Hans-Joachim Stuck exklusiv: "Sebastian Vettel gehört zu den besten sechs Fahrern der Geschichte der Formel 1"

Mit einem echten Knall bog die Formel 1 in die Sommerpause ein: Der viermalige Weltmeister Sebastian Vettel beendet seine Karriere nach dem Rennen in Abu Dhabi. Der Königsklasse droht nun ein Jahr ohne deutschen Fahrer, denn auch Haas-Pilot Mick Schumacher ist noch ohne Vertrag für die kommende Saison. Zu Unrecht, meint Motorsport-Legende Hans-Joachim Stuck im Interview mit Eurosport.de.

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Mit einer Menge Spektakel bog die Formel 1 in die Sommerpause ein. Vor dem Grand Prix in Ungarn verkündete Sebastian Vettel sein Karriereende. Der Formel 1 droht daher eine Saison 2023 ohne deutschen Fahrer, denn nach "RTL"-Informationen legte Haas die Gespräche mit dem 23 Jahre alten Mick Schumacher vorerst auf Eis.
Zu Unrecht, wie der ehemalige Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck im exklusiven Interview mit Eurosport erklärt. Für den 71-Jährigen ist klar: "Haas wird keinen Besseren als Schumacher bekommen!"
Zudem spricht die Motorsport-Legende über die Dominanz von Weltmeister Max Verstappen im Red Bull, die vergebenen Chancen von Ferrari sowie die bizarre "Silly Season" in der Königsklasse mit dem drohenden Aus von Daniel Ricciardo bei McLaren.
Das Interview führte Pascal Steinmann
Herr Stuck, Sebastian Vettel hat mit seiner Rücktrittsankündigung zum Ende der Saison für einen echten Paukenschlag gesorgt. Wie bewerten Sie seinen Entschluss?
Hans-Joachim Stuck: Man muss seine Entscheidung natürlich respektieren. Ich glaube auch, dass sie für ihn zum richtigen Zeitpunkt kommt. Vettel hat vier Weltmeisterschaften gewonnen und ist ein absoluter Top-Pilot. Er sitzt aber nicht mehr in einem Siegerauto. Bevor er unter Wert geschlagen wird, ist seine Entscheidung, aufzuhören, nachvollziehbar. Nun ist die Zeit gekommen, in der er andere Dinge wichtiger findet und sich auf seine Familie konzentrieren kann.
Sie haben es angesprochen: Er ist viermaliger Weltmeister, hat 53 Rennsiege gefeiert und etliche Rekorde gebrochen. Wo steht Vettel in der Geschichte der Formel 1?
Stuck: In meiner Bestenliste gehört er auf jeden Fall zu den Top 6 in der Historie. Nach allem, was er geleistet hat, steht er definitiv in einer Reihe mit Michael Schumacher, Ayrton Senna, Jackie Stewart, Lewis Hamilton und auch Max Verstappen.
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In Indien 2013 krönte sich Sebastian Vettel zum viermaligen Formel-1-Weltmeister

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Max Verstappen zählt für Sie also bereits zu den besten Fahrern aller Zeiten?
Stuck: Ja. Max hat eine Qualität, die auch Senna außergewöhnlich beherrschte. Er ist der Fahrer, der am spätesten bremst. Da gibt es momentan niemanden, der ihm das Wasser reichen kann. Mit seinen Fähigkeiten gehört er ohne Frage zu den besten Fahrern.
Noch einmal zurück zu Vettel: Was trauen Sie ihm seinen letzten Rennen noch zu?
Stuck: Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Er wird kein Rennen mehr gewinnen, wenn nichts Außergewöhnliches geschieht. Man darf aber auch nicht zu viel erwarten, denn er hat keinen siegfähigen Boliden. Daher kann er an seine früheren Erfolge nicht mehr anknüpfen. Und das ist schade.
Kommen wir zum zweiten deutschen Fahrer: Laut Informationen von 'RTL' wurden die Vertragsgespräche zwischen Mick Schumacher und Haas vorerst auf Eis gelegt. Wo sehen Sie den 23-Jährigen im kommenden Jahr?
Stuck: Er hat sein Können in dieser Saison unter Beweis gestellt. Er gehört in ein Auto, das besser ist als der Haas. Sollte es mit einem anderen Team aus irgendwelchen Gründen nicht klappen, muss er das bei Haas eben noch ein Jahr mitmachen. Aber wenn Mick kein anderes Cockpit findet, würde ich nicht verstehen, wenn Haas da einen Zirkus veranstaltet. Denn die werden keinen Besseren bekommen.
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Günther Steiner (l.) und Mick Schumacher - Haas

