Michael Meier traute seinen Augen nicht.
Als man dem BVB-Manager im Frühjahr 2001 die Zitate seines Spielers Victor Ikpeba aus einem Interview mit der französischen "L'Équipe" vorlegte, musste er einfach reagieren. Zu heftig waren die Vorwürfe. Zu pikant die Themen, die der Stürmer ansprach.
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"Als ich kam, war ich jemand, eine Persönlichkeit, hatte Temperament, lachte gerne. Das wollte man alles zerstören, um mich mit den anderen gleichzumachen", behauptete der damals 27-Jährige, der zwei Jahre zuvor als international anerkannter Torjäger von der AS Monaco ins Ruhrgebiet gewechselt war.
Und weiter: "Sie brachen meinen Stolz. Hier hat man mich zerstört. Man nutzte die Presse, um skandalöse Dinge über mich zu schreiben. So etwas habe ich noch nie erlebt."
Ikpeba redete sich in dem Interview dermaßen in Rage. Man konnte die Wut praktisch aus den Zeilen destillieren. Es ging ein wenig um Sportliches, in erster Linie aber beschwerte sich der Nigerianer über Dinge, die von deutlich größerer Tragweite waren.
"Ich bin Afrikaner. Wenn ich zur Nationalmannschaft reiste, schrieb die Presse, ich wäre in den Ferien", sagte Ikpeba. In der Kabine hätten sich Spieler beschwert, es seien zu viele Schwarze im Verein. Er wolle aber "nicht von Rassismus reden", auch wenn für ihn "als Brasilianer manches sicher besser gelaufen" wäre. Rumms!
Hier musste Meier einschreiten.

Victor Ikpeba vergibt eine Chance gegen Claus Reitmeier vom VfL Wolfsburg

Fotocredit: Imago

Meier weist Vorwürfe zurück

"Das ist dummes Zeug. Das muss man klipp und klar sagen. Die Vorwürfe, wenn er sie tatsächlich so geäußert haben sollte, sind im Grunde in allen Punkten zu entkräften", entgegnete der BVB-Boss rigoros. Er lasse "kein Jota" von Ikpebas Äußerungen gelten.
Übrigens könnten "nicht genug Schwarze bei uns sein", fuhr er fort.
Zum Zeitpunkt des heftigen öffentlichen Streits hatte der Stürmer sein letztes Bundesligaspiel im Trikot der Borussia längst gemacht. Die Beziehung zwischen Spieler und Verein war von Anfang an keine besonders liebevolle gewesen.
Obwohl alles so vielversprechend begann.

Fernduell mit dem FC Bayern

Als Ikpeba im Sommer 1999 bei Schwarz-Gelb vorgestellt wurde, hatte Meiers Kumpan und Klub-Präsident Gerd Niebaum noch voller Stolz von seinem neuen Star gesprochen. Der Champions-League-Titel war gerade zwei Jahre her und in Dortmund war man dabei, weiter einen internationalen Spitzenverein aufzubauen.
National befand man sich deswegen natürlich ständig im Fernduell mit dem FC Bayern. Wenn gerade nicht auf dem Platz, dann auf jeden Fall auf dem Transfermarkt.
Und der ungeliebte Konkurrent aus dem Süden hatte dem BVB soeben einen Wunschspieler vor der Nase weggeschnappt. Der Brasilianer Paulo Sergio von Bayer Leverkusen hatte die Säbener Straße dem Borsigplatz vorgezogen. Ein Affront.
Also wollte Niebaum Ersatz. Und der - damals noch taufrische - Sportdirektor Michael Zorc gehorchte. Er eiste einen Stürmer von der AS Monaco los, dessen Vita deutliche Worte sprach.

BVB-Trainer Michael Skibbe präsentiert die Neuzugänge zur Saison

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Ein Weltstar unter Weltstars in Monaco

Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1996, französische Meisterschaft ein Jahr später, WM-Teilnahme 1998, Afrikas Fußballer des Jahres war er auch. Insgesamt 217 Spiele und 76 Tore für das Team aus dem Fürstentum, das Mitte der 90er-Jahre unter Trainer Arsène Wenger ein echter Hotspot für spätere Weltstars gewesen war.
Jürgen Klinsmann, Thierry Henry, Fabian Barthez, Lilian Thuram, David Trezeguet: Mit all jenen Ausnahmekönnern hatte er zusammengespielt - und immer seine Einsätze bekommen.
In der Dortmunder Führungsetage war man sich sicher, dass man exakt ein solches Kaliber wollte. Man investierte zwölf Millionen Mark (rund sechs Millionen Euro) und ignorierte durchaus präsente Warnsignale.

