Sebastian Vettel beendet seine Karriere in der Formel 1: Eine Legende auf und abseits der Rennstrecke
VonThomas Gaber
Publiziert 28/07/2022 um 17:55 GMT+2 Uhr
Sebastian Vettel beendet nach dieser Formel-1-Saison seine erfolgreiche Karriere als Rennfahrer. In seinen besten Jahren fuhr der viermalige F1-Weltmeister die Konkurrenz in Grund und Boden, später ereilte ihn der "Fluch" von Ferrari. Der 35-Jährige wird als großartiger Racer in Erinnerung bleiben und abseits der Rennstrecken als jemand, der weit über den Tellerrand hinausblickt.
Sebastian Vettel
Fotocredit: Getty Images
Aus 16 Jahren Formel 1 gibt es jede Menge Anekdoten, die den Charakter von Sebastian Vettel beschreiben. Nehmen wir eine aus dem Jahr 2019. Vettel wohnte in der Woche des Grand Prix der USA in Austin mit dem Ferrari-Tross in einem Luxushotel, das an einen Wohnblock grenzt.
Dort wohnte ein Fan der Scuderia und legte sich jeden Tag auf die Lauer nach seinen Helden. Als er zum dritten Mal Sebastian Vettel vor dem Hotel erspähte, fasste er sich ein Herz und bat den Deutschen um ein Selfie und ein Autogramm.
"Er stimmte zu und unterhielt sich ein paar Minuten lang völlig normal mit mir", schilderte der Fan mit dem User-Namen trex_racecar bei Reddit. Demnach fragte Vettel den Tifosi, ob er denn zum Rennen käme. "Ich sagte ihm, dass ich dieses Jahr leider kein Ticket abgekriegt habe", so trex_racecar.
Ein paar Tage nach dem Gespräch mit Vettel hing eine Tasche an seiner Haustüre. Inhalt: Eine von Vettel signierte Mütze und eine handschriftliche Notiz auf offiziellem Ferrari-Briefpapier, dazu zwei Eintrittskarten für den USA-GP. Die Geschichte wurde von Ferrari und der Formel 1 aufgegriffen und ging in den sozialen Netzwerken viral.
Sebastian Vettel jüngster Grand-Prix-Sieger der Formel 1
Sebastian Vettel hat der Formel 1 weit mehr gegeben als herausragendes Racing. Mit 19 Jahren holte er bei seinem Grand-Prix-Debüt 2007 als jüngster Fahrer überhaupt einen WM-Punkt, ein Jahr später gewann er in Monza als jüngster Fahrer einen Grand Prix.
Er sammelte WM-Titel (vier), Pole Positions (57) und Podiumsplätze (122) wie wenige vor oder nach ihm. Er fuhr in seiner Zeit bei Red Bull zwischen 2010 und 2013 die Konkurrenz in Grund und Boden; es gab Rennen, da nahm er dem hartnäckigsten Verfolger zwei Sekunden pro Runde ab.
Vettel hat sich mit den Jahren aber auch einen Namen als jemand gemacht, der etwas für eine bessere Welt tun will. Er sammelte letztes Jahr nach den Rennen in Silverstone Müll auf den Zuschauertribünen ein, trug 2021 in Ungarn ein Regenbogen-Shirt, um gegen die Gesetze gegen die LGBTQIA+-Gemeinschaft zu demonstrieren und forderte nach Bekanntwerden der Fan-Belästigungen beim Großen Preis von Österreich öffentlich eine lebenslange Sperre für die Täter.
Gemeinsam mit Lewis Hamilton war Vettel Vorreiter der Formel-1-Fahrer beim Protest gegen Rassismus im Jahr 2020.
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Politisch auf einer Wellenlänge: Lewis Hamilton (l.) und Sebastian Vettel
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Lewis Hamilton huldigt Vettel
"Seb, es war mir eine Ehre, gegen Dich antreten zu dürfen und eine noch größere Ehre, Dich meinen Freund zu nennen. Den Sport besser zu hinterlassen, als man ihn vorgefunden hat, ist immer das Ziel", schrieb Hamilton nach Vettels Rücktrittserklärung bei Twitter.
