Getty Images

Sven Bender im Exklusiv-Interview: So schwer ist es, Haaland zu verteidigen

Sven Bender im Exklusiv-Interview: So schwer ist es, Haaland zu verteidigen

14/02/2020 um 16:28Aktualisiert 14/02/2020 um 18:29

Sven Bender steckt mit Bayer Leverkusen mitten im Kampf um die Champions-League-Plätze. Im exklusiven Interview mit Eurosport.de spricht der Verteidiger über den spektakulären 4:3-Sieg gegen seinen Ex-Klub Borussia Dortmund, seine Reise zu den Olympischen Spielen in Rio und die Zukunft von Nationalspieler Kai Havertz. Zudem verrät er, wie es ist, gegen BVB-Youngster Erling Haaland zu spielen.

Das Interview führte Alice Jo Tietje

Herr Bender, Wie bewerten Sie rückblickend den 4:3-Erfolg gegen Borussia Dortmund?

Sven Bender: Natürlich sind das gute Spiele, wenn man sie noch drehen kann. Man merkt, gerade in solchen Spielen, wie eng es in der Bundesliga zugeht. Für uns als Mannschaft war es ganz wichtig, dass wir an unsere eigenen Stärken geglaubt haben - auch über 90 Minuten. Wir liegen zweimal hinten und kommen trotzdem zurück. Wir geben nicht auf, ziehen 90 Minuten lang durch und glauben immer an den Sieg. Das Spiel war ein Sinnbild für Mentalität.

Wie war das Comeback gegen Dortmund möglich? Hat der BVB etwas falsch gemacht?

Bender: Ich will gar nicht beurteilen, was auf Dortmunder Seite falsch lief. Bei uns war eine extreme Energie auf dem Platz und der Glaube, das Spiel noch drehen zu können. Gerade nach dem 2:3, das für natürlich uns negativ war, hat man trotzdem gespürt: 'Hey, es könnte noch was gehen'. Wir haben daran geglaubt und Gas gegeben – das hat funktioniert.

Waren Sie dann vielleicht die mental stärkere Mannschaft?

Bender: Schwierig zu sagen. Bei uns war auf jeden Fall eine mentale Stärke vorhanden, sonst kann man so ein Spiel nicht noch drehen. Ob diese mentale Stärke jetzt bei Dortmund nicht da war, kann ich nicht beurteilen. Wir haben das Spiel gedreht und das tut uns gut.

Die ganze Bundesliga spricht über BVB-Neuzugang Erling Haaland. Sie haben gegen ihn gespielt – was hatten Sie für einen Eindruck?

Bender: So jung wie er ist, ist er extrem gut, das muss man schon sagen. Das ist ein sensationeller Stürmer. Er ist schon sehr reif für sein Alter, sehr robust, spielintelligent und natürlich ein Knipser mit Torinstinkt. Das merkt man in jeder Situation. Da muss man hellwach sein, um ihn zu verteidigen. Dortmund hat damit schon einen sehr guten Transfer gemacht. Der Junge ist 19! Puuh, wenn man davon ausgeht, dass er sogar noch Entwicklungspotenzial hat, dann ist das schon extrem.

Sie sind nur zwei Punkte hinter den Champions-League-Plätzen – Jetzt mal Hand aufs Herz: Was genau ist Leverkusens Saisonziel und warum sträubt man sich so, wirklich mal Titel als Ziele auszugeben?

Bender: Jeder, der mich kennt weiß, dass ich noch nie irgendwelche großen Ziele ausgerufen habe. Durch Reden allein holt man keine Titel. Von daher: Einfach machen! Natürlich haben wir große Ziele und wollen so viele Spiele wie möglich gewinnen. Wir sind gut in die Rückrunde gestartet und diesen Schwung wollen wir mitnehmen. Wir wissen aber auch, dass um uns herum viele starke Mannschaften sind. Das hat man am vergangenen Wochenende gesehen. Es muss alles stimmen, um in die Champions League zu kommen. Wir sind gut beraten, unsere Arbeit zu machen, hochkonzentriert an die Aufgaben ranzugehen und zu schauen, dass wir Spiele gewinnen.

Sven Bender (li.) mit Cristiano Ronaldo (re.) in der Champions League

Sven Bender (li.) mit Cristiano Ronaldo (re.) in der Champions LeagueGetty Images

In der Rückrunde hat ihr Team taktisch immer mit einer Viererkette gespielt. Außer gegen Dortmund, da war es eine Dreierkette – welches System liegt ihnen mehr?

Bender: Das ist mir persönlich egal, so lange es am Ende erfolgreich ist (lacht). Es kommt immer ein bisschen darauf an, welche eigenen Spieler zur Verfügung stehen und wie der Gegner aufgestellt ist. Gegen Dortmund hat es sich einfach ergeben. Der Trainer hat das so entschieden. Ich spiele in beiden Systemen, die Unterschiede sind geringfügig. Das, was wir spielen, sollten wir dann aber zu 100 Prozent machen. Optimalerweise ist das dann auch erfolgreich.

Peter Bosz hat in Leverkusen einiges verändert und seine Spielphilosophie implementiert: was zeichnet den Trainer aus? Was für ein Typ ist Peter Bosz?