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Würde ihn ein weiteres Jahr bei Haas mit Günther Steiner als Teamchef voranbringen?
Stuck: Bevor er kein Cockpit in der Formel 1 bekommt, ist er bei Haas gut aufgehoben. Er muss dabei bleiben, sich zeigen und Zeichen setzen, wie er es in diesem Jahr bereits getan hat. Aber ein Jahr nicht in der Formel 1 zu fahren, wäre tödlich.
Wie sehr fürchten Sie eine Formel-1-Saison 2023 ohne einen deutschen Fahrer?
Stuck: Es würde mich sehr wundern, wenn Schumacher nirgendwo unterkäme. Er zeigt einwandfreie Leistungen, das sehen die Verantwortlichen. Zudem bringt er einen super Namen mit. Ein Team, das einen jungen Fahrer sucht, kann nichts besseres tun, als einen Mick Schumacher zu verpflichten.
Vettel hatte Schumacher auch als seinen Nachfolger bei Aston Martin ins Gespräch gebracht. Dort übernimmt nun aber mit Fernando Alonso ein anderer Ex-Weltmeister das Cockpit. Inwieweit verwundert Sie das?
Stuck: Es überrascht mich. Alonso hätte ebenfalls ein siegfähiges Auto verdient. Andererseits ist es für ihn eine Chance, sich noch einmal zu beweisen. Er hat in dieser Saison gezeigt, dass er immernoch schnell fahren kann. Nun noch einmal ein Team nach vorne zu bringen, könnte eine reizvolle Aufgabe sein.
Durch seinen Wechsel hat Alonso bei Alpine ein echtes Wechselchaos ausgelöst. Der Rennstall vermeldete Oscar Piastri als Nachfolger, der Australier dementierte. Wie erklärten Sie sich das?
Stuck: Ich kenne die Hintergründe nicht. Da muss man vorsichtig sein.
Aber wie bewerten Sie das Chaos, inwieweit schadet das der Formel 1?
Stuck: Diese Wechselspiele hat es in der Formel 1 schon immer gegeben. Es ist auch Teil des Schauspiels in der Öffentlichkeit. Das gehört dazu. Es ist wichtig für den Rennsport, dass die Gerüchteküche brodelt, denn es ist auch ein Showbusiness.
Apropos Gerüchte: Es ranken sich auch viele Spekulationen um die Zukunft von Daniel Ricciardo. Wird der Australier kommende Saison noch in der F1 fahren?
Stuck: Ich wünsche es ihm, weil ich ihn für einen außergewöhnlich guten Fahrer halte. Zudem ist er in der Formel 1 ein Highlight, weil er einfach ein geiler Typ ist. Aber er wird es nicht einfach haben.
Inwiefern?
Stuck: Er ist ein Top-Pilot, der nun wohl – warum auch immer – seinen Platz bei McLaren verliert. Dann muss er sich überlegen, ob er um jeden Preis in der Formel 1 bleiben will oder ob er sich möglicherweise dazu entscheidet, ein anderes spannendes Projekt im Motorsport anzugehen.
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Charles Leclerc

