51 g.
Mit einer solchen Wut schlug Max Verstappen (Red Bull) beim Großen Preis von Großbritannien in Silverstone in die Reifenstapel ein. Titelrivale Lewis Hamilton (Mercedes) hatte in der Corpse-Kurve mit seinem linken Vorderreifen den rechten Vorderreifen berührt.
Mit g-Kräften wird die Belastung gemessen, die aufgrund einer Änderung der Richtung der Geschwindigkeit auf den menschlichen Körper einwirkt. Bei Astronauten im Space-Shuttle sind das vier g, Piloten in Kampfjets müssen bis zu zehn g standhalten.
GP von Großbritannien
Wolff mit Rückendeckung für Hamilton: "Keiner, der schmutzig fährt"
21/07/2021 AM 11:58
Dass Verstappen bei der Einschlagswucht von 51 g ohne größere Verletzungen davongekommen ist, ist großes Glück. Dieser Unfall wird allerdings die Beziehung zwischen den beiden Titelrivalen Verstappen und Hamilton sowie Red Bull und Mercedes nachhaltig verändern.
Jetzt ist Schluss mit lustig, im WM-Kampf wird von nun an mit harten Bandagen gekämpft.

Verstappen will Dominator Hamilton entthronen

Dabei hatten sich Hamilton und Verstappen bereits in der Vergangenheit einige harte Zweikämpfe geliefert. Auch speziell in dieser Saison – wie in Bahrain oder in Frankreich – doch geknallt hat es nie.
Verstappen gilt als legitimer Kronprinz von Dominator Hamilton, der seit 2014 die F1 nach Belieben beherrscht und satte 77 Siege in den vergangenen siebeneinhalb Jahren mit Mercedes eingefahren hat. Das 23-jährige Supertalent Verstappen gegen den 36-jährigen Seriensieger - es ist auch ein Duell der Generationen.
Hamilton könnte mit dem Titel 2021 und seinem insgesamt achten Triumph alleiniger F1-Rekordweltmeister werden und damit endgültig an Michael Schumacher vorbeiziehen. Verstappen will die Serie des Briten brechen und die letzte Chance vor der Einführung des neuen Reglements in der kommenden Saison nutzen. Denn dann werden die Karten komplett neu gemischt.
Und da Red Bull nun erstmals seit 2013 wieder das beste Auto im Feld hat, ist es Verstappens bisher größte Chance in seiner Karriere auf den ganz großen Wurf. Doch Hamilton und Mercedes wollen sich nicht so einfach geschlagen geben.

Red Bull greift Mercedes scharf an

Das Team mit den Sternen wehrte sich insbesondere auch auf verbaler Ebene, wo die Giftpfeile bereits seit Wochen hin und her fliegen. Zuerst beschwerte sich Mercedes lautstark über den Heckflügel des Red Bull und warf den Österreichern einen Regelbruch vor. Red Bull konterte und prangerte den Heckflügel des Kontrahenten an.
Nach dem Unfall in Silverstone monierte Red Bull, dass Mercedes sich nach Verstappens Zustand im Krankenhaus erkundigte. "Wir hatten seit Jahren einen guten Kontakt, Toto Wolff rief immer wieder an und schmierte uns Honig ums Maul. Nach dem Crash meldete er sich nicht. Das zeigt, welchen Charakter er hat. Er braucht jetzt nicht mehr anzurufen", feuerte Verstappens Vater Jos im "Münchner Merkur" in Richtung des Mercedes-Teamchefs.
Zuvor hatte Red-Bull-Motorsportkonsulent bei "Sky" die Schuldfrage für den Unfall ganz klar bei Mercedes gesehen und die "Höchststrafe" gegen Hamilton gefordert: "So ein gefährliches und rücksichtsloses Verhalten gehört mit einer Sperre bestraft."
Auch Teamchef Christian Horner ging Hamilton verbal an. "Es war ein verzweifeltes Manöver. Das erwartet man von einem siebenmaligen Weltmeister nicht", meinte der 47-Jährige.

