Formel 1: Hans-Joachim Stuck im exklusiven Interview über das WM-Finale zwischen Verstappen und Hamilton in Abu Dhabi
Max Verstappen hat sich im dramatischsten WM-Finale der Formel-1-Geschichte den ersten Weltmeistertitel gesichert. In der letzten Runde der Saison profitierte der Niederländer von einer Entscheidung der Rennleitung und überholte Lewis Hamilton in sprichwörtlich letzter Sekunde. Hans-Joachim Stuck sagt deshalb exklusiv bei bei Eurosport.de: "Verstappen hat Michael Masi den Titel zu verdanken!"
Max Verstappen (Red Bull), Lewis Hamilton (Mercedes) - GP Dhabi 2021
Fotocredit: Getty Images
Das große Finale der Formel 1 in Abu Dhabi wird als das wohl spektakulärste in der 71-jährigen Geschichte der Rennserie eingehen.
Nicht nur gingen die Titelrivalen Max Verstappen (Red Bull) und Lewis Hamilton (Mercedes) punktgleich ins letzte Saisonrennen, das Duell entschied sich zudem erst in der letzten Runde des Jahres.
Zuvor hatte die Rennleitung eine im Anschluss an das Rennen kontrovers diskutierte Entscheidung während einer Safety-Car-Phase getroffen, die Verstappen das Überholmanöver in sprichwörtlich letzter Sekunde ermöglichte und ihm so den Titel bescherte. Mercedes hatte deshalb offiziell Protest eingelegt, der jedoch abgewiesen wurde. Bis zum Donnerstag hat der Rennstall nun Zeit, Einspruch gegen das Urteil einzulegen.
Im exklusiven Gespräch mit Eurosport.de schätzt der ehemalige Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck die Rolle des Renndirektors im WM-Kampf ein, adelt Verstappen als besten Fahrer der Saison und wagt einen Blick in die Zukunft bei Sebastian Vettel und Mick Schumacher.
Herr Stuck, wie beurteilen Sie das Hin und Her in der Schlussphase rund um die Entscheidung der FIA, die überrundeten Fahrer erst nicht und dann doch überholen zu lassen?
Hans-Joachim Stuck: Man muss deutlich sagen, dass in den Reihen der FIA Handlungsbedarf besteht. Dieses Durcheinander ist eines Weltmeisterschaftskampfes in der Formel 1 nicht würdig. Dass der Herr Masi (Michael Masi, Renndirektor der Formel 1; Anm. d. Red.) den überrundeten Autos in der letzten Runde noch gestattet, vorzufahren, ist schön für die Fans und für Max Verstappen, dem so noch eine Chance gewährt wurde. Aber das Reglement besagt eben, dass überrundete Autos erst wieder hinten anschließen müssen, bevor es weitergeht. Das sind alles Entscheidungen, die keiner mehr nachvollziehen kann, für mich ist da keine Stringenz drin. Es war ein spannendes Finale, das Verstappen verdient gewonnen hat. Er ist beste Fahrer, ist ultra spät auf der Bremse. Es hätte jedoch auch anders ausgehen können.
Woran liegt das ihrer Meinung nach?
Stuck: Der Herr Masi hat einfach noch nicht die Erfahrung, wie sie ein Charlie Whiting (ehemaliger Renndirektor der Formel 1, Anm. d. Red.) hatte. Aber als FIA muss ich da einen hinsetzen, der sich auskennt und die richtigen Entscheidungen trifft.
Glauben Sie, dass Masis Entscheidung deshalb so ausfiel, weil er nicht wollte, dass diese Wahnsinns-Saison hinter dem Safety-Car endet?
Stuck: Das wäre ja alles schön und gut - aber dann hätte er das auch richtig machen müssen. Verstappen hat Masi den Titel zu verdanken. Ohne die Entscheidung des Renndirektors hätte er niemals an Hamilton vorbeifahren können. Das muss man so sehen. Dennoch war es gut, das Rennen noch einmal freizugeben - nur hätte das dann früher passieren müssen. Genau wie beim letzten Rennen in Saudi-Arabien sind in Abu Dhabi Ad-hoc-Entscheidungen getroffen wurden, die einfach verrückt sind. Die Regelauslegung ist ein Witz. Das geht nicht. Man muss sich darum kümmern, dass da vernünftige Ansagen kommen, die dem Regelwerk entsprechen und dann auch genau so angewendet werden.
