Coutinho verzaubert den FC Bayern: Der mit dem Ball tanzt

Für erst sechs Pflichtspielauftritte heimst Philippe Coutinho beim FC Bayern München unheimlich viel Lob ein. Keine Frage: Der Brasilianer hat als erster echter "Zehner" seit Jahrzehnten die Herzen der Bayern im Sturm erobert. Dass der 27-Jährige Robert Lewandowski und Co. mit seinen Zuspielen wirklich besser macht, darf er nun gegen Tottenham Hotspur auf der ganz großen Bühne beweisen.

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Im Ausgehanzug des FC Bayern München fällt Philippe Coutinho kaum auf.
Der kleine Brasilianer tippt am Montagmorgen vor Abreise zum Champions-League-Duell bei Tottenham Hotspur (Di., 21:00 Uhr im Liveticker) ein bisschen verlegen auf seinem roten Smartphone herum, führt leise ein Telefonat, hält sich ansonsten im Hintergrund.
Große Posen, wie sie Thomas Müller, David Alaba, Manuel Neuer und Serge Gnabry noch kurz vor dem Abflug mit einem Augenzwinkern zeigen und via Social Media verbreiten, sind nicht das Ding des 27-Jährigen. Er zeigt sich lieber auf dem Platz.

Niko Kovac adelt Philippe Coutinho

So wie am Wochenende, als er beim 3:2 beim SC Paderborn erneut spielentscheidend wirkte - und hinterher ein großes Lob seines Trainers einheimste.
"Alle, die das Spiel angeschaut haben, haben gesehen, welche Fähigkeiten er besitzt, welche Qualitäten", sprudelte es da aus Niko Kovac heraus. Nachdem Coutinho an einem halben Dutzend klarer Bayern-Chancen beteiligt gewesen war, folgte die größte Adelung des Trainers:

Gibt der FC Bayern 120 Millionen Euro aus?

Nüchtern betrachtet könnte man nun behaupten: Für nicht weniger haben ihn die Bayern geholt. Zunächst für 8,5 Millionen Euro Leihgebühr vom FC Barcelona, 2020 könnten sie ihn für 120 Millionen Euro fest verpflichten.
Was allerdings nochmal das 1,5-fache der bisherigen Transfer-Rekordsumme (80 Mio. für Lucas Hernández) wäre, nachdem man mit dem Hernández Deal die alte Bestmarke - 41,5 Mio. für Corentin Tolisso - mal eben verdoppelt hatte.
Ob die Bayern Coutinho kommenden Sommer wirklich fest verpflichten, ist freilich noch Zukunftsmusik. Ganz so utopisch, wie die 120 Millionen direkt nach Abschluss des Leihdeals mit Barça noch klangen, sind sie nach den ersten Eindrücken aber nicht mehr.

Coutinho: Bayern-Herzen im Sturm erobert

Denn nimmt man alle bisher getätigten Aussagen der Bayern als Maßstab, hat der kleine Wirbelwind mit der Nummer 10 die Bayern-Herzen im Sturm erobert.
"Er ist nahezu perfekt am Ball", schwärmte Kapitän Manuel Neuer in Paderborn: "Philippe spielt die Bälle in den Lauf der Außenstürmer und von Lewy, wie sie es brauchen. Ich bin froh, dass wir ihn haben."
Denn nicht nur Mittelstürmer Robert Lewandowski profitiert. "Das erste Tor legt er sensationell auf", sagte Kovac zur Bayern-Führung in Paderborn durch Serge Gnabry. Das 2:0 besorgte Coutinho selbst - nach Vorarbeit von Gnabry.

Coutinho macht laut Kovac den Unterschied

"Er ist nach dem Abspiel sofort mit einem Sprint in der Box zur Stelle", lobte Kovac: "Das heißt, er will unbedingt das Tor machen."
Kurzum:
Die Bayern genießen an Coutinho vor allem, mit ihm nun eine echte "Zehn" im Kader zu haben. Die hat der Brasilianer nicht nur auf dem Rücken, sondern auch in seiner DNA. Kennt die Abläufe aus dem Effeff. Dabei hilfreich: Coutinhos Vergangenheit als Futsal-Spieler auf engstem Raum.
"Philippe macht den Unterschied. Wenn er den Ball annimmt, weiß er ganz genau, was um ihn herum passiert. Er hat eine Ballbehandlung, ein Raumgefühl, das seinesgleichen in der Bundesliga sucht", lobte Kovac bereits.

Der erste echte "Zehner"

Seit Einführung der festen Rückennummern trugen bei Bayern stets andere Spielertypen die 10: zuletzt Außenstürmer Arjen Robben (2009-2019), davor Mittelstürmer Roy Makaay (2003-2007), sowie der mehr aus der Tiefe kommende Ciriaco Sforza (2000-2002) und Libero Lothar Matthäus (1995-1999).
Davor trugen Spieler wie Andreas Herzog, Michael Sternkopf, Brian Laudrup, Olaf Thon, Michael Rummenigge, ja sogar mal Thomas Strunz und auch Christian Ziege zeitweise die prestigeträchtige Nummer auf dem Rücken. Nicht zu vergessen Reinhold Mathy, Kalle Del'Haye, Wolfgang Dremmler und: Uli Hoeneß.
Einen bedeutenden Spielgestalter suchte man im Bayern-Kader seit den Zeiten von Mehmet Scholl (mit der Nummer 7) und Stefan Effenberg (mit der 11) quasi vergebens. James Rodríguez fiel zuletzt durch.

Coutinho ohne Star-Allüren

Und Coutinho punktet nicht nur auf dem Platz. "Philippe ist ein sehr angenehmer Mannschaftskollege", weiß derweil Sportdirektor Hasan Salihamidzic zu berichten: "Er hat keine Star-Allüren, er respektiert alle, ist demütig."
Kurz gesagt: "Ein richtig guter Junge." Der, so Salihamidzic, sogar "noch Luft nach oben hat". Erkennbare konditionelle Defizite - für 90 Minuten Glanz reichen Coutinhos Leistungen bisher nämlich noch nicht - muss der Brasilianer noch beheben. "Wenn er noch ein paar Wochen in den Beinen hat, wird er noch fitter und besser", ist sich der Bayern-Sportdirektor sicher.
Am Dienstag muss Coutinho jedoch schon unter Beweis stellen, dass er für Bayern nicht nur gegen Gegner wie Belgrad, Köln oder Paderborn zaubern kann. Aktuell steht er bei vier Torbeteiligungen (zwei Treffer, zwei Vorlagen) in 365 Einsatzminuten.

Coutinho spricht durch Tore

Mit Tottenham Hotspur wartet nun allerdings die erste große Standortbestimmung der Saison auf die Münchner.
"Wir haben großen Respekt - aber keine Angst. Tottenham war im letzten Jahr im Champions-League-Finale, hat eine sehr gute Mannschaft und einen guten Trainer. Sie sind gut organisiert und spielen wirklich guten Fußball. Ich freue mich auf einen großen Abend auf europäischer Bühne", sagte Salihamidzic vor Abflug.
Von Coutinho erfuhr man nichts. Muss auch nicht sein. "Er spricht für sich selbst", hatte Kovac in Paderborn noch gesagt. Coutinho spricht durch Tore.
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