Mehmet Scholl grinste verschmitzt.

"So einen Fußballer stelle ich mir als Nachfolger vor. Er hat jetzt die Nummer sieben", sagte Bayerns scheidender Publikumsliebling noch. Dann machte er die Bühne frei für den Neuen: Es war Franck Ribéry.

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22/04/2020 AM 16:47

Was Scholl an diesem 15. August 2007 im Bauch der Allianz Arena sagte, wirkt in der Retrospektive fast prophetisch. Große Fußballer erkennen einen solchen in anderen Spielern, sagt man. Scholl sah vermutlich eben das in diesem jungen Franzosen.

Das war schon kurz zuvor auf dem Rasen deutlich geworden. Der FC Bayern hatte in einem Saisonvorbereitungsspiel gegen den großen FC Barcelona gespielt. Franz-Beckenbauer-Cup nannte man das.

Irgendwann im Verlaufe der zweiten Halbzeit wollte man in einem öffentlichen, symbolischen Akt den Staffelstab auf der Außenbahn übergeben. In der 53. Minute kam eben dieser Moment.

August 2007: Der junge Franck Ribéry mit Mehmet Scholl

Fotocredit: Imago

Scholl sollte sich nicht täuschen

Die alte Nummer 7 im Bayerndress, Mehmet Scholl, verließ unter dem Applaus von 69.000 Zuschauern in der Allianz-Arena das Feld und machte Platz für die neue Nummer 7, Franck Ribery, seinen Nachfolger.

Eine kurze, aber herzliche Umarmung am Spielfeldrand, dann trabte der 36-jährige Scholl zum Abschluss seiner aktiven Karriere los zur Ehrenrunde und der 24-jährige Ribéry aufs Feld. Eine Ära endete, eine neue begann.

Denn Scholl sollte Recht behalten. Er hätte sich keinen besseren Nachfolger malen können.

Ribéry wurde nicht nur zum neuen Publikumsliebling und Dribbelkünstler beim Rekordmeister. Der Franzose blieb zwölf Jahre lang ein Roter, prägte eine extrem erfolgreiche Ära und darf sich heute ohne schlechtes Gewissen als Vereinslegende betiteln lassen. Seine Verpflichtung geht als eine der einflussreichsten in die Geschichte des FC Bayern ein.

Davon war im Sommer 2007 allerdings ganz und gar nicht auszugehen.

Aus der Serie: Die Königstransfers des Fußballs

Bayern vor Ribéry: National top, international eher Mittelmaß

Die Erwartungen, mit denen der Neuzugang von Olympique Marseille überfrachtet wurde, waren immens.

Die Münchner hatten in den ersten sieben Spielzeiten des noch jungen dritten Jahrtausends zwar ordentliche vier nationale Meisterschaften eingefahren, international lebte der erfolgsverwöhnte Klub aber erstaunlich enthaltsam.

Seit dem Champions-League-Triumph 2001, bei dem Scholl und Oliver Kahn Hauptrollen gespielt hatten, war man kein einziges Mal über das Viertelfinale hinausgekommen. Zu allem Überfluss stand nach Platz vier in der Bundesliga eine Saison im ungeliebten UEFA-Cup an.

Bei Bayerns Bossen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge reifte deshalb der Entschluss, die Mannschaft durch finanziellen Input wieder auf das für sie vorgesehene Niveau zu hieven. Was folgte war ein (bis dahin) beispielloser Transfersommer - in der Presse damals vielsagend "Großangriff" genannt.

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Bayern investiert wie nie zuvor

Für insgesamt 76 Millionen Euro holte man Miroslav Klose, Luca Toni, Marcell Jansen, José Sosa, Jan Schlaudraff, Zé Roberto und Hamit Altintop an die Isar. Und eben einen französischen Nationalspieler aus Marseille.

Dessen Ablösesumme betrug allein 25 Millionen Euro und entsprach exakt dem Betrag, den die Bayern durch den Verkauf des bei den Fans sehr beliebten Owen Hargreaves an Manchester United einnahmen.

Man darf wohl sagen, dass dies nicht alle Anhänger gleich als "gute Entscheidung" lobten. Mittlerweile dürften sie versöhnt sein. Hargreaves konnte nie mehr an seine Höchstleistung anknüpfen.

Wenn Deisler richtig zurückkommt, machen wir bei Ribéry gar nichts

Ribérys Fährte hatte der Rekordmeister schon deutlich vor dem Sommer 2007 aufgenommen, das eigene Interesse aber immer wieder gut verschleiert. Noch am 8. Januar desselben Jahres wiegelte Hoeneß im Trainingslager in Doha ab. "Er ist ein Spieler, der uns interessiert. Aber sicher nicht die Nummer 1 oder 2 auf der Liste."