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Toto Wolff (Mercedes) und Christian Horner (Red Bull) beim GP von Abu Dhabi
Fotocredit: Imago
Der Protest von Mercedes ist nachvollziehbar und gerechtfertigt. Aber hat er auch Aussicht auf Erfolg?
Stuck: Wenn ich das wüsste. Ich hoffe es nicht, weil im Endeffekt haben ja die zwei besten Fahrer gegeneinander gekämpft. Verstappen hatte eben die frischeren Reifen, das hat Red Bull taktisch einfach gut gemacht. Für mich hat der Bessere gewonnen. Ich hoffe nicht, dass durch eine Entscheidung am Grünen Tisch noch einmal was geändert wird. Das würde ich nicht für fair halten.
Max Verstappen ist für Sie also der verdiente Weltmeister?
Stuck: Auf jeden Fall - er war der beste Fahrer der Saison. Ich habe das genau studiert. Abgesehen von den vielen fast schon außerirdischen Bremsmanövern, die der Max da hingelegt hat, ist er für mich im Moment der konsequenteste Pilot. Er nutzt das Auto einfach mehr aus, als es ein Hamilton tut. Verstappen ist eben der Jüngere und für mich auch der Bissigere.
Sieht es das Fahrerfeld ähnlich oder ist er dort derjenige, der den Titel nur geholt hat, weil man in der letzten Runde das Reglement zu seinen Gunsten geändert hat?
Stuck: Nein, nein, nein - das glaube ich nicht. Man hat ja auch gesehen, wie die Fahrer zu ihm gekommen sind, wie sie ihm gratuliert haben. Diese Diskussion wird sich nicht stellen. Dass es vielleicht einen geben wird, der sagt: ‚Das hat er schön geschenkt bekommen’ - vielleicht. Aber das ist ganz sicher nicht die allgemeine Meinung unter den Fahrern.
Hatte Verstappen in Sergio Perez zum Saisonfinale den besseren Teamkollegen als ihn Hamilton in Valteri Bottas hatte?
Stuck: Max hat schon im Rennen gesagt: 'Sergio Pérez is a legend' - und das kann man genauso sagen. Pérez hat Hamilton fast sechs Sekunden gekostet und das fair und mit aller Konsequenz. Ob Bottas dasselbe getan hätte? Wer weiß. Zu der Situation kam es ja nicht. Aber was der Sergio da gemacht hat: Chapeau! Das war wirklich sensationell. Es war nicht unfair, sondern er hat einfach hart gekämpft. Das kann ihm keiner übel nehmen.
Hätten Sie Bottas im Fall der Fälle eine ebenso aufopferungsvolle Rolle zugetraut?
Stuck: Bottas hätte so etwas faktisch schon machen können. Er kann Auto fahren, das hat er bewiesen. Ob er sich dann schlussendlich in der Form reingeworfen hätte, obwohl sie ihn bei Mercedes abserviert haben, das weiß man natürlich nicht. Es gab aber auch die Gelegenheit nicht.
Nach sieben Jahren ist die Mercedes-Dominanz fürs Erste gebrochen. Ist Verstappens Triumph als Wachablösung zu sehen?
Stuck: Zumindest hat Red Bull jetzt mal eine Wendung herbeigeführt, die sich viele gewünscht haben. Aber, das haben wir auch schon bei Schumacher und Ferrari gesehen: Irgendwann endet jede Ära. Es ist toll, dass wir in diesem Jahr zwei Fahrer hatten, die bis zur letzten Minute gekämpft haben. Das ist einfach gut für die Formel 1. Aber Wachablösung? Die Rennperformance von Hamilton war in Abu Dhabi am Anfang klar besser - Mercedes war schon flott unterwegs. Auch wenn das Überholmanöver von Verstappen in der ersten Runde funktioniert hätte: Max hätte Lewis nicht halten können. Mercedes ist auf einem super Niveau und das wird auch so weitergehen. Nochmal: Wachablösung? Ja, weil jetzt mal ein anderes Team einen Titel geholt hat. Aber rein von der Performance muss man Mercedes weiterhin voll auf dem Zettel haben.
