Diese Polarisierung gibt's nicht nur zwischen den jeweiligen Fancommunities von Red-Bull-Verstappen und Mercedes-Hamilton auf Social Media, sondern auch zwischen den Teams selbst. Andrew Shovlin etwa, der leitende Renningenieur von Mercedes, fand: "Wir glauben nicht, dass die Strafe verdient war." Auch er bezog sich auf das inzwischen berühmt gewordene Diagramm: "Wenn man sich den Leitfaden anschaut, der für die Kommissare die Grundlage für die Entscheidung darstellen soll, wer bei einem missglückten Überholmanöver schuld ist, dann war Lewis ausreichend neben Max und Max hätte ihm mehr Platz lassen müssen."
Bereits zuvor hatte Teamchef Toto Wolff im Interview mit "Sky" erklärt: "Sie müssen auch nicht auf gleicher Höhe sein. Das ist nicht die Regel. Die Regel in der Formel 1 ist, dass dein Reifen über die Hälfte des vorausfahrenden Autos liegen muss. Das ist die Regel. Und so steht es auch auf dem Papier. Und das ist Lewis hier bei weitem."
Tatsächlich ist Hamilton kurz vor der Kurve bereits fast auf gleicher Höhe mit Verstappen, übererfüllt also die Voraussetzungen des Diagramms sogar. In der Kurve zieht er dann allerdings zurück. Um Verstappen, der scharf nach innen zieht, auszuweichen? Oder weil er vom Gas muss, weil er die Kurve sonst nicht geschafft hätte? Darüber wird unter Fans heftig gestritten.
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Wolff: Es ist nie nur einer schuld, wenn zwei crashen

Tatsache ist auch, dass Hamilton beim Verstappen-Manöver etwa eine Wagenbreite weiter außen in die Kurve einlenkt als später beim Leclerc-Manöver, das oftmals als Vergleich herangezogen wird. Gleichzeitig zieht Verstappen an dem Punkt viel schärfer nach innen als später der Ferrari-Pilot. "It takes two to tango", meinte Wolff, für den keiner alleinig am Crash schuld ist.
"Wenn du innen bist und mit deinem Frontflügel über der Hälfte des anderen Autos, dann ist es deine Kurve", unterstrich er. Die Ansicht, dass Hamilton zurückziehen hätte müssen, teilte er nicht: "Er kann das Eck auch gleich aufgeben und sagen: 'Ich lasse ihn vorneweg fahren und er gewinnt das Rennen.' Aber wir sehen hier zwei Fahrer, die mit dem Messer zwischen den Zähnen kämpfen."
"Es war ein Highspeed-Unfall, und die Stewards haben gefunden, dass bei einem Highspeed-Unfall wahrscheinlich auch zwei dazugehören. Deshalb die zehn Sekunden", vermutete Wolff und unterstellte: "Wäre das in einer langsamen bis mittelschnellen Kurve passiert, hätte es keine Diskussionen gegeben, ob das fünf oder zehn Sekunden Strafe geben muss."
"Aber es war ein Einschlag bei hoher Geschwindigkeit, in einer Kurve, in der du schon alleine Mut brauchst, um sie voll zu nehmen. Wenn zwei Autos nebeneinander da reinfahren, dann müssen sie einander Platz lassen, und das war eindeutig nicht der Fall", sagte er und ergänzte: "Ich finde, beide Fahrer hatten ihren Anteil am Unfall, nicht einer allein. So klar ist es nie."

Hamiltons Sportsgeist in Frage gestellt

Was im Mercedes-Lager für Enttäuschung sorgt, sind die Unterstellungen aus dem Red-Bull-Camp, Hamilton habe sich unethisch verhalten, indem er nach dem Rennen ausgelassen seinen Sieg feierte, ohne sich nach Verstappen zu erkundigen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Hamilton schon am Boxenfunk nach dem Crash danach gefragt hatte, ob Verstappen okay ist.
Und auch die Aussagen von Christian Horner, der siebenmalige Weltmeister sei wie ein Amateur gefahren und habe eine verzweifelte Brechstangenattacke geritten, kamen bei Mercedes nicht gut an. "Lewis", stellte Wolff klar, "ist das Gegenteil von jemandem, der schmutzig fährt. Er ist ein Sportsmann, und er war noch nie in irgendwelche großen Zwischenfälle verwickelt."
Dass Hamilton in Copse ein Statement setzen wollte, um Verstappen zu zeigen, dass er sich im Zweifel auch wehrt, mag eine Rolle gespielt haben. Bereits nach dem kleinen Rempler in Imola, heißt es, hatte er das Gefühl, dass Verstappen zur Not auch bereit ist, mit härteren Bandagen zu kämpfen. Und der Sprint am Samstag könnte dieses Gefühl verstärkt haben.
"Wenn man an den Sprint denkt oder auch an die erste Runde des Rennens, dann musste Lewis immer und immer wieder zurückstecken, um eine Kollision zu vermeiden", fand Shovlin. "Dann sah er mal eine Möglichkeit, sein Auto so zu positionieren, dass er dagegenhalten kann. Max ist halt ein aggressiver Fahrer. Es war vorhersehbar, dass es irgendwann zu einem Unfall kommen würde."
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