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FC Schalke 04: Das sind die Ursachen der königsblauen Krise
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Publiziert 01/06/2020 um 11:13 GMT+2 Uhr
Der FC Schalke befindet sich nach der 0:1 (0:1)-Pleite gegen Werder Bremen, der elften Partie in Serie ohne Sieg, weiter im freien Fall. Der LIGAstheniker Thilo Komma-Pöllath begibt sich daher auf Ursachenvorschung der königsblauen Krise. Seiner Meinung nach begeht Trainer David Wagner den gleichen Fehler wie Vorgänger Domenico Tedesco. Doch das ist derzeit auf Schalke nur die Spitze des Eisbergs.
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Liebe Fußballfreunde,
Es gehört zu den angenehmen Begleitumständen des Kolumnisten-Daseins, dass man in Zeiten sozialer Netzwerke nicht mehr jeden guten Gag selber machen muss – man schreibt einfach ab.
Insofern war das Netz am Pfingstwochenende sehr fruchtbar für mich, weil sehr böse zu Schalke 04. Ein Peter Flore, offenbar Kenner klassischer Musik, twitterte von den "Wagner-Festspielen auf Schalke", die gerade den "Ring der Niederlagen" geben würden. Das "Fumsmagazin" zeigte sich beeindruckt von Schalke-Gegner Werder Bremen, der nach 20 Minuten einen Ballbesitzanteil von 82 Prozent besaß. Warum es keine 100 Prozent waren? "Offensichtlich hatte Schalke 04 den Anstoß", konstatierte "Fums".
Nach der neuerlichen Niederlage gegen Bremen (0:1), der vierten in Folge, dem elften sieglosen Spiel in Serie, ist Schalke wieder da angelangt, wo es im Laufe einer beinahe jeden Saison zwangsläufig einmal vorbeischaut: am Ende. Aber so am Ende hat es sich dann trotzdem lange nicht mehr angefühlt.
FC Schalke: Strukturversagen gegen Werder Bremen
Schalke wird kaum absteigen, dafür war die Hinrunde zu passabel. Dennoch gibt es aktuell keine Negativstatistik, die Schalke nicht anführt, am deutlichsten die Rückrundentabelle, die Schalke mit sieben Punkten und einem Torverhältnis von 5:25 auf dem 18. Platz ausweist.
Aber viel mehr noch als statistische Werte, war der Eindruck der ersten Halbzeit zuhause gegen Bremen Ausdruck eines Strukturversagens, wie man das in der Bundesliga lange nicht mehr gesehen hat: Wer Angst davor hat, den Ball zu haben und wer von Anfang an erst gar kein Tor erzielen will, wer also das Wesen des Spiels aus dem Spiel selbst ausklammert, der gehört nicht auf den Rasen.
Das Beste, was Trainer David Wagner jetzt noch passieren könnte, wäre, dass das Gesundheitsamt Gelsenkirchen die ganze Mannschaft in Quarantäne schickt und die Saison vorzeitig beendet. Ist das, was Schalke spielt, auch ein Virus?
Krise auf Schalke: Ist Wagner schuld?
Weil das nicht passieren wird, funktionieren die üblichen Reflexe. Trainer David Wagner ist angezählt, viele Anhänger wollen ihn loswerden, gut für ihn, dass derzeit keine Fans ins Stadion dürfen. Es gibt aber auch viele Kommentatoren, die von einem Trainerwechsel nichts halten. Ich gehöre auch dazu. Wagner selbst ist nur ein weiteres Symptom, nicht die Ursache.
Schalke sei "untrainierbar", hörte man etwa Marcel Reif am Wochenende sagen und er meinte einen Sturm ohne Tore, ein Mittelfeld ohne Ideen und einen Kader, der nicht passt. Tatsächlich würde es derzeit gar keinen Unterschied machen, ob Schalke überhaupt einen Trainer hat, schlechter geht es ja nicht.
Es ist auch nicht so, dass Wagner keine Fehler macht. Sein hin und her auf der Torwartposition hat niemand bestärkt, dafür aber mit Alexander Nübel und Markus Schubert gleich zwei Torleute total verunsichert. Das muss er sich ankreiden lassen.
Schalker Antihaltung gegen Abstiegskandidaten
Nach der Niederlage in Düsseldorf, die Schalke mit einer ähnlichen Antihaltung wie jetzt gegen Bremen einspielte, sprach Wagner davon, dass seine Mannschaft derzeit "zu etwas anderem nicht in der Lage" sei. Nur: Um den eigenen Strafraum herumzulungern, ist noch kein Fußball.
Und ausgerechnet Fortuna Düsseldorf beweist in diesen Wochen unter dem neuen Trainer Uwe Rösler, was es mit einer Mannschaft macht, wenn man Profifußballer endlich Fußball spielen lässt. Plötzlich gewinnt man Spiele, das Selbstvertrauen wächst mit jedem Prozentpunkt Ballbesitz, der Trainer kann seine Spieler mit guten Gründen wieder starkreden.
Wagner macht das Gegenteil: Er redet seine sportlich kleine Mannschaft weiter klein und wiederholt damit den größten Fehler seines Vorgängers Domenico Tedesco. Im ersten Jahr führte Tedesco Schalke zur Vizemeisterschaft, im zweiten Jahr, als es nicht mehr so rund lief, sagte er den Satz, den so wohl auch Wagner gemeint hat: "Was wir nicht können, werden wir in Zukunft lassen".
Im Profibereich ist das ein Offenbarungseid. Denn: Was sollte ein Profi nicht können?
Gelsenkirchener Hybris
Es ist im Sport, zumal im Profisport wie im wirklichen Leben: Wer nicht aus der eigenen Stärke heraus handelt, sondern aus Angst um seine Fehler, der wird nie Erfolg haben. Ein guter Lehrer wie David Wagner, offenbar der nächste kommende Star-Coach, der auf Schalke verglüht, weiß das natürlich.
Dass er gegen besseres Wissen anderes behauptet, lässt tief in die Strukturen des Möchtegernspitzenklubs blicken. Die notorische Fixierung auf die Champions League, deren Teilnahme jedes Jahr Saisonziel ist, weshalb man sich, bis nahe an die Zahlungsunfähigkeit heran, den nach Bayern und Dortmund drittteuersten Kader der Liga leistet, ist, lassen Sie es mich so deutlich formulieren: Schwachsinn.
Seit Jahren ist Spielerberatern bekannt, dass sie für ihre mittelklassigen Spieler nirgends so gute Verträge herausholen wie auf Schalke, bei gleichzeitig überschaubarer Arbeitszeit. Denn international ist Schalke ja nur selten lange spielberechtigt. In seinem seit Jahren gelebten Widerspruch – sportlich international zweitklassig, das Ego Champions League - erinnert die Hybris des FC Schalke 04 nicht ganz zufällig an einen gewissen Donald Trump, dem bekanntlich jeglicher Realitätsbezug abhandengekommen ist.
Allein mir schwant: Ein Trainer, der Schalke schnell wieder "great" machen kann, der muss erst noch geboren werden.
Zur Person Thilo Komma-Pöllath:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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