Die unter Dopingverdacht stehende russische Eiskunstläuferin Kamila Valieva ist einen Tag nach ihrer weltweit beachteten Olympia-Kür in Peking in ihrer Heimatstadt Moskau gelandet. Die 15-Jährige wurde am Freitag von einigen Dutzend Fans am Flughafen Scheremetjewo unter Applaus empfangen, Blumensträuße wurden ihr gereicht. Ihr Schicksal bewegt die Sport-Welt.
Mit der Öffnung der B-Probe und deren Analyse will Valieva nun ihre Unschuld beweisen.
Auch an Eurosport-Expertin Aljona Savchenko, die mit Bruno Massot 2018 Gold im Paarlauf holte, gingen die Szenen mit Valieva in Peking nicht spurlos vorbei. Im Exklusiv-Interview spricht die 38-Jährige über ihre Emotionen und erinnert sich an eigene schockierende Erlebnisse in der Ausbildung.
Olympia - Eiskunstlauf
Olympia-Athletinnen fühlen mit Valieva: "Das arme Kind"
18/02/2022 AM 10:24
Das Interview führte Mario Harter
Aljona Savchenko, lassen Sie uns über Kamila Valieva reden. Sie kennen sie schon länger. Seit wann genau?
Aljona Savchenko: "Ich kenne sie, seit sie elf Jahre alt ist. Damals war sie zwar noch nicht erfolgreich, aber man konnte sehen, dass dieses Kind etwas Besonderes hatte. Tolle Pirouetten, einen außergewöhnlichen Laufstil. Ich kenne auch ihre Familie, wir haben oft in der gleichen Kabine gesessen und uns unterhalten und ja, sie ist ein Jahrhundert-Talent."
Sie stand bei Olympia im Fokus und wurde nach der Kür von ihrer Trainerin zur Rede gestellt. Wieso werden im Eiskunstlauf junge Athletinnen so hart angegangen?
Savchenko: "Ich glaube, es ist nicht nur im Eiskunstlauf so, sondern auch in anderen Sportarten. Im Turnen, Gymnastik beispielsweise, überall wo Kunst und Sport zusammenkommen, ist es hart. Da wird Druck hereingegeben von Trainerseite. Ich denke, man muss eine gute Mischung finden. Wie führe ich Talente? Wie pflege ich sie? Ich habe verschiedene Erfahrungen gemacht mit sehr harten und ganz weichen Trainern und ich muss sagen, für jedes Alter ist ein anderer Zugang nötig. Es hängt auch viel davon ab, welche Trainerausbildung es gab. Ein Trainer muss auch ein Psychologe sein, ein Trainer muss Papa und Mama sein. Man schenkt dieser Person so viel Vertrauen, du gibst deinen Körper, dein Leben. Und wenn du einen Traum hast, Olympia zu gewinnen, dann gibst du alles. Und du hörst auf deinen Trainer. Vielleicht ist das jetzt auch ein Zeichen, dass man etwas ändern muss. Wenn es diesen Fall nicht gegeben hätte, würde es einfach so weitergehen. Es muss beim Umgang mit Kindern mehr Professionalität geben."
Wie emotional haben Sie auf die Kür reagiert?
Savchenko: "Die Situation hat mich so was von mitgenommen, mir stehen immer noch Tränen in den Augen, wenn ich daran denke, dass das Kind - egal was und ob sie etwas genommen hat, wir wissen es nicht - eigentlich Schutz gebraucht hätte. Sie hatte wahnsinnigen Druck, weil sie dachte, dass sie überall gut sein muss. Aber das muss sie nicht. Für eine 15-Jährige war das Hinterherlaufen hinter dem Erfolg zu viel, der Körper schafft das nicht. Es ist ein Entwicklungsprozess, der sich über Jahre zieht. Jede Person braucht unterschiedliche Richtungen. Hier nimmt man zehn Kinder und führt die alle gleich. Die Kunst ist es doch, die individuelle Persönlichkeit zum Leuchten zu bringen."

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Sie sagten, Sie hatten auch "harte Trainer". Wie haben Sie das erlebt?
Savchenko: Ich hatte Trainer, die mich mit Schonern auf den Kopf geschlagen haben, wenn ich irgendwelche Elemente schlecht gemacht habe. Ich hatte Trainer, die mit Wasserpistolen in der kalten Eishalle geschossen haben. Ich hatte Trainer, die uns wenig Essen gegeben haben. Es war manchmal wie eine Strafe: Morgens aufstehen, erstmal auf die Waage, dann ein bisschen essen, zum Mittag Salat, abends gar nichts. Es gab Lehrgänge, wo wir hungrig waren. Wir haben in der Kantine heimlich nach Essen gefragt, uns hier und da etwas geklaut und versteckt gegessen. Es war nicht anders möglich. Ja, man muss diszipliniert sein, wenn man etwas erreichen möchte. Aber man muss auch Grenzen kennen. Wie weit gehe ich tatsächlich?"
