Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

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Bundesliga
PSG-Star vor BVB-Wechsel? Meunier verzichtet auf Champions League
21/06/2020 AM 07:11

dass hochrangige Vertreter von Borussia Dortmund nach einer verloren gegangenen Meisterschaft gerne Wunschzettel schreiben, das gehört zum Bundesliga-Prozedere wie die Winterpause, das Transferfenster oder die Relegationsspiele. So war es auch diesmal wieder. Was er sich denn für die neue Saison wünsche, wurde der Dortmunder Abwehrchef Mats Hummels in Interviews gefragt und der hatte darauf natürlich prompt eine Antwort, die sich inhaltlich keinen Millimeter von den Antworten unterschied, die die BVB-Funktionäre in den letzten Jahren so gegeben hatten.

Man wolle "noch einen Platz nach oben rutschen", wünschte sich der gute Mats, als wäre schon wieder Weihnachten, weil man mit Platz zwei nicht zufrieden sein könne, ergänzte Erling Haaland, der offensichtlich doch auch ganze Sätze sprechen kann. In früheren Jahren zu gleicher Zeit fielen Sätze wie "wir können auf Dauer nicht mit Platz zwei zufrieden sein" oder "natürlich wollen wir auch Meister werden".

Dafür, dass der BVB mit Platz zwei unzufrieden ist, ist er erstaunlich oft auf dem selbigen zu finden. Viel zu oft, wenn man bedenkt, wie viel Potenzial im Kader der Dortmunder steckt, die mehr junge Weltklassespieler (von Akanji bis Hakimi, von Haaland bis Sancho) unter Vertrag haben als die meisten europäischen Spitzenvereine und welche Krisen und Umbruchsphasen der große nationale Konkurrent Bayern München (von Niko Kovac bis Robben/Ribéry) gerade erst hinter sich gebracht hat.

Wenn man böswillig ist, könnte man Franz Beckenbauer abwandeln: "Der BVB wird auf Jahre hinaus auf Zweiter sein". Die Bundesliga-Saison 2019/20 ist in ihrem sportlichen Verlauf ein weiteres verlorenes Jahr für den BVB.

Der BVB, die Flinte und das Korn

Eine kleine Erinnerungskunde. So schwach wie die Bayern in den letzten beiden Jahren in der Liga aufgetreten sind, gerade in der ersten Hälfte der Saison, wird ihnen das so wohl kaum mehr passieren. Am 14. Spieltag der aktuellen Spielzeit führte Gladbach die Tabelle mit sieben Punkten Vorsprung auf die siebtplatzierten (!) Bayern an, noch Dortmund auf Rang drei hatte fünf Punkte Vorsprung.

Im Jahr davor hatte der BVB als Tabellenführer am 12. Spieltag irre neun Punkte Vorsprung auf die Bayern, die unter Niko Kovac weder eine Mannschaft noch ein Spielsystem auf dem Platz hatten. Das 3:3 zuhause gegen Aufsteiger Düsseldorf markierte für die Bayern einen besonderen Tiefschlag in der gewohnt großspurigen Mia-San-Mia-Moral. Mit all diesen Vorlagen wusste der BVB unter Lucien Favre nichts anzufangen.

Lucien Favre (Borussia Dortmund)

Fotocredit: Getty Images

Insgesamt 21 Spieltage beendete Dortmund in der Saison 18/19 als Tabellenerster, zuletzt war es der 27. Spieltag. Doch bis heute unvergessen bleibt, dass Trainer Lucien Favre die Meisterschaft frühzeitig aufgab, obwohl sie faktisch erst am letzten Spieltag entscheiden wurde. Das Gleiche tat er im Mai diesen Jahres nach dem 0:1 zuhause gegen die Bayern wieder. Die Frage ist: Warum wirft der BVB immer frühzeitig die Flinte ins Korn, wenn man die Schlacht lange dominiert hat?

Dortmunder Trainingsweltmeister

Es ist bezeichnend, dass der BVB wie am Wochenende in Leipzig eines seiner besten Saisonspiele absolviert just zu einem Zeitpunkt, als die Bayern längst als Meister feststehen. Man kennt das aus dem Profitennis: Es gibt solche Trainingsweltmeister wie der hochtalentierte Nick Kyrgios, der unter Übungsbedingungen jeden Federer, Nadal oder Djokovic vom Platz haut, aber dann, wenn es darauf ankommt, verlässt ihn der Mut und die innere Überzeugung. Kyrgios fängt aus Überforderung das Pöbeln an, der BVB wird ganz kleinlaut und schüchtern.

Julian Brandt spricht am Wochenende davon, dass das "irgendwo menschlich" sei, dass man auch mal ein Spiel verlieren könne, wenn man so viele schon gewonnen habe. Das mag schon stimmen, die Frage ist nur, welches Spiel man auch mal verlieren kann und welches unter keinen Umständen.

Brandt: Hungriges BVB-Team "hat Bock auf Titel"

Wenn der BVB in beiden Begegnungen gegen die Bayern kein einziges Tor erzielt und folgerichtig beide Spiele verdient verliert, dann hat das nichts mit menschlich zu tun, sondern mit der "Mentalitätsscheiße" (Marco Reus), mit der sie sich in Dortmund so ungern auseinandersetzen wollen. Aber dafür braucht man vielleicht einen Übungsleiter, der vorangeht, der auch mal lautstark wird, der die wenigen Gelegenheiten beim Schopf packt, der vor allem die Flinte nicht zu früh ins Korn wirft.

Will sagen: In Dortmund brauchen sie einen anderen Übungsleiter.

IST FAVRE NOCH DER RICHTIGE TRAINER FÜR DEN BVB?

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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