Jörg Berger brauchte 20 Minuten für sich.
Es war der 17. November 1991 und der Trainer des 1. FC Köln überlegte, wie er das, was ihm gerade eben ein Polizist gesagt hatte, seiner Mannschaft offenbaren sollte. Ob Maurice Banach heute zum Training erschienen sei, hatte der Beamte gefragt?
Weil Berger verneinte, eröffnete ihm der Polizist, dass der 24-Jährige auf der Fahrt zum Training wahrscheinlich tödlich verunglückt sei. Man hätte sein völlig ausgebranntes Auto gefunden, die Identifizierung sei schwierig.
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Vergessene Helden des Fußballs: Der Torwart, der vier Elfmeter in einem Finale hielt
05/05/2020 AM 21:30
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"Ich konnte nichts mehr denken, war fassungslos, musste erstmal in die Kabine und mich sammeln", erzählte der mittlerweile verstorbene Coach Jahre später dem "Spiegel". Als die Mannschaft das Auslaufen beendet hat, eröffnet ihr der Trainer, was passiert ist. "Das war schrecklich", sagte Berger.

Unfallursache bleibt ungeklärt

Über die Begleitumstände des folgenschweren Unfalls gibt es unterschiedliche Schilderungen. Manche berichten von klarer Sicht und trockener Fahrbahn, andere beschreiben diesen Novembermorgen als trüb, nebelig und ungemütlich.
Fest steht, dass sich der 24-jährige FC-Stürmer gegen 8:25 Uhr auf der Fahrt von seinen Schwiegereltern in Münster nach Köln zum Training befindet. Auf der Autobahn A1 bei Remscheid kommt er mit seinem blauen Opel Omega von der Fahrbahn ab.
Das Fahrzeug prallt gegen einen Brückenpfeiler und geht in Flammen auf. Maurice Banach ist sofort tot.
Es ist nicht nur das viel zu frühe Ende eines jungen Lebens, sondern auch einer verheißungsvollen Karriere.

Auf dem Sprung in die Nationalmannschaft

"Ich weiß, dass Berti Vogts ihn für die Nationalelf schon auf dem Zettel hatte“, berichtet Banachs Witwe Claudia. Denn ihr "Mucki" - und so nennt ihn nicht nur sie - war hochtalentiert.
Der gebürtige Münsteraner war Sohn eines US-Soldaten, den er nie kennenlernte und begann früh mit dem Fußball. In der Jugend spielte er für Preußen Münster. Über Borussia Dortmund - wo er sein Profi-Debüt feierte - kam er 1988 zum damaligen Zweitligisten Wattenscheid 09.
Den Verein ballerte der schlaksige Stürmer mit 21 Treffern fast im Alleingang in die Bundesliga. Dann wechselte Banach nach Köln - für 1,2 Millionen Mark (600.000 Euro). Ein echtes Schnäppchen.

Die FC-Fans verehren ihren "Mucki"

In der fußballverrückten Stadt am Rhein stieg der Neuzugang schnell zum Publikumsliebling auf, was nicht nur an 14 Toren in seiner ersten Saison am Geißbockheim lag.
"Mucki" gilt als nahbarer Typ. Er nimmt das Lebensgefühl der Stadt mit vollen Zügen auf. Noch heute ist er bei den FC-Anhängern sehr beliebt. In ihrer Gunst steht er auf einer Stufe mit Vereinsikonen wie Pierre Littbarski und Lukas Podolski.
"Maurice genoss durch seine ruhige, besonnene, zurückhaltende, aber zugleich fröhliche Art allgemeine Wertschätzung", schrieb der 1. FC Köln später in der Traueranzeige für seinen Spieler.

