballester konnte ich mir die Kür eineinhalb Jahre gar nicht mehr ansehen. Ich habe lange gebraucht, um damit klarzukommen, dass der Mensch, der uns dahin gebracht hat, nicht mehr da ist. Das war sehr schwierig", schildert die gebürtige Ukrainerin.
Auch wenn sie sich mittlerweile ihre Gold-Kür wieder bis zum Ende angucken kann, Emotionen bleiben. "Jedes Mal kriege ich wieder feuchte Augen. Dieses Gefühl, diesen Lauf vergisst man nicht", beschreibt die 38-Jährige ihre Gefühlswelt.

Fall Valieva: "So kann man nicht mit Kindern umgehen"

Bei den diesjährigen Olympischen Spielen in Peking stand Savchenko jetzt nicht mehr auf dem Eis. Für Schlagzeilen im Eiskunstlauf sorgte dafür die erst 15 Jahre alte Kamila Valieva, die trotz einer positiven Dopingprobe bei Olympia an den Start gehen durfte. Das Schicksal der jungen Russin nahm Savchenko besonders mit. Auch weil sie ähnliche Erfahrungen im Umgang mit sich selber erfahren musste.

Nimm sie in den Arm! Savchenko attackiert Valieva-Trainerin

"Auch in meiner Kindheit waren Trainer nicht immer nett zu mir, das hat mich starkgemacht – aber mir auch geschadet. Es ist das Wichtigste, aus der Persönlichkeit des Kindes etwas zu schaffen, nicht niederzumachen. Dieses 'Du musst, du musst, du musst" kann kein Kind und auch kein Erwachsener. Wir sind Menschen und keine Roboter. Selbst Roboter gehen kaputt. Man darf Kinder nicht von vornherein kaputtmachen und Olympiasiege erwarten. Das ist cool, wenn das auf gesunde Art und Weise gelingt - aber wenn es nicht gelingt, darf die Karriere nicht vorbei sein", erklärt die Olympiasiegerin den Druck in der Jugend.
Besonders weil der Fall Valieva so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, hofft die heutige Trainerin, dass im Eiskunstlauf in Zukunft mehr Rücksicht auf das Alter und die Entwicklung der Athletinnen genommen wird. "Ich hoffe, dass sich nach dem Drama um Valieva vieles verändert wird. Manche Trainer können keine Grenze setzen und über den Schatten springen - und dann leiden die Kinder. Ich glaube schon, dass man mit 16, 17 oder 18 Jahren anders denkst. Manche sind mit 15 Jahren nicht 15 im Kopf, sondern erst 11 oder 12. Man kann nicht so hart mit Kindern umgehen", so Savchenko.

Savchenko schließt Training der eigenen Tochter nicht aus

Die eigenen Erfahrungen helfen der Deutschen auch bei ihrer Arbeit als Nachwuchstrainerin. Die negativen Aspekte, die sie in ihrer Jugendzeit im Training mitbekommen hat, möchte sie nicht an die nächste Eiskunstlauf-Generation weitergeben. "Das bringt nichts. Ich versuche den Kindern Eiskunstlaufen so beizubringen, wie ich es gerne gehabt hätte. Wir haben alle Ressourcen da. Wir haben die Hallen, die Trainer, die Psychologen. Wir müssen uns nur das Beste nehmen und in einen Topf werfen. Es ist wie eine tolle Suppe mit perfekten Zutaten. Die Stärken rausbringen und nicht die Schwächen – das ist das Wichtigste", erzählt sie im Olympia-Podcast.
Aus diesem Grund steht für den Olympia-Star auch außer Frage, wer ihre eigene Tochter einmal trainieren würde. "Ich kann meine Tochter nicht einer Person anvertrauen, die ich nicht zu 100 Prozent kenne. Der Trainer ist eine der wichtigsten Bezugspersonen, manchmal auch mehr als Vater und Mutter. Und wenn ich als Mama weiß, wie es geht, und trainieren kann - warum nicht?"
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