Der Große Preis von Saudi-Arabien am Sonntag lieferte einiges an Diskussionsstoff.
Neben den harten Manövern von Max Verstappen (Red Bull) gegen WM-Konkurrent Lewis Hamilton (Mercedes) sorgten einige Entscheidungen der Rennleitung um Renndirektor Michael Masi für Aufsehen - und bei Hans-Joachim Stuck für Unverständnis.
Im exklusiven Interview mit Eurosport.de spricht die Motorsport-Legende über das Chaos-Rennen in Dschidda, die WM-Entscheidung zwischen Hamilton und Verstappen sowie die Saison von Sebastian Vettel.
Grand Prix von Saudi-Arabien
Stuck: "Dann sollte man Vettel den Dienstwagen wegnehmen"
06/12/2021 AM 19:44
Das Interview führte Robert Bauer
Herr Stuck, wie lautet Ihr persönliches Fazit zum Rennen in Saudi-Arabien?
Hans-Joachim Stuck: Es war auf jeden Fall ein spektakuläres Rennen auf einer neuen, ultra-spektakulären Strecke. Man merkt an den ganzen Aktionen, ohne irgendwelche Namen zu nennen, dass die Spannung extrem hoch ist. Es geht um die WM-Entscheidung - jetzt ist Alarm. Jeder steht unter Hochspannung, was an den Reaktionen der Fahrer und des Managements ganz deutlich wird. Auch im Hinblick auf die im Nachgang getroffenen Entscheidungen muss man sagen, dass das alles relativ grenzwertig ist, was da aktuell abgeht.
Wie bewerten Sie das harte Brems-Manöver von Max Verstappen gegen Lewis Hamilton?
Stuck: Im Fernsehen hat man das nicht genau gesehen, aber in der Urteilsbegründung der FIA stand, dass er mit rund 60 bar gebremst hat, was relativ hoch ist. Was ich daran nicht verstehe ist, warum man so etwas macht, weil man damit nicht nur den Konkurrenten, sondern auch sich selbst in einen möglichen Ausfall treibt. Was da genau in den Leuten vorgegangen ist, darüber möchte ich mir kein Urteil erlauben. Ich habe in meinen fast 50 Jahren Motorsport nie einen Break-Check gemacht, darauf kann ich stolz sein, weil das einfach nicht gut ist. Man weiß allerdings nie, was da dahintersteckt. Warum ist Verstappen in der Szene in der Mitte gefahren und nicht links oder rechts? Warum ist Hamilton nicht sofort volles Rohr vorbeigefahren? Das sind alles Fragen, bei denen man nicht weiß, was in den Köpfen der Fahrer vorgegangen ist, deshalb muss man auch mit einer Beurteilung von außen vorsichtig sein.
Verstappen hat im Nachgang zwei Strafpunkte und eine Zehn-Sekunden-Strafe kassiert - hätte Ihrer Meinung nach eine härtere Strafe ausgesprochen werden müssen?
Stuck: Wenn die Begründung der Kommissare auf Tatsachen beruht, wovon ich ausgehe, dann wundert es mich, dass die Strafe so ausgefallen ist. In der Vergangenheit sind viele Dinge vorgefallen, die anders bestraft wurden. Ich stelle mir außerdem die Frage, warum man nach einem Rennstopp wieder einen stehenden Start macht - das verstehe ich nicht. Bei den Entscheidungen der FIA ist sehr viel Wankelmütigkeit dabei - aktuell kann ich davon nicht alle nachvollziehen. Für mich ist das sehr undurchsichtig. Ich kenne das Thema, weil ich selbst noch in der Formel E bei der FIA tätig bin und weiß, dass die Entscheidungen manchmal schwierig sind, gerade, wenn die Spannung derart hoch ist und du die Szene während des Rennens nicht stundenlang nachverfolgen kannst. Dabei spielen auch die Stewards eine wichtige Rolle. Beim Rennen am Sonntag war beispielsweise Vitantonio Liuzzi dabei, den ich für sehr kompetent halte. Was allerdings in Saudi-Arabien passiert ist, das habe ich in der Form noch nie erlebt. Das war schon sehr chaotisch, um es vorsichtig zu formulieren.

