Ein äußerst ungewöhnliches Fußball-Jahr 2020 neigt sich dem Ende. Es ist daher an der Zeit, die Saison auch auf taktischer Ebene Revue passieren zu lassen.
Ob falscher Spielmacher, offensiver Linksverteidiger oder Neuner, der aus der Zukunft kommt: Das vergangene Jahr hatte taktisch einiges zu bieten.
Im Taktik-Check geht der Blick daher auf einige Spieler, die in einer vom Coronavirus dominierten Saison besonders aufgefallen sind.
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Dazu zählen unter anderem Bayern-Star Thomas "Radio" Müller, der lautstark auf dem Platz die Führungsrolle übernimmt, und BVB-Torjäger Erling Haaland, der die Rolle der Neun in einer neuen Art interpretiert. Eurosport.de stellt diese besonderen Spieler vor.

Angeliño: Der stürmende Linksverteidiger

Von seiner Quote träumen viele Offensivspieler: Sieben Tore und fünf Vorlagen machen Angeliño zu einem der wichtigsten Leipziger Spieler. In zehn seiner 19 Pflichtspiele war Angeliño an mindestens einem Leipziger Tor direkt beteiligt – eine beeindruckende Konstanz.
Für den flexiblen RB-Fußball unter Julian Nagelsmann ist der 23-Jährige unverzichtbar. Egal ob 3-4-3, 3-5-2, 4-3-3 oder 4-4-2: Angeliño bringt Power über seine linke Seite. Dabei klebt der Spanier nicht an der Linie, sondern dringt auch immer wieder über den Halbraum vor. Das passiert oft durch Dribblings ins Zentrum, wo er dann schnelle Doppelpässe sucht und hinter die Abwehrkette startet.
Aber auch wenn das Spiel über die rechte Seite läuft, hat Angeliño Stärken, die er einbringen kann. Er erkennt sehr gut, ob sich seine Kollegen auf der Seite durchsetzen und zum Flanken kommen oder ob das Spiel nochmal verlagert werden sollte. Wenn RB sich rechts bis zur Grundlinie durchgespielt hat, besetzt Angeliño verlässlich den zweiten Pfosten und wird torgefährlich.
Sein Timing in Verbindung mit seinem schnellen Antritt und dem robusten Körper ist äußerst schwierig zu verteidigen. Verlagert Leipzig nochmal über den Sechser, steht Angeliño meistens schon im linken Halbraum. So kann durch kurze und schnelle Pässe verlagert werden und er bekommt ein freies Schussfeld oder chippt den Ball gegen die Verschieberichtung der Abwehr vors Tor.

Der Leipziger Angeliño bejubelt seinen Treffer zum 1:0

Fotocredit: Getty Images

Haaland: Der Neuner aus der Zukunft

Erling Haaland ist beileibe kein Spieler, der in irgendeiner Art und Weise unter dem Radar läuft. Der Hype um das norwegische Supertalent ist enorm. Seine Quote, seine Physis, sein Tempo und seine Technik sind für jeden sichtbar.
Haaland verbindet mit seinen Fähigkeiten die Elemente der klassischen und modernen oder auch falschen Neun. In der Regel lassen sich Stürmer recht problemlos in drei verschiedene grobe Spielertypen einsortieren: Da wären die Strafraumstürmer bzw. Sturmtanks á la Wout Weghorst, die ihre (oftmals vor allem physischen) Qualitäten im Abschluss und im Freilaufverhalten haben.
Die Konterstürmer, die viel Platz brauchen und ihr Tempo in offensiven Umschaltsituationen ausspielen wollen wie Timo Werner. Oder ein verkappter Spielmacher wie Max Kruse, der viele Freiheiten hat und das Spiel auch immer wieder aus dem Mittelfeld ankurbelt. Haaland lässt sich nicht nur in eine der drei Gruppen einsortieren, sondern in alle.