Bender: Er ist hundertprozentig von seinem Plan überzeugt, den er uns vermittelt und daran hält er auch fest. Der Glaube an das eigene System ist ganz wichtig. Er selbst geht das sehr ruhig und sachlich an. Das heißt aber nicht, dass er nicht auch mal aus der Haut fahren kann. Die Ruhe, die er grundsätzlich ausstrahlt, tut uns gut. Gerade in Situationen, in denen es mal nicht gut läuft. Er wirkt dann immer sehr klar und bestimmt. Er spricht die Fehler direkt an, ist sehr kritisch, aber alles auf einem guten Niveau, sodass jeder weiß, worum es geht und was man ändern soll.

Sie sind in der Champions League in der Gruppenphase gescheitert, war das Team noch nicht weit genug oder Gegner wie Juventus und Atletico noch eine Nummer zu groß?

Bender: Vielleicht ein bisschen von beidem. Wir haben eine sehr gute Gruppe erwischt, gerade wenn man sich anschaut, wie Juve und Atlético in den vergangenen Jahren international abgeschnitten haben. Auch Lok Moskau ist eine Mannschaft, die ständig in der Champions League vertreten ist. Das erste Spiel hat uns wahrscheinlich schon das Genick gebrochen. Da haben wir Punkte verschenkt, die zu Hause eigentlich eingeplant waren. Ich will nicht sagen, dass wir nicht reif genug waren, aber man hat gemerkt, dass wir uns erst finden müssen. Gerade an den Unterschied zwischen Europa League und Champions League mussten wir uns erst mal gewöhnen. Hintenraus haben wir es dann sehr gut gemacht. Zum Glück – und auch verdient – haben wir uns dann für die Europa League qualifiziert.

Was raten Sie Kai Havertz für die kommende Saison – ist er schon bereit für den großen Schritt?

Bender: Ich will ihm gar nicht mehr so viel raten. Er weiß, wie ich darüber denke. Er wird selbst diese Entscheidung treffen. Diese wird dann auch richtig sein, denn er wird sie – und so habe ich Kai kennengelernt – mit voller Überzeugung treffen. Das habe ich ihm immer gesagt: 'Wenn, dann die Entscheidung mit voller Überzeugung treffen, wie auch immer sie ausfällt'. Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn er hierbleibt. Das ist ja nicht das schlechteste Paket.

Sucht er Rat bei Spielern wie Ihnen?

Bender: Im Moment braucht er gar keinen Rat. Es ist sehr viel auf ihn eingeprasselt: In der Vorrunde wirkte er nicht ganz frei und wurde für seine Leistungen kritisiert. Manches fand ich sehr ungerecht, aber so ist es nun mal im Profifußball. Jetzt in der Rückrunde hat er wieder richtig Bock, zu kicken und das zeigt er auch. Wenn er darüber hinaus Rat braucht, dann stehen mehrere Leute zur Verfügung.

Kai Havertz (li.) und Sven Bender (re.) im Spiel gegen Augsburg

Kai Havertz (li.) und Sven Bender (re.) im Spiel gegen AugsburgGetty Images

Um einige Leverkusener ranken sich Transfergerüchte: Haben Sie die Befürchtung, dass bei der Werkself im Sommer der große Ausverkauf stattfinden könnte?

Bender: Die Befürchtung nicht, aber es kann natürlich immer passieren, dass Spieler den Verein verlassen. Wir haben viele interessante Spieler, da ist es normal, dass große Vereine anklopfen. Auch Umbrüche gehören mitunter dazu. Ich glaube aber nicht, dass es dazu kommt. Wir haben viele junge und gute Spieler, die wissen, was sie an Leverkusen haben. Wir haben ein gutes Gerüst hingestellt. Jeder wäre gut beraten, auch über den Sommer hinaus zu bleiben. Was hier aufgebaut wurde, ist echt cool und macht Spaß.

Im Sommer steht wieder Olympia an - was kommt Ihnen als erste Erinnerung in den Sinn, wenn Sie an Rio 2016 denken?

Bender: Zunächst einmal, dass Olympia für uns erfolgreich war. Klar, hätten wir auch gerne Gold geholt, aber die Silbermedaille war für uns schon ein Riesenerlebnis. Ich denke daran immer gerne zurück. Das war ein außerordentliches Ereignis. Ich hoffe, dass die Jungs, die jetzt dahinfahren, ähnlich erfolgreich sind. Das ist schon etwas Besonderes.

Was waren die Highlights für Sie als erfahrenen Profi-Fußballer abseits des Platzes?

Bender: Das sollte man differenziert sehen. Als Fußballer ist die WM das größte Event gesehen, aber wenn man die anderen Sportler fragt, dann ist Olympia einfach das Größte, was es gibt. Mit dieser Einstellung bin ich zu Olympia gefahren, habe mich unfassbar darauf gefreut und wurde komplett bestätigt. Natürlich sind wir Fußballer herumgereist und haben erst die letzten vier, fünf Tage im Olympischen Dorf verbracht. Das ist schon interessant, wenn man andere Sportler sieht. Riesengroße Handballer oder Volleyballerinnen, nebendran der kleine Ringer – das ist alles ein bisschen anders, als ich das kenne. Das hat es so cool gemacht. Man konnte sich mit anderen Sportlern austauschen: wie demütig sie an ihre Aufgaben herangehen, wie viel sie aber auch investieren von klein auf, um eine Medaille zu gewinnen. Das waren sensationelle Gespräche, die mich auch persönlich weitergebracht haben und mir den Blick auf das ganze Fußball-Business noch einmal klarer gemacht haben. Jedem, der mitfährt, wünsche ich viel Erfolg und dass sie hoffentlich die gleichen Erfahrungen und schönen Erlebnisse mitnehmen, wie ich.

Video - Flick gibt Klinsmann contra nach Hertha-Rücktritt

01:22