Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Liebe Fußballfreunde,

Bundesliga
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21/09/2020 AM 07:20

es ist die rätselhafte Charaktermischung aus Dünnhäutigkeit und Verzagtheit, die bei Lucien Favre einen so tattrigen Eindruck hinterlässt. Es ist der Eindruck vom alten weißen Mann, der diese Boyband des BVB, das spannendste Projekt des Weltfußballs, so war es in der "ARD" jüngst zu hören, auf die große Bühne führen soll.

Nichts war am ersten Spieltag der neuen Saison stärker zu vernehmen, also die Sehnsucht der Liga und der Öffentlichkeit, dass der BVB endlich sein nie selbst verbalisiertes Versprechen einlöst, die Bayern vom Sockel zu stoßen, die Meisterschaft an sich zu reißen wie eine Geliebte im Liebesspiel, wenigstens für einen sprichwörtlichen Meisterschaftskampf zu sorgen, der den Namen auch verdient.

Ja, diese Boyband könne das, die müsse das jetzt einfach mal können, es ist höchste Zeit, so hörte man das am Wochenende aus den flehentlichen Fragen der Medienvertreter heraus. Und Favre? Sein Auftritt bei der PK nach dem guten 3:0 gegen Gladbach, seine stockenden Null- oder Einwortsätze - sein Deutsch ist leider über die Jahre nicht viel besser geworden - ein einziger Versuch nichts zu sagen, oder nicht zu viel zu sagen, es könnte ja eine Erwartung schüren, an der er gemessen wird.

Dabei unterliegt Favre immer wieder dem gleichen Denkfehler: Die Bundesliga ist nicht Jugend forscht, sondern ein Profibetrieb, die Meisterschaft ein Wert an sich. Wer keine Erwartung wecken will, der soll in der Westfalenliga antreten.

Glaubt Favre nicht an den Titel?

Besonders unverständlich wird es, wenn Favre nach seinem Verbalcatenaccio ansatzlos pikiert und verärgert reagiert. Die Kollegen hatten ihn nach Bayern München gefragt, das erste Mal, am ersten Spieltag einer neuen Saison. So, als wäre die Frage völlig abwegig. Wie weit isser denn, der BVB im Kampf gegen Triplesieger Bayern München?

Favre verstand die Frage und die Welt nicht mehr. Bayern sei die beste Mannschaft der Welt und wer das nicht verstünde, der müsse sich einen neuen Job suchen. So ähnlich klang das. Nur: Das was gar nicht die Frage. Die Frage zielte auf seine Borussia und ob die schon so weit sein könnte, den Überbayern Paroli zu bieten. Favre klang so, als hielte er den Gewinn der Meisterschaft für schiere Utopie, Science-Fiction, jenseits des Vorstellbaren.

Er will also, so hat es den Anschein, im dritten Jahr seiner Tätigkeit in Dortmund zum dritten Mal in Folge Zweiter werden. Oder wie soll man das verstehen? Spätestens jetzt wäre mir als Sportdirektor Zorc klar, dass es keinen Sinn macht, Vertragsgespräche mit einem Trainer aufzunehmen, der sich den Titel gar nicht erst zutraut. Was erklären könnte, warum dieser hochkompetente Fußballtaktiker in seiner Trainerkarriere so wenig gewonnen hat (Außerhalb der Schweiz tatsächlich noch gar nichts).

Zorc deutete das am Wochenende an, dass es Gespräche geben solle. Und dann ergänzte jener Zorc, als er merkte, dass Favre sich wieder einmal um Kopf und Kragen haspelt, man werde natürlich sein Bestes geben. "Sein Bestes geben" - das stand bei mir in der dritten Klasse Grundschule im Zeugnis. Und glauben Sie mir: Ich war schon damals kein guter Schüler.

BVB-Trainer Lucien Favre im Gespräch mit Jadon Sancho

Fotocredit: Getty Images

Bubi Reyna traut sich was zu

Wie fragwürdig sich Favre und Zorc in der Öffentlichkeit verkaufen, wird allein dadurch sichtbar, dass es einen 17-jährigen Bubi braucht, der das Gebotene ausspricht ohne ohnmächtig zu werden: "Wir gehen nicht in die Saison und erwarten, dass Bayern München Meister wird. Wir erwarten, dass wir Meister werden."

Wumms! Das sagte der Wunderbegabte Giovanni Reyna vor Saisonstart, der als Amerikaner eine ganz andere Kultur von Sport und Wettbewerb verinnerlicht hat. Zwischen den Zeilen sagte Reyna auch: "Mensch Trainer, Du musst uns nicht in Watte packen. Wir halten den Druck aus. Und den größten Druck machen wir uns eh selbst!" Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie ein anderer Fußballbubi, sagen wir Kylian Mbappé, 21 Jahre jung, reagieren würde, hätte er einen Angsthasen zum Trainer?

Wiederholt Favre die Fehler der Vorsaison?

Ist es vielleicht so, dass die Dortmunder Mannschaft, so jung sie auch sein mag, schon weiter ist als ihr Trainer kurz vor der Frühverrentung? Oder ist da, auch das wäre ja möglich, vor allem viel Taktik dabei, den Ball flach zu halten, die Konkurrenz in Sicherheit zu wiegen, um dann überraschend zu zuschlagen. Naja, wenn dem so sei, dann kann man festhalten, diese Taktik ist in den letzten beiden Jahren grandios gescheitert.

Zeitweise hatte der BVB in der Vorsaison neun Punkte Vorsprung vor stellenweise unterirdischen Bayern – es reichte nicht. Und bezeichnenderweise versagten die Borussen gerade in den direkten Duellen gegen den FCB. Mut und Selbstüberzeugung ist nichts, was über Nacht wächst.

Sie kommen Stück für Stück über die Erfolge auf dem Feld und eine Klubkultur, die eigene Stärke nicht klein- und den Gegner nicht größer redet als er ist. Ob Favre das noch lernt, bleibt fraglich.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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