George Russell sprang auf dem Podium wie ein kleines Kind hin und her.
Der 23-jährige Williams-Pilot ließ sich nach dem verrückten Chaos-Rennen in Spa-Francorchamps von seinem Team und den Fans feiern. Völlig zurecht, auch wenn nur drei Runden hinter dem Safety Car absolviert wurden.
Klar, es mag etwas merkwürdig anmuten, dass sich ein Fahrer so über sein Ergebnis freut, obwohl kein "richtiges" Rennen gefahren wurde. "Sieger" Max Verstappen (Red Bull) sowie Lewis Hamilton (Mercedes) zeigten auf dem Treppchen schließlich wenig bis gar keine Emotionen.
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Doch Russells Gefühlswelt ist komplett erklärbar. Der junge Brite hat nicht nur mit seinem zweiten Platz in Belgien das mit Abstand beste Formel-1-Ergebnis seiner Karriere eingefahren, sondern auch für sein in den vergangenen Jahren so erfolgloses britisches Team den ersten Podestplatz seit 2017 geholt.

Spa-Francorchamps: Regen gehört einfach dazu

Seine Nebenmänner auf dem Podium, die WM-Rivalen Hamilton und Verstappen, dachten routiniert zunächst an die zahlreichen Zuschauer auf den Tribünen, die stundenlang im Regen verharrten und letztlich umsonst auf Rennaction warteten. Auch die Fans vor den TV-Bildschirmen sowie die Teams und Fahrer selbst mussten sich an diesem denkwürdigen Sonntag in Geduld üben - was für kritische Töne bei einigen Beteiligten sorgte.
"Ich glaube, der Veranstalter und die Verantwortlichen haben alles versucht, das Rennen über die Bühne zu bringen, damit die Verpflichtungen erfüllt sind mit dieser Kompromisslösung. Aber ich finde es nicht gut, dass man das Publikum so lange hingehalten hat. Das hätte man gleich am Anfang machen können", äußerte Red Bulls Motorsport-Chef Dr. Helmut Marko nach Rennende bei "Sky" harsche Kritik an der Rennleitung.

Max Verstappen und Helmut Marko (r.)

Fotocredit: Getty Images

Dabei hat diese fast alles richtig gemacht. Die FIA um Rennleiter Michael Masi muss auf die Wettersituation kurzfristig reagieren. Das primäre Ziel ist immer, den Grand Prix durchzuführen, ohne dabei die Sicherheit der Fahrer zu gefährden.
So hoffte die Rennleitung bis zuletzt auf eine Verbesserung der Wettersituation und wartete deshalb ab. Daher wurde der Re-Start auch immer weiter nach hinten geschoben. Ein übliches Szenario bei Freiluftsportarten - Wintersportfans kennen das z.B. vom Skispringen.
Zudem gab es in der Vergangenheit schon Situationen, in denen sich der lange Atem der FIA auszahlte. Legendäre Rennen wie in Fuji 2007 oder Montréal 2011 sind nur zustande gekommen, weil die F1 Geduld bewiesen hat. Solange bis das Wetter besser wurde.

Spa-Francorchamps: Die FIA hat fast alles richtig gemacht

Eine 24-stündige Verschiebung des Rennens wäre aufgrund der engen Renntaktung, der strengen Corona-Regeln sowie unter logistischen Aspekten schwer geworden.
Einzig die Kommunikation nach außen kann man dem Masi-Team vorwerfen. Nicht nur die Fans haben unzureichend Informationen über das weitere Vorgehen während der Unterbrechung bekommen. Die Teams mussten aktiv auf die Rennleitung zugehen, um die Pläne der FIA mitzubekommen.

Max Verstappen (vorne) in Spa-Francorchamps

Fotocredit: Imago

Eine absolut richtige Entscheidung war die Verteilung halber Punkte. Erst zum sechsten Mal in der F1-Geschichte wurde ein Grand Prix so vorzeitig abgebrochen, dass nicht die Mindestanzahl an Runden für volle Punkte gefahren werden konnte.
"Wird ein Sprint-Qualifikationstraining oder Rennen gemäß Artikel 50 unterbrochen und kann nicht wieder aufgenommen werden, werden keine Punkte vergeben, wenn der Führende zwei Runden oder weniger absolviert hat, halbe Punkte, wenn der Führende mehr als zwei Runden, aber weniger als 75 Prozent der ursprünglichen Sprint-Qualifikation oder Renndistanz absolviert hat, und volle Punkte, wenn der Führende 75 Prozent oder mehr der ursprünglichen Sprint-Qualifikation oder Renndistanz absolviert hat", heißt es im Regelwerk.
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Spa-Francorchamps: Ein F1-Wochenende ist mehr als nur das Rennen

So endet mit dem Rennen ein komplettes Formel-1-Wochenende. Zuvor sind Fahrer und Teams in den drei Freien Trainings sowie im Qualifying auf der Rennstrecke gefordert und feilen zudem in stundenlangen Team-Meetings immer wieder am Set-up des Autos für das Rennen. Dieses ist daher letztendlich nur der Höhepunkt, nicht aber die einzige Leistung, die Punkte verdient.
Deshalb ist es nur gerecht, wenn ein Russell den Lohn für seine grandiose Arbeit in Spa-Francorchamps am Ende auch in Form von Rang zwei einfährt, statt ohne Punkte die Reise nach Zandvoort anzutreten. Er hat es sich verdient.
Wie immer gibt es bei einem chaotischen F1-Rennen neben Gewinnern aber auch einige Verlierer, welche die Gerechtigkeit des Abbruchs und das Ergebnis naturgemäß anzweifeln.
Doch auch das gehört zum Sport und zur Formel 1 dazu. George Russell wird das völlig egal sein.
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