Erling Haaland, Borussia Dortmund

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Der 20-Jährige ist in Kontersituationen nahezu unaufhaltsam, sein Tempo und seine Stärke lassen den Gegner schlichtweg nicht mehr an den Ball kommen. Im Strafraum macht er kluge Laufwege, kann aber auch statisch in den Gegner arbeiten und sich so Freiraum verschaffen. Abschlüsse nimmt er mit links, rechts und dem Kopf – und trifft. Dass Haaland zudem auch im Kombinationsspiel stark ist, denkt man auf den ersten Blick nicht.
Doch der Norweger scheint auch im Kopf sehr schnell zu sein und erkennt Situationen früh, positioniert sich richtig und kann so auch unter Druck sauber mit beiden Füßen passen. Auffällig: Läuft er auf eine Abwehrkette zu, zeigt er ein hervorragendes Timing beim Spielen von Schnittstellenpässen, seine Mitspieler können dabei oftmals direkt abschließen. Mit diesen vielfältigen Fähigkeiten passt der zurecht heiß umworbene Haaland in jede Mannschaft der Welt.

James Rodríguez: Der falsche Spielmacher

Dass der FC Everton nach 14 Spieltagen mitten in der Verfolgergruppe des FC Liverpool mitmischt, ist vor allem ein Verdienst von James Rodríguez. Der Kolumbianer blüht unter seinem Lieblingstrainer Carlo Ancelotti als verkappter Spielmacher von der Rechtsaußenposition auf.
Mit allen Freiheiten ausgestattet bewegt sich James immer wieder ins Zentrum, wo er die Aktionen bekommt, die ein klassischer Zehner braucht. Weil er seine Mitspieler im Zentrum gut beobachtet, kommt James regelmäßig im richtigen Zeitpunkt in den Bereich zwischen gegnerischer Abwehr und Mittelfeldreihe. Von dort kann er mit seinen Distanzschüssen oder Chipbällen hinter die Kette torgefährlich werden.
Ancelotti scheint ihm eine Zielstrebigkeit vermittelt zu haben, die sich vor allem in der Strafraumbesetzung äußert: Hat James den Ball verteilt oder läuft das Spiel nicht über ihn, schleicht er sich immer wieder an den zweiten Pfosten und erzielt "einfache" Tore. Mit diesem Mix aus Spielfreude, Kreativität und Effizienz wird James auch 2021 der entscheidende Spieler für Everton bleiben.

James Rodríguez vom FC Everton

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Thomas Müller: Freund und Helfer

Dass Thomas Müller Räume im Angriffsdrittel findet, die viele Trainer nicht einmal auf der Taktiktafel ausmachen, ist kein Geheimnis. Durch seine intelligenten Laufwege hilft er seinen Mitspielern, die immer wieder frei werden, weil die müllerschen Läufe für Zuordnungsprobleme in der gegnerischen Defensive sorgen.
So weit, so bekannt. Warum war er also 2020 ein so besonderer Spieler? Müller ist ein Spieler, der Vorteile sucht und findet. So auch in der Corona-Krise. In den leeren Stadien hört man jedes lautere Wort auf und neben dem Platz. Und "Radio Müller", wie er einst von Hermann Gerland getauft worden ist, macht seinem Spitznamen alle Ehre. Kaum ein Spieler redet so viel während einer Partie wie Müller.

Bayern-Trainer Hansi Flick im Gespräch mit Thomas Müller

Fotocredit: Getty Images

Im Pressing gibt er lautstark das Signal zum Vorschieben und baut auch verbal Druck auf den Ballführenden auf. Noch wichtiger sind seine Kommandos jedoch in Ballbesitz. Als "Vorsager" hilft er seinen Mitspielern, die nächste Anspielstation zu finden – auch unter höchstem Gegnerdruck.
Während er in die Tiefe sprintet und einen Gegenspieler mitzieht, ruft er dem ballführenden Münchener zu, welcher Raum durch seinen Laufweg gerade aufgeht. Wem der Fußball aktuell ohne Fans nicht gefällt, sollte einmal einem Spiel der Bayern zuschauen – und vor allem genau hinhören, was "Radio Müller" so sendet.
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