Ratlosigkeit macht sich breit beim FC Bayern. Mal heißt es, die Spieler machen nicht, was der Trainer vorgebe, mal seien sie offenbar nicht gut genug für gewisse taktische Marschrouten. Niko Kovacs Aussagen in den letzten Wochen zeugen von echten Problemen.

Bundesliga
Das BVB-Dilemma: (Fast) nichts geht ohne Alcácer
01/11/2019 AM 09:35

Fakt ist: Die Bayern sind aktuell nicht mehr in der Lage, einen Gegner konstant zu dominieren. Schlimmer noch: Sie mussten beim 1:5 in Frankfurt eine Demütigung hinnehmen, wie es sie seit zehn Jahren nicht mehr gab. Damals unterlag der Rekordmeister mit dem selben Resultat in Wolfsburg.

Nach zehn Spieltagen in der laufenden Bundesliga-Saison muss festgehalten werden: Die Phasen, in denen man die anderen Mannschaften weit hinten reindrückte und mit Angriff um Angriff zermürbte, sind offenbar vorbei.

Kleine Nachlässigkeiten verschleppen Aufbau

Aktuell tut sich der Rekordmeister sogar schwer, überhaupt kontrolliert ins letzte Spielfelddrittel zu gelangen. Schon im Spielaufbau dauert es regelmäßig viel zu lange, die gegnerischen Stürmer auszuspielen.

Hier sind viele Details zu beobachten, die in den Vorjahren immer weiter vernachlässigt worden sind: Die Pässe zwischen den Innenverteidigern werden nicht in die Bewegung, sondern klar auf den Mann gespielt. Bei der Ballmitnahme geht der erste Kontakt dann viel zu selten nach vorne, sodass es schwierig wird, die erste Reihe des Gegners zu überspielen. So gibt es regelmäßig Passsequenzen zu sehen, in denen schlichtweg kein Gegner überspielt wird.

Jérôme Boateng sieht Rot - Eintracht Frankfurt vs. FC Bayern München

Fotocredit: Getty Images

Diese Detailarbeit ist (auch) Trainersache. Selbst Topspieler müssen permanent an Kleinigkeiten arbeiten - und zwar mit Feedback durchs Trainerteam. Aus der Ferne betrachtet wirkt es aktuell nicht so, als würden Bayerns Innenverteidiger ständig auf diese Details hingewiesen werden. In Frankfurt schwächte sich Defensive überdies durch die Rote Karte für Jérôme Boateng (siehe Foto) nach neun Minuten selbst und war in der Folge umso löchriger - was Kovac kritisierte:

Unterm Strich war es viel zu wenig. Man darf auch mit einem Mann weniger nicht 1:5 verlieren.

Das größte Problem in Ballbesitzphasen liegt derzeit im Mittelfeldzentrum. Was einst die große Stärke war, ist nun der Schwachpunkt schlechthin. Der dominante Spielstil der letzten Jahre basierte auf der Kontrolle des Zentrums. Hier waren immer mindestens drei Spieler auf unterschiedlichen Höhen und gut in der Breite gefächert positioniert, sodass einerseits stets Möglichkeiten zur Verlagerung und andererseits auch sofort kurze Wege fürs Gegenpressing nach Ballverlust gegeben waren.

Aktuell sieht man zu oft folgendes Bild: Der Sechser lässt sich als Aufbauspieler (zu) tief fallen - auch weil die Innenverteidiger wie beschrieben Probleme beim Überspielen der ersten Pressinglinie haben. Weil die Achter aber oft wie hängende Spitzen agieren und sehr hoch stehen, klafft im Zentrum eine riesige Lücke. Thiago bekommt zwar viele Bälle und will das Spiel vom ersten ins letzte Drittel bringen, hat aber keine Optionen in seiner Nähe.

Eintracht Frankfurt - FC Bayern München: Thiago im Duell mit Sow

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Die Folge: Schnelles Kurzpassspiel ist nicht möglich, der Ball wandert schnell nach außen. Für den Gegner bedeutet dies lediglich horizontales Verschieben in der Ordnung, bei unsauberen Pässen auf die Flügel kann sogar hin und wieder Zugriff hergestellt werden.

Gelingt dies, zeigt sich der zweite negative Aspekt des großen Lochs im Zentrum: Nach Ballverlusten kann der Gegner fast völlig unbedrängt durch die Mitte attackieren und mit Tempo auf die Münchener Restverteidigung zugehen. Frankfurt wird dies am Samstag wohl mit drei zentralen Mittelfeldspielern und einer Doppelspitze zum zentralen Punkt des offensiven Matchplans machen.

Heldenfußball reicht nicht für die großen Ziele

Um wirklich torgefährlich zu werden, muss man beim FC Bayern zur Zeit auf Geniestreiche einzelner Spieler warten. Mal tankt sich Robert Lewandowski am Innenverteidiger vorbei - wie beim sehenswerten 1:2-Anschlusstreffer in Frankfurt - oder überspringt ihn bei Flanken, mal tanzt Serge Gnabry zwei Spieler aus und legt quer. In der Bundesliga kann dies reichen - und wird es auch oft. Um die ganz großen Ziele zu erreichen, kann dieses Offensivspiel, das man getrost als Heldenfußball bezeichnen kann, nicht genügen.

Selbst individuell hoffnungslos unterlegene Mannschaften schaffen es, den Bayern Paroli zu bieten, indem sie sich einfach hinten reinstellen. Kovac muss es dringend gelingen, zusammen mit der Mannschaft Lösungswege zu erarbeiten, wie man solche Bollwerke kontrolliert knacken kann. Dazu gehört vor allem ein gutes Positionsspiel, bei dem der Trainer nun einmal die Feldbesetzung vorgeben muss - diese ist dann in der Praxis nicht in Stein gemeißelt und lässt trotzdem Raum für individuelle Klasse.

Eurosport-Check: Kovac hatte sich schon vor dem Frankfurt-Spiel mit Aussagen wie dem Liverpool-Vergleich (Spieler können es nicht umsetzen), der Machtlosigkeit des Trainers (während des Spiels gebe es keine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen) und der Einstellung (Spieler wollen nicht) nicht gerade in das beste Licht gerückt. Allerdings: Nach dem 1:5 betonte Kovac, dass er dem Team "keine Vorwürfe" mache. Und tatsächlich ist der Trainer die entscheidende Figur, wenn es um die grundsätzliche strategische und konkrete taktische Herangehensweise geht. Und diese Figur ist beim FC Bayern gerade alles andere als stark...

Kovac über seine Beste-Fans-Aussage: "Daran ist nichts Verwerfliches"

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