Werden die Änderungen am Reglement ab der kommenden Saison uns ab sofort jährlich solch spannende WM-Kämpfe bescheren?
Stuck: Ich habe schon häufiger gesagt: Es kann nicht sein, dass 20 Autos im Feld sind, von denen aber nur vier gewinnen können. Die FIA muss also etwas machen, damit es noch spannender wird. Es wäre doch toll, wenn, ähnlich wie in der DTM, fünf verschiedene Marken um den Sieg mitfahren würden.
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Formel-1-Weltmeister Max Verstappen
Fotocredit: SID
Glauben Sie, dass es auch wichtig für die Schuhmacher-Familie war, dass Michael Schumachers WM-Rekord von sieben Titeln vorerst nicht von Hamilton geknackt wurde?
Stuck: Mich freut es für Michael und ich hoffe, dass er irgendwann wieder zurück ins Leben kommt. Das wünscht ihm jeder auf der Welt. Dass er nach wie vor der ungekrönte Champion ist, hat er sich hart erarbeitet und absolut verdient. Rekord hin oder her: Es wäre doch schön, wenn Hamilton nach einem möglichen Titel im kommenden Jahr Schumacher diese Krone live übergeben könnte.
Apropos kommendes Jahr: Was dürfen wir in 2022 von Sebastian Vettel erwarten?
Stuck: Vettel hat in dieser Saison Zeichen gesetzt und das Auto nach vorne gebracht. Das ist gar keine Frage. Die Probleme im ersten Jahr sind ganz normal, das Team muss sich erst noch formen. Für Aston Martin ist es ein Glücksfall, dass sie einen Sebastian Vettel bekommen haben. Er bringt dort seine ganze Erfahrung ein. Das wird sportlich gut weitergehen. Der Weg nach oben wird steinig, aber Vettel wird dort seinen Weg machen. Davon bin ich überzeugt.
Vettel ist also immer noch auf Topniveau unterwegs?
Stuck: Ihm fehlt's fahrerisch an nichts. Dass er nicht mehr auf der allerletzten, brutalsten Rille wie ein Max Verstappen bremst, ist klar. Aber Sebastian hat nichts verlernt und hat in diesem Jahr auch seinen Teamkollegen Lance Stroll im Griff gehabt. Den muss man erst einmal schlagen. Für mich hat Vettel seine Aufgabe erfüllt und sein Team deutlich mehr als nur einen Schritt nach vorne gebracht.
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Sebastian Vettel
Fotocredit: Getty Images
Wie beurteilen Sie die erste F1-Saison von Mick Schumacher?
Stuck: Ich würde sagen: Visitenkarte abgegeben. Es war für ihn das Wichtigste, seinen Teamkollegen im Griff zu haben - und das kann man ihm bescheinigen. Er hat Zeichen gesetzt und auch mal ein Auto weggeschmissen, was aber auch dazu gehört - das geht allen jungen Fahrern so. Eine super Geschichte wäre es natürlich, wenn die Gerüchte um einen Wechsel zu Aston Martin sich bewahrheiten würden und er mit Vettel zusammen in einem Team fahren könnte. Es könnte ihm nichts Besseres passieren.
Inwiefern wäre das hilfreich für Schumacher?
Stuck: Erstens mögen sich die beiden und zweitens hilft ihm der Sebastian auch noch, was ich unheimlich fair finde. Ich wünsche es mir für Mick, bei dem man ohnehin anerkennen muss, was er jetzt schon leistet. Die Situation um seinen Vater ist für einen jungen Mann wie ihn eine große Belastung. Man muss ihm dazu gratulieren, wie er das meistert, und wie er sich in der Öffentlichkeit gibt. Er ist ein eloquenter, wirklich toller Bursche - auch dank Sabine Kehm. Ich ziehe vor ihm drei Mal den Hut und wünsche mir, dass der nächste Schritt in einem besseren Team kommt. Dann wird man sehen: Wenn Mick im richtigen Auto sitzt, dann gewinnt er auch Rennen. Davon bin ich überzeugt.
Das Interview führte Marc Hlusiak
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Verstappen am Ziel seiner Träume: Der Weg zum WM-Titel
Quelle: SID
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