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Der "neue BVB"? So reicht's aber nicht gegen Bayern

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Der LIGASTHENIKER | Lukasz Piszczek feiert mit seinen Mitspielern vom BVB

Fotocredit: Getty Images

VonThilo Komma-Pöllath
25/05/2020 Am 12:20 | Update 25/05/2020 Am 12:20

Vor dem Spitzenspiel am Dienstag gegen den FC Bayern München sprechen viele vom "neuen" BVB. Der LIGAstheniker Thilo Komma-Pöllath fragt sich jedoch schon, ob die angeblich neue Borussia mutig genug spielt, um die Bayern herausfordern zu können. Denn aus seiner Sicht wird für den BVB mit einer Ausrichtung wie beim 2:0 in Wolfsburg gegen den Tabellenführer nichts zu holen sein.

Liebe Fußballfreunde,

es gibt in der Bundesliga eine ganze Industrie an Meinungsmachern, die beständig den Spannungsbogen der Liga hochhalten, damit auch ja keiner glaubt, die Meisterschaft wäre schon entschieden. Und auch wenn der sportliche Ist-Zustand an der Tabellenspitze derzeit nicht für jeden die wichtigste Tagesaktualität beinhaltet, so kann man doch immerhin festhalten, dass vor dem Geister-Clásico Borussia Dortmund gegen den FC Bayern München am 28. Spieltag (Dienstag, 18:30 Uhr im Liveticker) noch nicht alles entschieden ist.

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Das war in den vergangenen Spielzeiten durchaus anders. Klar scheint, für den Fall, dass die Saison regulär zu Ende gespielt wird, dass nur einer der beiden Großklubs Deutscher Meister werden kann.

Zwischenzeitlich war auch das ja mal nicht so zu erwarten, so viel Betrieb herrschte an der Tabellenspitze, dass man in der Hinrunde das eine oder andere Mal den Überblick verlieren konnte. Doch Gladbach und Leipzig haben zuletzt geschwächelt und dass ausgerechnet Leverkusen Meister wird, würde vielleicht zur Stimmung in den Stadien passen, aber glauben kann man das nicht.

Und so also wieder das alte Lied: Bayern oder Dortmund, Dortmund oder Bayern und genau hier kommen Ex-Spieler und Ex-Trainer als Stimmungs- und Spannungslobbyisten ins Spiel. Um den deutschen Klassiker, die Partie des Ersten gegen den Zweiten, noch weiter aufzumöbeln, wird an der Palaverschraube gedreht, dass einem Hören und Sehen vergeht.

In den einschlägigen Talkshows ist von einem neuen BVB die Rede, von der Mannschaft der Stunde, vom Momentum in schwarz-gelb. "Der BVB ist titelreif", so der Kanon der Kollegen beim Doppelpass auf "Sport 1". Sollten sie recht behalten, wird es am Dienstag im menschenleeren Dortmunder Fußballstadion tatsächlich ein großes Spiel werden. Aber auch nur dann ...

BVB mit Punch

Schaut man sich nur mal den aktuellen Sieg der Dortmunder in Wolfsburg an, muss einem derart viel Jubelarie merkwürdig vorkommen. Die bessere Mannschaft war zweifelsohne der VfL Wolfsburg. Über weite Strecken der Partie mehr Spielanteile, mehr Ballbesitz, mehr gefühlte Tormöglichkeiten.

Der BVB stellte sich hinten rein, wartete ab, und schaltete im Spiel zwei Mal schneller als die Wölfe. Die Statistik sagte danach: Zwei Tore bei zwei Torschüssen. Die beiden Treffer von Raphaël Guerreiro und Achraf Hakimi, den beiden derzeit Besten bei Schwarz-Gelb, waren Weltklasse, gerade in ihrer Entstehung.