Doch genau darin liegt einer der Gründe für Vettels Rücktritt. Er hat ein Ziel nicht erreicht: mehr Nachhaltigkeit in der Formel 1.
"Formel-1-Fahrer zu sein, bringt Dinge mit sich, die mir nicht mehr gefallen. Vielleicht werden diese irgendwann gelöst. Aber der Wille, diese Veränderung umzusetzen, muss viel stärker werden und schon heute zum Handeln führen. Reden reicht nicht mehr aus, und wir können es uns nicht leisten, zu warten. Es gibt keine Alternative. Das Rennen hat bereits begonnen", sagte Vettel in seinem Abschieds-Statement.
Vettel sieht Nachhaltigkeit nicht als Projekt oder Trend an, sondern als einen "zwingend notwendigen Weg, den wir alle verstehen und einschlagen müssen, um unsere und die Zukunft der nächsten Generation zu sichern. Es geht dabei nicht um mich, sondern um uns alle."
Vettel bezeichnete sich selbst als "Heuchler"
Vettel ist die Stimme, die die Formel 1 gebraucht hat. Er scheut sich nicht, ihr den Spiegel vorzuhalten. Das tut er aber auch bei sich selbst. Im Frühjahr bezeichnete er sich in einem Interview mit dem britischen Fernsehen als "Heuchler", weil er sich für die Umwelt einsetzt, während er in einem benzinfressenden Rennauto sitzt und um die Welt jettet.
"Klar, die Klimaprobleme bestehen seit vielen Jahren. Und vieles war mir nicht so bewusst. Ich war kein Schwein, das Plastikflaschen achtlos weggeworfen hat, bin aber auch kein Heiliger. Ich möchte niemanden erziehen oder vorschreiben, was er zu tun hat. Ich tue für mich soviel, wie ich kontrollieren kann", sagt Vettel.
Der dreifache Familienvater will seine Kinder in eine bessere Welt begleiten, statt weiter Rennen zu fahren. 16 Jahre Formel 1 sind genug. Zumal Vettel in den letzten Jahren auch eher hinterhergefahren ist.
"Ferrari-Fluch" und chancenlos im Aston Martin
Zwischen 2015 und 2020 versuchte er vergeblich, einen Fahrer-WM-Titel für Ferrari zu holen. Das gelang nach der Titelserie von Michael Schumacher (2000 bis 2004) nur noch Kimi Räikkönen 2007. Vettel, Felipe Massa, Fernando Alonso und aktuell Charles Leclerc - der "Ferrari-Fluch" hält an.
Leclerc war der Mann, der Vettels Karriere bei der Scuderia quasi beendete. Weil der Rennstall voll auf den Franzosen setzte, ging Vettel nach der Saison 2020 zu Aston Martin. Doch auch dort blieben die Erfolge weitgehend aus.
Sebastians Vater Norbert Vettel sieht im fehlenden Speed des Aston Martin einen der Gründe für den Rücktritts seines Sohnes. "Das ist sehr schade, aber ich verstehe ihn. Das war eine unglaubliche Karriere mit dem Tiefpunkt in Österreich. Das hat ihm so sehr weh getan, am Ende des Feldes herum zu fahren und das hat diesen Gedanken noch beschleunigt", sagte Papa Vettel zu "RTL".
Zehn Mal wird Vettel noch im James-Bond-Auto sitzen. Der Grand Prix in Abu Dhabi wird sein letzter und gleichzeitig 300. in der Formel 1 sein. Danach ist Zeit für Neues. Vettel hat noch keine konkreten Pläne. "Ich freue mich auf das Unbekannte und neue Herausforderungen", sagte er.
Davor steht auch die Formel 1. Fest steht: Mit dem vierfachen Weltmeister aus Heppenheim verliert die Königsklasse des Motorsports eine Legende - auf und außerhalb der Rennstrecke.
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Quelle: Perform
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