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Lassen Sie uns vom Verhandlungstisch auf die Rennstrecke kommen: In Ungarn hat Ferrari zuletzt erneut wichtige Punkte aufgrund strategischer Fehler verloren. Wie lange kann sich Teamchef Mattia Binotto noch halten?
Stuck: Ich weiß nicht, wie lange Ferrari ihm noch Kredit gibt. Für mich ist aber etwas anderes immer noch ein Rätsel: Der Abflug von Charles Leclerc in Le Castellet.
Wie meinen Sie das?
Stuck: Wenn man sich den Unfall hundert Mal anschaut: Das Übersteuern kam nicht von ihm. Ich kann mir vorstellen, dass er vom Team angewiesen wurde, zu behaupten, dass er einen Fehler begangen hat, obwohl ein Problem am Auto vorlag. Das würde ich nicht ausschließen. Dort herrscht ein enormer Druck.
Woher rührt dieser Druck?
Stuck: Ferrari hat das Potenzial, aber sie haben es bisher noch nicht umgesetzt.
Inwieweit hat denn Leclerc das Potenzial, mit Max Verstappen überhaupt zu konkurrieren?
Stuck: Das hat er, keine Frage. Wie gesagt: Momentan steht Verstappen über allen anderen. Aber direkt dahinter kommen Fahrer wie Leclerc, Hamilton, Carlos Sainz oder George Russell, die ihm definitiv Paroli bieten können.
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So erklärt Verstappen seine Vertragsverlängerung bei Red Bull

Quelle: SNTV

In welchem Umfang trauen Sie Leclerc und Ferrari in der zweiten Hälfte zu, den Abstand zur WM-Spitze zu verkürzen?
Stuck: Das werden sie müssen. Ich meine, es ist Ferrari. Die müssen nun liefern. Sie haben ein hohes Potenzial. Aber wenn sie das umsetzen wollen, dürfen die Fehler, die ihnen dieses Jahr unterlaufen sind, nicht passieren. Es ist schade, wie viele Punkte sie in dieser Saison schon weggeworfen haben.
Inwieweit sind Sie überrascht davon?
Stuck: Wir wissen, dass bei Ferrari immer "Grande Casino" herrscht. Aber in diesem Jahr herrschte schon eine Menge "Casino". Sie sind aus eigenem Verschulden heraus unter Wert geschlagen worden. Wenn ihnen diese Fehler nicht unterlaufen wären, wäre Leclerc deutlich weiter vorne.
Der Abstand von Verstappen auf Leclerc beträgt schon 80 Punkte. Ist die Weltmeisterschaft bereits entschieden?
Stuck: Solange der Titel für sie rechnerisch möglich ist, darf man Ferrari nicht abschreiben. Die Basis ist aber, dass sie ihre Fehler abstellen. Technisch befinden sie sich auf einem sehr hohen Niveau. Man darf aber eines nicht vergessen: Der Fahrer Verstappen und das Team Red Bull stehen derzeit auf einem Sockel. Es läuft einfach bei ihnen.
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Max Verstappen triumphierte in Ungarn von Startplatz zehn.

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Was macht sie so stark?
Stuck: Sie sind unheimlich gut organisiert. Das beginnt bei Helmut Marko und endet bei der Fahrerpaarung Verstappen und Sergio Pérez. Da passt alles, sie harmonieren unheimlich gut. Denen muss man wirklich ein Kompliment aussprechen.
Was kann in der zweiten Saisonhälfte noch für Spannung sorgen, worauf freuen Sie sich?
Stuck: In ein, zwei Rennen wäre Regen schön, weil die fahrerischen Qualitäten noch mehr im Vordergrund stehen. Und: Ich freue mich auf den Kampf an der Spitze. Denn trotz der großen Punktedifferenz erleben wir eigentlich eine spannende Saison. Es gab viele interessante und tolle Rennen.
Welche Rolle kann auch Mercedes dabei spielen?
Stuck: Die sind wiedererstarkt. Gerade von Russell war ich in Ungarn sehr beeindruckt. Auch für Hamilton ist es großartig, dass er wieder voll dabei ist. Da können wir uns in der zweiten Saisonhälfte auf spannende Kämpfe zwischen den sechs Fahrern von Red Bull, Ferrari und Mercedes freuen.
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