Eau Rouge. Der Name der Senke vor der Raidillon-Kurve steht wie kein zweiter für das "alte" Spa-Francorchamps und dessen besonderen Reiz. Doch in den vergangenen Jahren hat sich die legendäre Passage mehr und mehr zu einem Unfallschwerpunkt entwickelt. Auch am Wochenende des Belgien-Grand-Prix 2021 der Formel 1 hat es dort mehrfach gekracht. Was die Frage aufwirft: Sind Eau Rouge und Raidillon überhaupt noch zeitgemäß?
Die Veranstalter in Spa jedenfalls scheinen ihre Schlüsse aus den jüngsten Unfällen gezogen zu haben: Die Strecke soll noch dieses Jahr so umgebaut werden, dass im Kurvenkomplex Eau Rouge/Raidillon größere Sturzräume entstehen, womöglich durch ein Abtragen des Hügels links der Rennstrecke.
Denkbar ist auch, die aktuellen Reifenstapel durch Safer Barriers oder TecPro-Banden zu ersetzen. Damit würde man die Gefahr von zurückprallenden Fahrzeugen zumindest abmildern.
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Die meisten Fahrer befürworten diesen Schritt. Red-Bull-Mann Sergio Pérez etwa meinte: "Wir müssen das definitiv besser lösen." Auch Ungarn-Überraschungssieger Esteban Ocon von Alpine spricht sich für Änderungen aus. Tenor: "Wir müssen etwas tun, um diese Kurve sicherer zu machen."

Eau Rouge: F1-Fahrer respektieren die Kurve

Laut Ocon könne man den Fahrern keinen mangelnden Respekt vor der Passage vorwerfen. Das Argument, aufgrund der Auslaufzonen aus Asphalt sei den Fahrern die Gefahr nicht mehr bewusst, ziehe nicht, sagte der Franzose.
"Ich denke, alle Fahrer respektieren diese Kurve, weil sie wissen, wie gefährlich sie ist. Aber bei diesen Geschwindigkeiten stehen die Banden schlicht zu nahe. Die große Gefahr besteht dahin, dass ein Auto zurück auf die Strecke geschleudert werden kann", erklärte Ocon. Nachfolgende Fahrer sehen einen Zwischenfall vor ihnen aufgrund der Kuppe oft erst sehr spät und können dann nicht mehr rechtzeitig ausweichen.
Letzteres hat Spa-Francorchamps in der jüngeren Vergangenheit mehrfach gesehen, unter anderem beim tödlichen Unfall von Formel-2-Fahrer Anthoine Hubert in der Saison 2019 oder erneut beim Formel-1-Wochenende 2021 in der W-Serie.
WM-Kandidat Max Verstappen von Red Bull aber glaubte, die angekündigten Maßnahmen könnten Abhilfe schaffen. Er findet, die Änderungen "sehen sehr gut aus" und meint, das werde die Situation in Eau Rouge/Raidillon "wesentlich verbessern".
Verstappen sagte aber auch: "Motorsport wird nie vollkommen sicher sein. Das ist jedem bewusst. Man kann an dieser Stelle aber ein paar Sachen optimieren, und genau das passiert jetzt auch."

Sebastian Vettel (Aston Martin) in der Eau Rouge

Fotocredit: Getty Images

Eau Rouge: Hamilton und Ricciardo uneins

Mercedes-Fahrer Lewis Hamilton, der vor dem Belgien-Grand-Prix 2021 die WM anführt, wirkte nicht überzeugt. Er hatte sich schon vor dem Qualifying über eine Bodenwelle bei der Anfahrt zur berühmten Passage beschwert. "Diese Bodenwelle müssten sie einfach rausnehmen und Eau Rouge so lassen, wie es ist", meinte Hamilton.
Er wirkte nicht einverstanden mit den nun vorgestellten Lösungen und den vergrößerten Sturzräumen, formuliert seine Gedanken aber nicht explizit aus. Hamilton sagte nur: "Ich denke, das Geld könnte man sich sparen."
Daniel Ricciardo von McLaren wiederum bezog eine genau gegensätzliche Position. Seine These: Wenn es der Sicherheit dient, dann soll Eau Rouge ruhig modifizierte werden. Im O-Ton klang das so: "Die Kurve wäre auch dann noch furchteinflößend und spannend, wenn man die Banden etwas weiter nach hinten versetzen würde."
Verfechtern der aktuellen Kurvenkombination würde Ricciardo vorhalten, dass der "wahre Charakter der Kurve" unangetastet bliebe. "Man würde damit nur unnötiges Gefahrenpotenzial entfernen."
Ricciardo weiter: "Wenn wir an dieser Stelle nur kleine Änderungen vornehmen und den Kurs damit sicherer machen, kommen wir alle gerne wieder hierher zurück und werden sicher nicht versuchen, die Strecke aus dem Kalender zu nehmen. Und wenn es kleine Änderungen braucht, um diesen Kurs im Kalender zu halten, dann sollten wir es machen, weil Spa einfach mega ist."

Eau Rouge: Unfall-Serie in den vergangenen Jahren

Eau Rouge werde immer ein Mythos bleiben, meinte Ricciardo. "Es sei denn vielleicht, man hat unendlich viel Auslauf wie auf einem Flugplatz. Wenn man hergehen würde und den Kurvenscheitel ändern oder das Layout anpassen würde, dann hätte ich vielleicht ein paar mehr Bedenken. Wenn es aber nur um die Banden geht, dann ist das schon okay."
Sein McLaren-Teamkollege Lando Norris pflichtete ihm an dieser Stelle bei. Norris selbst war im Formel-1-Qualifying am Samstag auf nasser Strecke ausgangs Eau Rouge abgeflogen und hart in die Reifenstapel eingeschlagen, dabei aber unverletzt geblieben.
Auch er sprach sich für Änderungen aus: "Natürlich: Wir alle wollen diesen historischen Teil von Spa erhalten. Doch rein sicherheitstechnisch sind da zuletzt sehr viele Unfälle passiert, und das will niemand von uns."
Ex-Champion Fernando Alonso glaubt aber nicht, dass Eau Rouge und Raidillon nach den Umbauarbeiten weniger reizvoll sind. "Diese Stelle wird immer anspruchsvoll bleiben", meinte der Alpine-Fahrer. Und: "Das Risiko kriegen wir da wahrscheinlich nie raus."
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Eau Rouge: Wolff findet Diskussion schwierig

Wohl auch aus diesem Grund findet Mercedes-Teamchef Toto Wolff die Diskussion um Eau Rouge "schwierig", wie er sagte.
Er meinte weiter: "Wenn man sich in die Fahrer hineinversetzt, die an dieser Stelle verunfallt sind oder sich weh getan haben, oder in die Position von Menschen, die dort jemanden verloren haben, dann ist die Stelle vielleicht nicht mehr angemessen. So war es aber schon immer im Motorsport. Es ist sehr gefährlich, unabhängig von den Kurven. Dessen muss man sich bewusst sein, bevor man ins Auto steigt."
Und ob ein Kiesbett statt einer Asphaltfläche schon ausreichen würde, um die Passage zu entschärfen? Ricciardo glaubte das nicht: "An manchen Stellen ist Kies die bessere Lösung, aber bei Eau Rouge bin ich mir nicht so sicher."
Er erklärte: "Wenn man bei hoher Geschwindigkeit das Auto verliert und seitlich ins Kiesbett rutscht, hätte man das Risiko, dass sich ein Rad [im Kiesbett] verfängt und man einen Überschlag hinlegt. Und das könnte sogar noch schlimmer sein."
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