Was Sie schildern, ist schockierend...
Savchenko: "Es gab auch einen Trainer, der hat mich zum Training gezwungen, obwohl es von meinem Körper aus gar nicht ging. Wir sind Menschen und keine Maschinen. Wir müssen auch mental vorbereitet werden. Eiskunstlauf ist eine anspruchsvolle Sportart, in der es auf vieles ankommt. Man muss in allen Bereichen da sein: Ausdauer, Kunst, Darbietung, ganz wichtig ist der Kopf. Wenn wir verletzt werden, weil uns jemand sagt, dass wir schlecht trainiert haben und uns damit gedroht wird, uns nach Hause zu schicken, dann macht einen diese Macht kaputt. Ich kann das jetzt nachvollziehen, weil ich das alles erlebt habe. Und wenn ich die Situation um Kamila Valieva beobachte, dann sage ich: Das Kind war schon geschafft, bevor es angefangen hat. Man hätte das Kind nur in den Arm nehmen müssen und sagen: 'Schmeiß alles weg, alles ist gut, das Leben ist gut, du bist ein tolles Kind, jetzt fliegst du erstmal in den Urlaub und genießt die Sonne.' Aber nein, sie wird sofort zur Rechenschaft gezogen. Und da ist es wieder, das: 'Du musst! Du musst! Du musst!'. Aber wir müssen nicht um jeden Preis. Manchmal ist das zu viel."

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Wann war es bei Ihnen zu viel?
Savchenko: "Ich war 18 und nach den Olympischen Spielen 2002 eine Woche auf einem Lehrgang in Russland und die Trainerin sagte zu mir: 'Du musst abnehmen. Du bist zu dick!' Ich sagte: 'Okay, wie soll ich denn abnehmen?' Sie sagte: 'Wenn du was isst, kotzt du. Du steckst dir einfach zwei Finger in den Mund.' Zu dem Zeitpunkt war es mir glücklicherweise schon bewusst, dass man mit mir so nicht umgehen durfte. Kinder, die 13, 14 oder 15 sind, machen das natürlich mit. Das muss man verbieten. Solche Sachen dürfen nicht passieren. Und das liegt in der Macht der Trainer."
Haben Sie auch ein positives Beispiel?
Savchenko: "Alexander König war das Beste, was uns passieren konnte. Ich hatte die Schnauze voll von dem ganzen Druck. Mir war klar, wenn ich Gold gewinnen möchte, brauche ich einen Trainer mit positiver Energie. Die hat er mir gegeben. Ich bin sehr dankbar, dass er das mit seiner Weisheit und seiner Lebenserfahrung hinbekommen hat. Diese Fähigkeit haben nicht viele und das fehlt im ganzen System."
Was muss sich ändern?
Savchenko: "Es muss gut ausgebildete Trainer geben - professionell vor allem auch im mentalen Bereich. Und es muss mehr Teamarbeit geben, nur als Team kann man große Ziele erreichen. Ich kenne die Mama von Kamila und ich habe auch mit ihr gesprochen. Das ist eine bodenständige Frau, die ihrem Kind das Beste wünscht und alles dafür gibt. Ich weiß aber nicht, wie viel Einfluss sie in dem Team hat. Wie die Trainerin ist, kann ich nicht einschätzen, ich habe sie nur beobachtet. Das hat mir gereicht."
Wäre ein Mindestalter angebracht?
Savchenko: "Ein Mindestalter wäre sehr wichtig und würde sehr helfen. Ab 16, 17, 18 wäre es vertretbar. Mit 15 ist man doch noch zu jung. Mit 17 oder 18 geht man mit anderen Gedanken an die Sache heran und kann vielleicht selbst entscheiden: Mache ich das oder mache ich das nicht?"
Zur Person Aljona Savchenko: Zusammen mit ihrem Partner Bruno Massot erfüllte sich die gebürtige Ukrainerin vor vier Jahren ihren ganz persönlichen olympischen Traum und gewann im fünften Anlauf die Goldmedaille im Paarlauf. Vorausgegangen waren fünf WM-Titel an der Seite von Robin Szolkowy. Im September 2019 brachte Savchenko (38) ihre Tochter Amilia in Oberstdorf zur Welt. Für Eurosport arbeitet sie bei den Olympischen Winterspielen in Peking als Expertin für Eiskunstlauf.
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