Fan-Plakat für Maurice Banach

Fotocredit: Imago

Vogts und Kollegen schwärmen in höchsten Tönen

Es scheint ohnehin fast unmöglich jemanden zu finden, der nicht ausgesprochen positiv über Banach spricht.
"Unser großer Hoffnungsträger war nicht Littbarski, nicht Horst Heldt, es war Mucki", erinnerte sich Trainer Berger, der im Verbund mit Sportdirektor Udo Lattek dafür gesorgt hatte, dass ihr Sturmjuwel einen langfristigen Vertrag in der Domstadt unterschrieb.
Die beiden wollten ein neues, erfolgreiches FC-Team aufbauen - mit Banach als Fixpunkt. "Er war bei allen sehr beliebt und wurde schnell zum Stimmungsmacher", erinnerte sich Mitspieler Falko Götz später.
Obendrein war offensichtlich, dass der Knipser zu Höherem berufen war. Bundestrainer Vogts hatte ihn schon mit 15 Jahren in der Westfalenauswahl spielen sehen - und fortan nie aus den Augen gelassen.
"Ich habe sofort gespürt, der ist etwas Besonderes. Maurice war ehrgeizig, aber auf dem Spielfeld nie verkrampft. Mit seiner positiven Art hat er viele angesteckt", sagte der Europameistercoach von 1996. Nicht auszuschließen, dass Banach hier im Kader gestanden hätte.
Ein großer Titel sollte Banach aber immer verwehrt bleiben. Im DFB-Pokalfinale 1991 kam er ihm am nähesten. Sein Tor reichte aber nicht zum Sieg.
Wenn man eine solche Nachricht erhält, erkennt man die Dimensionen außerhalb des Sports.
Nach 18 Spieltagen seiner zweiten Saison in Köln hatte der 24-Jährige erneut zehn Treffer auf dem Konto und lag an Position zwei der Torjägerliste. Seine letzten beiden Tore erzielte er acht Tage vor seinem Tod beim 4:1-Sieg gegen Fortuna Düsseldorf. Dann passierte das Unfassbare.
Das folgende Bundesligaspiel der Kölner gegen Dynamo Dresden wurde abgesagt.
Ganz Fußball-Deutschland stand unter Schock. Beim Länderspiel in Brüssel gegen Belgien wenige Tage später gedachten die Spieler in einer Schweigeminute ihres verstorbenen Kollegen.
"Wenn man eine solche Nachricht erhält, erkennt man die Dimensionen außerhalb des Sports", sagte Weltmeister Littbarski damals.

Maurice Banach im DFB-Pokal-Finale gegen Werder Bremen im Juni 1991

Fotocredit: Imago

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Der Unfall begleitet Banachs Witwe bis heute

Mehr als die sportliche wiegt natürlich die private Tragödie, der Verlust des Menschen Maurice Banach. Besonders für seine Familie.
Claudia Banach-Weigl, die mittlerweile erneut geheiratet hat, kann bis heute nicht an der Unfallstelle vorbeifahren. "Wenn wir von Münster aus Richtung Köln unterwegs sind, nehmen wir immer die A43 statt die A1", sagt sie.
Kurz nach dem Tod sei sie oft zum Unfallort, um Mucki zu suchen. "Ich lebte in meiner eigenen Welt und dachte, er versteckt sich nur. Ich fand aber nur seine Kette."
Was ihr blieb sind die gemeinsamen Söhne Danny und Zico. "Wenn ich beide zusammennehme, sehe ich meinen Mann wieder..."
Es gibt Spieler, die den Fußball über Jahre prägen. Jedes Kind kennt sie. Es sind die Messis, Ronaldos, Zidanes und Müllers, deren Stern aufgeht und über Jahre hell leuchtet. Doch wo viel Licht ist, kann Schatten nicht weit sein. Und so gibt es viele Spieler, denen nicht Talent, aber Konstanz, Gelegenheit oder Glück zur ganz großen Karriere gefehlt hat. Sie standen nur kurz im Mittelpunkt und verschwanden dann von der Bildfläche. Das sind die vergessenen Helden des Fußballs. Wir haben ihre Geschichten aufgeschrieben.
Vergessene Helden des Fußballs:

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