Victor Ikpeba (r.) im Gespräch mit Stefan Reuter vom BVB

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Denn Ikpeba hatte seine beste Zeit ganz offensichtlich bereits hinter sich. In der Saison 98/99 hatte er seinen Stammplatz verloren und war durch öffentliche Scharmützel auffällig geworden.
Geschenkt.
Der Victor muss sich erstmal selbst in den Griff bekommen.
Im Ruhrgebiet angekommen merkte Ikpeba dann schnell, dass das Leben hier nicht viel mit dem in Monaco gemeinsam hatte (und immernoch hat).
"Wenn du es gewohnt bist, dabei zu sein, wenn Prinz Albert sein Boot zu Wasser lässt, ist es schon eine Umstellung, wenn du plötzlich in Dortmund lebst", bemerkte Niebaum, der in rasender Geschwindigkeit festgestellt hatte, dass seinem Neuzugang Dinge abgingen, für die ihn niemand entschädigen konnte.
"In Monaco war ich ein kleiner Gott, hier ein Niemand", meinte Ikpeba lapidar.
Das Jetset-Leben in Südfrankreich fehlte dem 26-Jährigen so sehr, dass sich seine Frustration immer wieder Bahn brach. Eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung, eine Ohrfeige für Mitspieler Sead Kapetanovic und eine Geldstrafe wegen öffentlicher Kritik an Trainer Michael Skibbe - all das fiel in die ersten Monate. Dem späteren Bundestrainer hatte er vorgeworfen, dieser wolle seine Karriere zerstören.
"Der Victor muss sich erstmal selbst in den Griff bekommen", analysierte sein damaliger Mitspieler Christian Wörns. Es blieb ein frommer Wunsch.

Victor Ikpeba im Trikot der AS Monaco

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Letztes Spiel gegen Werder Bremen

Denn Ikpebas Abwährtsspirale drehte sich unaufhaltsam weiter. Im Mai 2000 starb seine Frau Victoria an Brustkrebs - mit 24 Jahren. Ihre Krankheit hatte der Nigerianer monatelang geheim gehalten.
Manager Meier war darüber dennoch im Bilde gewesen. Er begleitete den trauernden Familienvater sogar ans Sterbebett seiner Gattin. "So manch einer wird sich inzwischen fragen, ob er Victor in den vergangenen Wochen nicht Unrecht getan hat", meinte Meier.
In der Folge schlugen Ikpeba in der Presse viele versöhnliche Töne entgegen. Er selbst versuchte, seinen Verlust in positive Energie auf dem Fußballplatz umzuwandeln. Doch auch unter dem neuen Trainer Matthias Sammer fand der Nigerianer beim BVB in der Saison 2000/01 keinen wirklichen Rhythmus.
Sein letztes von insgesamt 30 Spielen als Borusse, in denen ihm drei mickrige Törchen gelangen, machte Victor Ikpeba schließlich im Februar 2001. Für fünf Minuten gegen Werder Bremen.
Dann kam das Interview mit der "L'Équipe"
Man hat mich nur aus Mitleid spielen lassen!
Darin ließ er auch seinen Comebackversuch in anderem Licht erscheinen und wählte Worte, die Manager Meier schwer getroffen haben müssen. Er werde den Eindruck nicht los, so der Nigerianer, dass man ihn nur spielen ließ, weil er seine Frau verloren hatte.
"Aus Mitleid, um mich zu trösten. Das ist das Grausamste, was mir je in meinem Leben passiert ist. Nur wegen ihr hielt ich hier durch. Sie stand immer hinter mir. In Lüttich, Monaco. Heute ist sie bei Gott und ich glaube, sie will mich öfters spielen sehen."

Karrierende im Jahr 2005

In Dortmund sollte es dazu nicht mehr kommen. Das Tischtuch war endgültig zerschnitten.
Im August des Jahres 2001 lieh Dortmund sein Millionen-Missverständnis an Betis Sevilla aus, verkaufte ihn ein Jahr später dann endgültig an Al-Ittihad in Libyen - für eine Millionen Euro.
Bis zu seinem Karriereende im Jahr 2005 konnte der Stürmer nie mehr an seine Glanzform der frühen Monaco-Jahre anknüpfen.
Der Top-Fußball wird von seinen Superstars geprägt. Besonders dann, wenn sie den Verein wechseln, wird der Einfluss der Ausnahmespieler sichtbar. Eurosport.de blickt auf die Transfers, die die Kräfteverhältnisse in den vergangenen 25 Jahren nachhaltig veränderten, oder eben nicht. Alle bisherigen Teile der Serie(n) kannst Du hier lesen:
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