Zwei Tage später war Ribéry bester Mann beim Vorbereitungsspiel zwischen beiden Teams. Hoeneß bekräftigte trotzdem: "Es liegt an Sebastian Deisler. Wenn er richtig zurückkommt, machen wir bei Ribery gar nichts."

Es war das Trainingslager, in dem der Bayern-Manager ganze Nächte damit verbrachte, den mental angeschlagenen Deisler von einer Fortsetzung seiner Karriere zu überzeugen. Kurz nach der Rückkehr aus Doha beendete der deutsche Nationalspieler dennoch seine Karriere - und Ribéry wurde Münchner.

Luca Toni (l.) und Franck Ribéry

Fotocredit: dpa

In Marseille weinte Ribéry niemand eine Träne nach

Mit Ribéry und Toni kam der Spaß zurück an die Säbener Straße. Das Duo lockerte die in den Jahren zuvor etwas erstarrten Strukturen mehr und mehr auf. Nicht viele hatten dem Franzosen dies zugetraut. Gemeinhin galt er als schwieriger Charakter.

"Er wollte schon im Jahr zuvor nach der Weltmeisterschaft 2006 gehen", erklärt Maxime Dupuis von Eurosport-Frankreich. OM weigerte sich aber, ihn abzugeben, was dem Binnenverhältnis nicht eben zuträglich war. "Die Fans waren deshalb sauer. Man weinte ihm keine Träne nach."

Als Ribéry Jahre später mit Bayern nach Marseille zurückkehrte, wurde er ausgebuht.

In München war dies freilich anders. Hier wurde er über die Jahre zum Filou. Auch wenn sportlich in der ersten Saison nicht alles nach Plan lief.

Als großer Favorit auf den Titel taten sich die Bayern im UEFA-Cup schwerer als gedacht. Noch vor der Winterpause erklärte Rummenigge seinem Trainer Ottmar Hitzfeld, dass Fußball keine Mathematik sei. Die Stimmung verbesserte dies nicht.

Heynckes holt das Beste aus Ribéry heraus

Im Halbfinale scheiterte man dann krachend an Zenit St. Petersburg. Auch der Gewinn der deutschen Meisterschaft wenig später konnte das Ende der zweiten Hitzfeld-Amtszeit in München nicht verhindern. Jürgen Klinsmann übernahm. Nicht unbedingt zur Freude von Ribéry.

Der taute erst wieder auf, als Jupp Heynckes auf den glücklosen "Klinsi" folgte. Die Beziehung zu seinem Lieblingstrainer Heynckes sollte ohnehin zur großen Konstanten in "König Francks" Bayern-Zeit werden.

Unter dem ehemaligen Weltklassestürmer feierte er seinen größten Erfolg: Das Triple 2013. Insgesamt drei Mal arbeitete das Duo zusammen. "Ich hatte hier viele Trainer", sagte Ribéry kurz vor seinem Abschied vom FC Bayern im Jahr 2019. "Aber keiner war für mein Leben und meine Karriere so wichtig wie Jupp. Als er auf der Bank saß, da war ich auf Top-Niveau."

Jupp Heynckes (l.) und Franck Ribéry

Fotocredit: Getty Images

Und wenn Ribéry auf Top-Niveau war, performte auch die Mannschaft.

Insgesamt neun Meistertitel, sechs Pokalsiege und eine Klub-Weltmeisterschaft heimste der deutsche Vorzeigeklub mit dem Franzosen ein. Dazu zog man drei Mal ins Champions-League-Finale ein, war von 2012 bis 2018 sechs von sieben Mal mindestens im Halbfinale vertreten und gewann die "Königsklasse" 2013 sogar.

Im Hintergrund sorgte Ribérys väterlicher Freund Hoeneß dafür, dass sich sein Schützling aufs Fußballspielen konzentrieren konnte. Der Manager und spätere Präsident lehnte lukrative Angebote aus Madrid (2010) und London (2008) ab und glättete private Unebenheiten neben dem Platz.

Hoeneß hütete Franck Ribéry wie seinen Augapfel. Er wusste, dass dessen Verpflichtung 2007 ein echter "Königstransfer" gewesen war. Da war er einer Meinung mit Mehmet Scholl.

Der Top-Fußball wird von seinen Superstars geprägt. Besonders dann, wenn sie den Verein wechseln, wird der Einfluss der Ausnahmespieler besonders sichtbar. Eurosport.de blickt auf die Transfers, die die Kräfteverhältnisse in den vergangenen 25 Jahren nachhaltig veränderten. Teil 4 der Serie mit dem Transfer von Didier Drogba von Olympique Marseille zum FC Chelsea 2004 folgt am Donnerstag bei Eurosport.de.

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