Max Verstappen (Red Bull; links) und Lewis Hamilton (Mercedes)

Fotocredit: Getty Images

Wie nehmen Sie den WM-Kampf zwischen Mercedes und Red Bull wahr? Das Duell scheint von Woche zu Woche mehr auszuarten und ins Persönliche abzudriften ...
Stuck: Solche Kämpfe, die auf der Strecke ausgetragen werden, lieben wir ja. Dass jetzt natürlich Emotionen hochkommen, ist ganz normal. Das Kuriose an der ganzen Sache ist, dass ein Großteil der beteiligten Personen Österreicher sind - Toto Wolff kommt aus Österreich und Red Bull auch. Das ist fast kein Nationenkampf mehr, sondern ein Kampf, der mehr oder weniger in Österreich stattfindet. Trotzdem hat es derart gewaltige emotionale Ausbrüche von Managern schon lange nicht mehr gegeben.
Beim Rennen in Saudi-Arabien sorgte außerdem eine kuriose Szene für Aufsehen, als Red Bull und die FIA via Boxenfunk über die Position von Verstappen nach dem zweiten Restart verhandelten. Wie bewerten Sie diese Aktion und haben Sie so etwas schon mal erlebt?
Stuck: Da muss ich ganz deutlich sagen, dass das überhaupt nicht geht! Ich habe während meiner Tätigkeit als Steward auch schon ähnliche Situationen erlebt, aber über eine Strafe zu verhandeln, während die Autos noch fahren, das geht einfach nicht - das ist ein absolutes No-Go!
Vor dem großen Saisonfinale in Abu Dhabi liegen Verstappen und Hamilton in der WM-Wertung gleichauf: Was glauben Sie, wer holt am Ende den Titel und warum?
Stuck: Das ist eine gute Frage. (lacht) Wenn man das vorhersagen könnte, könnte man viel Geld damit gewinnen. Für mich ist die WM-Entscheidung völlig offen. Ich sehe bei der Strecke in Abu Dhabi nicht unbedingt einen Vorteil für einen der beiden Fahrer. Es ist allerdings eine Strecke, bei der auch das Thema Track Limits wieder eine Rolle spielen kann. Das ist auch wieder so ein beklopptes Thema, muss man sagen. Das hat sich bei der Strecke in Saudi-Arabien wieder gezeigt, dass wenn du keine Track Limits hast, die Autos fast reihenweise abfliegen. Was ich mir wünschen würde, ist ein fairer Zweikampf oder sogar Vierkampf, wenn Bottas und Pérez ganz vorne mitfahren können, bei dem sich die Fahrer bis zum geht nicht mehr behaken, aber auf eine faire und sportliche Art und Weise. Ich persönlich glaube allerdings, dass dies von Red Bull abhängt. Ich finde es toll, dass Red Bull überhaupt in der Lage ist, um die WM mitzufahren, weil es ja kein Team wie Ferrari oder Mercedes ist - diese Leistung hat Anerkennung verdient. Ich persönlich halte auch Verstappen für den stärksten Fahrer im Feld. Wenn man sieht, mit wie viel Konsequenz er beim zweiten Restart in Saudi-Arabien an Hamilton vorbeigezogen ist und wie viel später er dabei gebremst hat - das kann nur er. Für mich hat Verstappen aktuell fahrerisch definitiv eine Ausnahmestellung.

Sebatian Vettel - Aston Martin

Fotocredit: Getty Images

Wie lautet Ihr Saisonfazit zu Mick Schumacher?
Stuck: Mick Schumacher zahlt im Haas aktuell sein Lehrgeld. Was ich allerdings toll finde, ist, dass er Nikita Mazepin, mit dem er sich effektiv messen kann, im Griff hat - das ist wichtig. Dass er in seinem ersten Jahr auch mal abfliegt, ist völlig normal. Das muss er lernen, sonst weiß er nicht, wo das Limit ist. Insgesamt lautet mein Fazit "Mick Schumacher: Aufgabe erfüllt." Er hat eine sehr gute Bewerbung abgegeben für das nächste Jahr und die Zukunft - das war einwandfrei.
Und wie sieht es bei Sebastian Vettel aus?
Stuck: Sebastian Vettel hat im Aston Martin in dieser Saison ein paar Highlights gesetzt, aber ansonsten muss ich sagen, dass ich persönlich ein wenig enttäuscht bin - da war nicht viel Besonderes dabei. Gerade bei solchen Aktionen wie in Zandvoort, als er einem Streckenposten den Feuerlöscher weggenommen hat, muss ich sagen, dass man so etwas nicht macht. Auch bei seinen Aussagen, dass er für ein Tempolimit auf der Autobahn ist, bin ich der Meinung, dass man ihm seinen Dienstwagen wegnehmen sollte - wo sind wir denn? Das geht einfach nicht! Sportlich gesehen kann er ohne Frage mithalten. Es gibt bei Vettel immer wieder Schwankungen, was allerdings auch an seinem Team liegt. Aus Sicht von Aston Martin ist die Saison insgesamt allerdings gut gelaufen - das macht Lust auf die Zukunft.
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