Raphael Guerreiro (Mitte, Nr. 13) erzielte gegen den VfL Wolfsburg das 1:0 für den BVB

Fotocredit: Getty Images

Spielerisch, leichtfüßig, blitzschnell, großartig. Das will ihnen keiner nehmen, das zeigt den nötigen Punch, den die Elf von Trainer Lucien Favre zu Saisonbeginn vermissen ließ. So gewinnt man gegen diese biedere Mittelklassemannschaft Wolfsburg, so gewinnt man auch, wie die Woche zuvor, gegen die irrlichternden Schalker. Als Spielanlage als Ganzes ist das aber nicht genug, schon gar nicht zuhause, schon gar nicht gegen den FC Bayern.

Defensives Dortmund, offensive Bayern

Der BVB hat einen sagenhaft guten Lauf, sechs Siege in Folge sind aber keine Hausmarke, denn die Bayern haben die auch. Nimmt man die Rückrundentabelle, liegt der Rekordmeister knapp vorne. Wo aber war in Wolfsburg diese sensationelle, neu gefundene Überzeugungskraft der Dortmunder, von der alle reden? Warum diese defensive Variante gegen einen Klub, der einem sportlich niemals gefährlich werden dürfte? Wo war das Vertrauen: "Wir wollen sie dominieren, weil wir es können"?

Die Schwächen in der Abwehr, die in der Hinrunde noch offensichtlich waren, kann man so viel besser kaschieren. Wer tiefer steht, macht in der Rückwärtsbewegung weniger Stellungsfehler. Aber ist das aus der Stärke heraus gedacht? Die Bayern zeichnen sich seit Menschengedenken dadurch aus, dass sie sich niemals nach dem Gegner richten. "Mia san mia" heißt eben immer Ballbesitzfußball.

Als Niko Kovac diese goldene Regel brechen wollte, rebellierten erst Thomas Müller & Co., dann war sein Abgang besiegelt. Die Bayern-Losung lautet: Wir dominieren den Gegner solange, bis er nicht mehr kann.

Intuition vs. Taktik

Das Bayern-Spiel ist deshalb aber weiß Gott nicht fehlerfrei. Im Spiel gegen die Eintracht zu sehen bei den Gegentreffern, als die Mannen von Coach Hansi Flick beim Stand von 3:0 bei zwei Standards einfach mal nur als Zuschauer agierten, nach dem Motto: Lasst die doch auch mal treffen, macht doch sonst keinen Spaß.

Doch als es eng wurde, drehten die Bayern wieder lustvoll auf. Der Unterschied, auf den ich hinaus will, ist: Die Bayern agieren immer und intuitiv aus dem Wissen um ihre eigene Stärke, während der BVB sich taktisch geradezu zwanghaft organisieren muss, um seinen Lauf und seine Überzeugungskraft nicht zu verlieren.

Kontern im eigenen Stadion?

Und was heißt das nun für den Clásico am Dienstag? Ist es wirklich vorstellbar, dass Dortmund von vornherein auf einen Ballbesitzanteil von 30 Prozent geht und die Bayern kommen lässt? Ist es vorstellbar, dass Dortmund sich im eigenen Stadion hinten reinstellt, um die Bayern im Wolfsburg-Stil auskontern zu können? Etwas, was nur deshalb ginge, weil eben keine Zuschauer im Stadion erlaubt sind. Mit einer voll besetzten "Süd" wäre das ein Affront gegen die eigene Anhängerschaft.

Thomas Müller vor Nico Schulz. Eine typische Szene für das Hinrundespiel im November, das die Bayern mit 4:0 gewannen

Fotocredit: Getty Images

Und kein gutes Zeichen vom Selbstvertrauen des neuen BVB. Der Trugschluss liegt ganz einfach darin, dass Wolfsburg oder Schalke nicht der FC Bayern sind. Ein 30-Prozent-Fußball wird den Dortmundern nicht reichen und im Zweifel haben die Bayern mehr davon, dass die Gelbe Wand zum Schweigen verdammt ist.

Das letzte Mal, als die Spannungslobbyisten den wankelmütigen BVB mit ihren Expertisengesängen aufmuntern wollten, war beim Hinspiel im November 2019. Am Ende kam Dortmund beim 0:4 in München auf 39 Prozent Ballbesitz und null Torschüsse. Das wird auch diesmal nicht zum Sieg reichen. Und dann auch nicht für die Meisterschaft.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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