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Die Souveränitätslücke: Was Bayern von Gladbach und Leipzig trennt

Die Souveränitätslücke: Was Bayern von Gladbach und Leipzig trennt

09/12/2019 um 12:22Aktualisiert 09/12/2019 um 12:47

Man stelle sich vor, der FC Bayern findet sich nach 14 Bundesliga-Spieltagen auf Platz sieben wieder. Ein Horror-Szenario aus Sicht der Münchner, das Wirklichkeit geworden ist. In seinem wöchentlichen Blog deckt der LIGAstheniker die Unterschiede in der Außendarstellung von Liga-Primus Borussia Mönchengladbach, Topverfolger RB Leipzig und dem deutschen Rekordmeister auf: die Souveränitätslücke.

Liebe Fußballfreunde,

Wer Julian Nagelsmann am Samstag abend bei den Kollegen im ZDF-Sportstudio gesehen hat, der konnte einen jungen Erfolgsmenschen mit seinem augenscheinlichsten Talent beobachten: seiner Souveränität. Keine Frage war ihm zu blöd, selbst die nicht, wann er denn endlich zu den Bayern gehe (Antwort Nagelsmann: Heute abend nicht mehr). Er erzählte ungeschminkt davon, dass er in der Schule zum Klassenclown neigte, heute immer wieder mal für arrogant gehalten werde, und dass er im Privaten die permanente öffentliche Bespiegelung nicht brauche, die ihm bestätige, wie knackig er doch auf seinem Mountainbike sitze.

In diesen wenigen Fernsehstudiominuten hat der Leipzig-Trainer da weitergemacht, wo seine Spieler am Nachmittag beim 3:1 gegen Hoffenheim aufgehört hatten: eine derart natürlich zur Schau gestellte Lockerheit speist sich auch aus dem Wissen um die eigenen Fähigkeiten, die Woche für Woche eine Bestätigung erfahren und intern nicht permanent in Frage gestellt werden.

Idee von Personal und Spielkultur

Und damit wird eigentlich schon klar, worin derzeit der Unterschied liegt, zwischen dem Tabellenzweiten RB Leipzig und dem Tabellensiebten Bayern München. Als die Bayern gegen Gladbach nach einer Stunde das hochverdiente 1:0 erzielten, da ging Sportdirektor Hasan Salihamidzic an der Seitenauslinie ab wie Schmidts Katze. Er brüllte mit furchterregendem Gestus seine Spannung heraus, sein Mund stand so weit offen, dass man Angst haben musste, er würde seinen Trainer Hansi Flick gleich mitverspeisen. Ausgerechnet der also, der in der Mixed Zone den Mund nicht aufkriegt. Als die Gladbacher in der Nachspielzeit ihren Elfmeter verwandelten und das Spiel damit für sich entschieden, klatschte Gladbachs Trainer Marco Rose einmal kurz in die Hände und drehte ab.

Bayern-Sportvorstand Hasan Salihamidzic sträubt sich gegen die Niederlage in Gladbach

Bayern-Sportvorstand Hasan Salihamidzic sträubt sich gegen die Niederlage in GladbachImago

Wer von sich und seinem Tun überzeugt ist, der braucht an Spieltag 14 nicht so zu tun, als stünde ein Champions-League-Finale an. Das Vertrauen auf die gemeinsam entwickelte Idee von Personal und Spielkultur kann ungemein beruhigend wirken, wenn man weiß, dass sie im Klub alle mittragen. Siehe Gladbach, siehe Leipzig. Und nicht gleich wieder alle das Tuscheln beginnen, wenn mal ein oder zwei Ergebnisse nicht so gestimmt haben wie gewünscht. Siehe Bayern.

Nur mit Gebrüll hilft nicht

Wenn man ein großer Verein ist, und das will der FC Bayern ja sein, dann wäre der heutige Montag ein guter Tag, seinem Trainer Hansi Flick auszurichten, und der Öffentlichkeit gleich mit, dass man mit ihm in jedem Fall bis zum Saisonende weitermachen möchte, komme was da wolle. Und wenn man überzeugt ist, dass er der Richtige ist, dann bekommt er einen Dreijahresvertrag. Wäre er nicht der Richtige, wie sonst wäre er in seine aktuelle Position gekommen? Dass den Bayern gerade mal wieder der nötige Punch abgeht, hat weniger mit dem Trainer, als vielmehr mit der Situation zu tun, in der er sich befindet.

Vertrauen, Commitment, Souveränität, Lockerheit, alles das, was die Roses und Nagelsmänner ausstrahlen, die die Herbstmeisterschaft unter sich ausmachen werden, kann so gar nicht erst entstehen. Lautes Gebrüll hilft da meist nicht weiter. Die Bayern konnten zuletzt zu oft nur das.

Der erpresste Flick

Jetzt also ist der "Flick-Effekt verpufft", ist bei der "Abendzeitung" zu lesen und es wird "schattig" rumort Thomas Müller, der die Situation seines Klubs sicher besser beschreiben kann als jeder Beobachter von außen. Schon also geht das nächste Druckmittel Richtung Interimstrainer Flick so: wenn du bis Weihnachten nicht alles gewinnst, was man noch gewinnen kann (gegen Bremen und Wolfsburg, in Freiburg), dann bist du auch nicht mehr unser Trainer. Das erinnert mich dann doch an meine dreijährige Tochter, die mir in sie betreffenden Erziehungsfragen gerne einen böse Blick zuwirft. "Dann bist du nicht mehr mein Freund", sagt sie dann, nur weil ich sie nicht den ganzen Tag Süßigkeiten essen lasse.

Julian Nagelsmann | RB Leipzig

Julian Nagelsmann | RB LeipzigEurosport

Das ist kindisch und ich meine nicht meine Tochter. Im Sportstudio hat Julian Nagelsmann auch erklärt, warum er ausgerechnet nach Leipzig wollte, um seine Idee vom Spiel zu entwickeln und nicht zum BVB, zu dem es auch Kontakt gab. Die Leipziger buhlten um den jungen Bayern, sie waren sogar bereit, ein Übergangsjahr mit Ralf Rangnick einzuschieben und auf ihn zu warten, soviel Vertrauensvorschuss hätte ihn überzeugt. Da stört ihn offenbar auch nicht, dass sich der große Dosenmufti Dietrich Mateschitz von ihm den Meistertitel erwartet. Dass er, ob der Aufgabe, großen Druck verspüren würde, konnte kein Sportstudio-Zuschauer erkennen. Gegen einen FC Bayern in der Souveränitätskrise ist der Titel schon in der ersten Saison 2020 möglich - und verdient.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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