Lewis Hamilton (Mercedes; links) und Christian Horner (Red Bull)

Fotocredit: Imago

Hamilton reagiert cool auf Kritik

Hamilton reagierte nach seinem Sieg auf die Kritik angesprochen cool: "Es ist wichtig, dass wir mal einen Schritt zurückgehen. Natürlich kochen die Emotionen hoch. Ich weiß, wie das ist, Punkte zu verlieren und in der Position zu sein", so der 36-Jährige.
Mercedes-Chef Wolff allerdings preschte selbst vor und attackierte die Gegenseite. "Wenn zwei Autos nebeneinander da reinfahren, dann müssen sie einander Platz lassen, und das war eindeutig nicht der Fall. Ich finde, beide Fahrer hatten ihren Anteil am Unfall, nicht einer allein. So klar ist es nie", meinte er.

Lewis Hamilton jubelt nach seinem Sieg in Silverstone mit der Flagge Großbritanniens

Fotocredit: Getty Images

Unterstützung bekam Mercedes von den erfahrenen Fernando Alonso (Alpine) und Daniel Ricciardo (McLaren), die den Crash als Rennunfall bezeichneten. Die Rennkommissare sahen das anders und belegten Hamilton mit einer Zehnsekunden-Strafe. Trotzdem gewann der Rekordweltmeister sein Heimrennen.
Nicht nur die aus Red-Bull-Sicht milde Strafe wurde anschließend heftig diskutiert, vor allem auch die Reaktion von Hamilton nach der Zieldurchfahrt.

Verstappen sauer über Hamilton-Jubel

Der Superstar schwenkte auf der Ehrenrunde eine Flagge mit dem Union Jack und wurde dabei von 140.000 britischen Fans bejubelt.
"Diese Feierlichkeiten während ich noch in der Klinik war sind respektlos und unsportlich", schrieb Verstappen auf Instagram und machte seinen Unmut deutlich: "Man feiert nicht seinen Sieg derart euphorisch, wenn der Kollege noch im Krankenhaus ist."
Während bislang nur die Streitigkeiten zwischen den Teams entbrannt war, gerieten nun also zum ersten Mal auch die beiden Spitzenfahrer verbal so richtig aneinander.
Denn auch Hamilton schoss einen Giftpfeil in Richtung des Niederländers. "Ich denke nicht, dass ich mich für irgendetwas entschuldigen muss. Das ist Rennsport. Natürlich hätte ich es lieber ausgefahren. Aber wenn einer zu aggressiv ist, dann passiert so etwas", meinte er kühl.

WM-Kampf wieder offen - neue F1-Rivalität entsteht

Durch seinen insgesamt 99. Karriereerfolg hat der Titelverteidiger in der WM-Wertung wieder aufgeschlossen. Mit 177 Punkten liegt er nur noch acht Zähler hinter Verstappen. Da auch Valtteri Bottas in Silverstone als Dritter für Mercedes kräftig Punkte fürs Team sammelte und Sergio Pérez für Red Bull leer ausging, haben die Silberpfeile 40 Punkte auf einen Schlag in der Konstrukteurs-WM aufgeholt. Dort führt Red Bull nur noch mit vier Zählern.
Teamchef Horner glaubt allerdings nicht, dass Verstappen nach Silverstone aus der Bahn geworfen wird. "Er ist jung und gesund. Er wird schnell wieder voll da sein. Mental ist Max sehr, sehr stark. Und wenn überhaupt, dann wird das seine Entschlossenheit nur bestärken."
Sollte sich das bestätigen, könnte in der Formel 1 eine neue Rivalität entstehen. Große WM-Kämpfe zweier Erzfeinde sind ja keine Ausnahme. Niki Lauda gegen James Hunt oder Nelson Piquet gegen Nigel Mansell sind da passende Beispiele. Die allergrößte Rivalität bestand aber zweifelsohne zwischen Ayrton Senna und Alain Prost, die sich gegenseitig regelmäßig für den Titel ins Auto fuhren.
Einigkeit zwischen den Topteams und deren Fahrern in Silverstone bestand abseits der Strecke in der gemeinsamen Verurteilung von rassistischen Kommentaren in den sozialen Netzwerken gegen Hamilton. "Wir mögen erbitterte Rivalen auf der Strecke sein, aber wir stehen zusammen gegen Rassismus. Für so etwas gibt es keine Entschuldigung", schrieb Red Bull auf Twitter und sprang dabei Mercedes und Hamilton zur Seite.
Auf der Strecke hingegen ist in Großbritannien endgültig eine neue Rivalität geboren worden.
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