FC Bayern: Hat Uli Hoeneß mit seiner Kritik am BVB recht?

Uli Hoeneß hat die Transfer-Strategie von Borussia Dortmund im Interview mit der "FAZ" mit deutlichen Worten kritisiert. "Wie soll ein Spieler die DNA eines Vereins hundertprozentig aufsaugen, wenn er das Gefühl hat, ein Verkaufsobjekt zu sein?" bemerkte der Ehrenpräsident des FC Bayern und verglich das Vorgehen des Rivalen mit dem eigenen Mia-san-mia-Anspruch. Ist das fair?

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"Unklug!"
Die Hoeneß'sche Bewertung der Dortmunder Transferaktivitäten in den vergangenen Jahren ließ keinen großen Raum für Spekulationen. Der Ober-Bayer ist kein besonders großer Fan. Um es mal salomonisch auszudrücken.
Was den Ehrenpräsidenten des Rekordmeisters stört, ist die allgemeine Herangehensweise des Rivalen aus dem Ruhrgebiet, der sich in der gerade abgelaufenen Saison zum achten Mal in Folge hinter dem Abo-Meister einsortieren musste.
"Wenn Dortmund einen hochtalentierten Spieler kauft und er gut spielt, kann man wenige Monate später entweder aus dem Klub selbst oder von außerhalb hören, dass er irgendwann ein Verkaufsobjekt darstellen wird", erklärte Hoeneß in einem langen Interview mit der "FAZ" und hinterfragte: "Wie soll ein Spieler die DNA eines Vereins hundertprozentig aufsaugen, wenn er das Gefühl hat, ein Verkaufsobjekt zu sein?"
Aus der Sicht des FCB-Machers lässt das nur das oben zitierte Fazit zu. Unklug eben.

Hoeneß sieht "fehlende 10 Prozent"

Hoeneß liegt mit dem Großteil seiner Aussagen faktisch durchaus richtig. Dortmund kauft junge Spieler, mit der Erkenntnis, sie in Zukunft gewinnbringend weiterverkaufen zu können oder müssen. Das ist das aktuelle BVB-Geschäftsmodell, mit dem man sich in der vergangenen Dekade weltweit einen Namen machte.
Spieler wie Ousmane Dembélé, Jadon Sancho, Christian Pulisic oder aktuell Jude Bellingham wechselten nicht aus Spaß an der Freude zur Borussia. Sie wissen ja, was sie erwarten dürfen.
Die Frage ist also vielmehr, ob Hoeneß' Grundannahme stimmt. Die nämlich besagt, dass dem BVB in den wichtigen Spielen durch die ständig grassierende Unruhe und fehlende Identifikation mit dem Klub zehn Prozent fehlen könnten. Ergo gewinne man so eben keine Titel.
Aus Sicht eines Verantwortlichen des FC Bayern dürfte dies durchaus Sinn ergeben. An der Säbener Straße zählt nichts anderes als der Briefkopf. "Wir holen Spieler für Bayern München. Und niemals, um daraus Geschäfte zu machen. Ein Spieler muss das Gefühl haben: Ich bin Bayern forever", stellt er klar.
In Dortmund aber ticken die Uhren etwas anders. Jedenfalls noch.

Dortmund kämpfte sich aus dem Loch

Die Borussia ist einer der größten Vereine der Welt. Regelmäßig im Konzert der Großen mit dabei. Aber eben im Vergleich mit den ganz absoluten Weltklubs aus Madrid, Manchester, Barcelona, Paris oder eben München mit leichtem finanziellen Rückstand behaftet.
Noch vor etwas mehr als 15 Jahren war der Klub fast pleite. Seitdem arbeitete man sich peu à peu zunächst aus den Miesen und schließlich in eine formidable finanzielle Position zurück. Dieser Vorgang ist noch nicht abgeschlossen. Titel spielen im Gesamtkonzept keine kleine, aber eher eine Nebenrolle.
Während der FC Bayern sein heutiges finanzielles Fundament in den Neunzigern und 2000er-Jahren legte, starteten die Dortmunder einige Jahre später. Diesen Rückstand - sollte dies überhaupt möglich sein - kann man nur mit kreativen Ideen reduzieren.
Sich zur Nummer eins für Talente zu machen, gehört nicht zu den schlechtesten. Was auch Hoeneß anerkennt.

Sancho, Dembélé, Bellingham - lieber BVB statt Bayern

"Im Sponsoring kommen sie an uns überhaupt nicht heran, aber damit haben sie unseren finanziellen Vorsprung ganz schön ausgeglichen", sagt der 68-Jährige und meint die hohen Transfererlöse, die der Handel mit Europas Kronjuwelen zwangsläufig mit sich bringt.
Dembélé kaufte der BVB 2016 von Stade Rennes für 15 Millionen Euro und verkaufte den Franzosen für 138 Millionen Euro an den FC Barcelona. Auch Jadon Sancho (kam 2017 für knapp 8 Millionen Euro von Manchester City) könnte schon bald mit großem Gewinn abgegeben werden. Gleiches gilt - aller Voraussicht nach - für Jude Bellingham, den der BVB gerade für 23 Millionen Euro von Birmingham City verpflichtete.
An allen drei Spielern waren auch die Bayern dran, zogen aber den Kürzeren. "Mit Sancho war bei uns alles klar, aber im letzten Moment entschied er sich für Dortmund", gibt Hoeneß zu. Und weiter:
"Der junge Bellingham wird jetzt gekauft, und warten Sie mal, wenn der gut spielt, wie schnell dann über Interesse von außen geredet wird. Ich würde das nicht so machen. Ich würde der Öffentlichkeit, aber auch meinen eigenen Leuten sagen: Das ist unser Spieler, und wenn der gut spielt, der bleibt. Auch wenn ich hundert Millionen kriege."
In München kann man mit dieser Hybris agieren, klar. In Dortmund aber muss man das sportlich-finanzielle Für und Wider noch genauer abwägen, um vielleicht schon bald auf einer Stufe mit dem großen Konkurrenten zu stehen.
Dann werden Titel zwangsläufig zum Hauptantrieb, so wie das beim FCB schon seit Jahren der Fall ist. Bis dahin fällt vielleicht links und rechts mal einer vom Bayern-Laster.
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