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Muss Trainer Lucien Favre beim BVB gehen oder darf er bleiben?
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Publiziert 15/06/2020 um 15:46 GMT+2 Uhr
Lucien Favre steht bei Borussia Dortmund dauerhaft in der Kritik. Immer wieder wird über seine eventuelle Ablösung im kommenden Sommer und angeblich bereitstehende Nachfolgekandidaten diskutiert. Dabei ist der Schweizer mittlerweile zum punktemäßig besten Trainer der BVB-Vereinsgeschichte avanciert und die Champions-League-Teilnahme in der kommenden Saison hat er auch schon fix gemacht.
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Niemand war besser als Lucien Favre.
2,18 Punkte pro Spiel verbucht der Schweizer als Trainer von Borussia Dortmund auf der Habenseite. Das ist der beste Schnitt aller Coaches in der langen Bundesliga-Geschichte des BVB. Und trotzdem: Favre steht eigentlich dauerhaft in der Kritik.
Nun, da das Saisonende immer näher rückt und (höchstwahrscheinlich) wieder kein Titel gewonnen wird, werden auch die Stimmen immer lauter, die eine Ablösung des 62-Jährigen fordern.
Die Entscheidung darüber wird das Borussen-Führungsquartett bestehend aus Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, Manager Michael Zorc, Berater Matthias Sammer und Sebastian Kehl, dem Leiter der Lizenzspielerabteilung, in der Sommerpause treffen.
Die großen Vier müssen drei Fragen beantworten, die Aufschluss über die Zukunft von Favre und dem BVB geben.
1. Traut man Favre im dritten Jahr seiner Amtszeit einen Entwicklungsschritt zu?
Wegdiskutieren kann man die Schwäche der Borussia in großen oder vorentscheidenden Spielen nicht. In regelmäßigen Abständen bekommt es die Mannschaft in Duellen mit dem FC Bayern oder in der Champions League mit der Angst zu tun und geht unter.
Beispiele dafür gibt es genug. Schon vor Favres Engagement im Ruhrgebiet war das so. Beheben konnte der Schweizer diese Schwachstelle aber nicht. Ganz im Gegenteil.
Trotz über weite Strecken spektakulärem und erfolgreichem Fußball, bog sein Team kurz vor dem Ziel immer wieder falsch ab. In seiner ersten Saison wurde sogar ein Vorsprung von neun Punkten an der Tabellenspitze verspielt.
Die immer wieder zögerliche Art des Trainers und seine Abneigung gegen die klare Bennenung hoher Ziele, brachten ihm viele Kritiker ein. Zwar sammelte Favre früh in seiner Karriere in der Schweiz Titel, in Deutschland aber steht er nach Jobs in Berlin, Mönchengladbach und Dortmund noch ohne einen da.
Traut die Führungsriege ihrem Trainer noch einmal eine persönliche Entwicklung zu, muss sie ihm eine dritte Saison an der Seitenlinie zugestehen. Denn fernab des Trophäenschranks leistet Favre hervorragende Arbeit.
Er stabilisierte die Defensive, kassierte im Jahr 2020 bislang nur 13 Gegentore. Er stellte den BVB-Torrekord mit 82 Treffern ein. Und er entwickelte junge Spieler wie Jadon Sancho, Julian Brandt und Gio Reyna weiter, gibt ihnen Spielzeit.
"Wir führen keine Trainerdiskussion", betonten Zorc und Watzke auch deshalb zuletzt immer wieder.
2. Sind Titel derzeit ein realistisches Ziel?
Der FC Bayern verbuchte in den vergangenen sieben Meister-Jahren im Schnitt 84,5 Punkte in der Bundesliga. In diesem Jahr sind für den Rekordmeister - bei drei ausstehenden Spielen - auch noch 82 Zähler machbar.
Klammert man die Münchner aus, liegt der Bundesliga-Rekord bei 81 Punkten. Aufgestellt von Borussia Dortmund in der Saison 2011/12.
Kann man also von einem Trainer erwarten, dass er eine Rekordsaison spielt, während der Abo-Meister unter Schnitt performt? Wohl eher nicht.
Der Bundesliga-Titel ist also nicht planbar. Genausowenig wie ein Erfolg im Pokal, in dem man dank K.o.-System und Auslosungen von dermaßen vielen Variablen abhängig ist. Obendrein wäre wohl in Dortmund niemand so vermessen, einen Triumph in der Champions League zu fordern.
Die Titelchancen sind rar gesät und es gehört eben auch viel Glück dazu, möchte man eine nutzen.
"Wir sind nah dran. Wenn wir im Rückspiel gegen Bayern den Elfmeter bekommen, kann das Spiel ganz anders ausgehen", sagte Favre selbst. "Aber wir müssen klar sagen, dass Bayern die beste Mannschaft ist, und sie werden sich in der neuen Saison noch weiter verstärken. Es wird wieder sehr, sehr schwer gegen sie zu kämpfen."
Trotzdem tut man in Dortmund gut daran, die Saisonziele auch in der kommenden Saison offensiver zu formulieren. EIn Lippenbekenntnis zum großen Wunsch, die Schale mal wieder an den Borsigplatz zu holen, ist der erste Schritt um die Lücke zu den Bayern zu schließen.
3. Gibt es überhaupt lohnende Alternativen auf dem Trainermarkt?
Julian Nagelsmann wollten sie nach Dortmund lotsen. Genau wie RB Leipzig sein Interesse am großen Trainertalent angemeldet hatte. Das ist zwei Jahre her.
Weil der Umworbene aber noch ein Jahr in Hoffenheim bleiben wollte, mussten beide Spitzenklubs eine Entscheidung treffen. Leipzig entschied sich zu warten und überbrückte das Jahr. Der BVB holte Favre. Nagelsmann ging schließlich zu RB.
Für die Borussia ist er damit nun nicht mehr greifbar. Wollte man Favre ersetzen, müsste sich der BVB anderweitig umsehen. Ein Übungsleiter mit Trophäen-Garantie scheint derzeit nicht auf dem Markt.
Trotzdem gab es (natürlich) schon Gerüchte.
Um Florian Kohfeldt zum Beispiel. Der allerdings rutschte danach mit Werder Bremen derart ab, dass er seine Eignung für einen Job aus dem obersten Regal erst noch nachweisen muss.
Niko Kovac hat das bereits getan. Seine Art von Fußball passte aber schon nicht hundertprozentig zum FC Bayern. Ob er beim BVB damit durchkäme, ist fraglich. Von den Meinungsverschiedenheiten mit Mats Hummels ganz zu schweigen.
Und dann wären da noch Erik ten Haag oder Jesse Marsch. Beides sicher vielversprechende Namen. Ob sie ein Upgrade zu Favre wären, müssen die Dortmunder Bosse entscheiden.
Thomas Tuchel holte als Trainer der Borussia übrigens 0,08 Punkte weniger pro Partie als Favre, also 2,10. Jürgen Klopp - der weiterhin als Idealbesetzung des Trainerpostens in Dortmund gilt - gar "nur" 1,90.
"Kloppo" blieb ebenfalls in seinen ersten zwei Spielzeiten in Schwarz-Gelb titellos. In seiner dritten Saison platzte dann der Knoten.
Bei Favre könnte es ähnlich sein.
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