Liebe Fußballfreunde, wenn man sich das Video von der virtuellen Pressekonferenz von Dortmunds Trainer Lucien Favre nach der Köln-Pleite ansieht, bekommt man mit der Zeit automatisch Mitleid. Mit hängenden Schultern und einer Miene, als hätte ihm Knecht Ruprecht gerade die Leviten gelesen, sitzt Favre im Presseraum im Dortmunder Stadion und versucht zu beantworten, was nicht zu beantworten ist.

Warum der BVB immer wieder Spiele verliert, die er nicht verlieren darf. Etwa das Heimspiel vom Wochenende gegen den Krisenklub Köln, zuletzt 18 Ligaspiele ohne Sieg.

Bundesliga
TV-Gelder: Bayern kassiert 70 Millionen Euro mehr als Bielefeld
29/11/2020 AM 20:54

Oder vorher in Augsburg. Besonders peinlich ist diese Niederlage schon deshalb, weil der BVB ein nahezu identisches Tor zweimal kassiert hat, ohne dass er eine Strategie gegen die Standards der Kölner entwickeln konnte.

Auf die Frage eines Reporters in der PK, wie das denn sein könne, antwortete Favre: Von der Bank aus habe er das nicht so richtig sehen können. Und zuckte gestisch seine Hilflosigkeit in die Kamera. Ganz anders sein Counterpart Hansi Flick: Auch seine Bayern waren schlecht und anders als der BVB hätte Flick viele Gründe, vor allem aber Erfolge der jüngeren Vergangenheit, ins argumentative Entschuldigungsfeld führen können.

Tat er aber nicht, sondern verteilte gleich mal ein "Jammerverbot" an seine Spieler, wie es die "Bild" nannte. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Bayern und Dortmund, Flick und Favre: Den Anspruch, nichts zu entschuldigen, haben hierzulande nur die Bayern.

Bayern stellt Uralt-Rekord ein, kann Frankfurt aber nicht knacken

Die Bayern am Limit

Das führt zuweilen zu urkomischen Anekdötchen des Ligaalltags. Leon Goretzka sprach nach der Stuttgart-Partie davon, wie kaputt und hundemüde er nach den vergangenen Wochen sei, in denen alle drei Tage ein Bayern-Spiel gewesen war. Goretzka, der dank der jüngsten Leistungen in der Bayern-Mannschaft zum Leader aufgestiegen ist und als einer der fittesten Spieler der Liga gilt, darf das natürlich sagen.

Dann ergänzte er schelmenhaft, er hätte seinen Trainer sagen hören, dass Müdigkeit keine Ausrede sei, deswegen werde er sie auch nicht als Ausrede gebrauchen. Danach musste er selbst lachen. Dabei hatte auch Flick betont, die Mannschaft sei am Limit.

Bayerns Leon Goretzka (l.) im Zweikampf mit dem Stuttgarter Philipp Förster

Fotocredit: Getty Images

Lucien Favre ist müde

Auf die Frage, warum sein zentraler Spielgestalter Julian Brandt wieder einmal in einem engen Spiel seiner Form hinterherlaufe, wusste Lucien Favre erst mal gar keine Antwort. Die Sekunden verrannen in der Pressekonferenz, Favre dachte nach, versuchte Worte zu finden, danach presste er irgendetwas in der Art von, er sei gar nicht schlecht gewesen, "aber auch nicht top" ins Mikrofon. Ende der Analyse.

Favre wirkte so müde wie selbst ein Goretzka nicht. Nennen wir es den "Favreismus", der in etwa das Gegenbild zum "Trumpismus" verkörpert und der glaubt, dass man mit Zögerlichkeit die Welt verändern könnte.

Man muss kein David Copperfield sein, um zu wissen, dass derlei Maßstäbe in Sachen Anspruch und Selbstkritikfähigkeit nicht ausreichen werden, um mal wieder Deutscher Meister werden zu können.

Die Frage der Meisterschaft ist eine von Charakter und Mentalität, also der Bereitschaft, sich an schwachen Tagen zum Erfolg quälen zu können. Und da führen die Bayern vor dem BVB mit deutlich mehr als vier Punkten wie in der offiziellen Tabelle.

Julian Brandt von Borussia Dortmund (l.) im Duell mit dem Kölner Elvis Rexhbecaj

Fotocredit: Getty Images

Was Bayern vom BVB trennt

Vor zwei Wochen, auf der digitalen Hauptversammlung der Dortmunder, schwärmte Boss Aki Watzke davon, dass es seinem BVB zuletzt geglückt sei, immer näher an den besten Fußballverein der Welt herangerückt zu sein. Er meinte natürlich die Bayern.

Der 9. Spieltag zeigte ein realistischeres Bild. Ein derber Rückschlag für den BVB, der die wahren Verhältnisse offenlegte, auch weil er im Ligaalltag zu beobachten war. An einem gewöhnlichen Tag gegen die übliche Laufkundschaft, nicht im Spitzenspiel, für das sich selbst ein Jadon Sancho motivieren kann, sondern gegen Köln und Stuttgart.

Bayern wie Dortmund lagen beide zurück - und dann? Das eigene Selbstverständnis verbot den Bayern, was Dortmund tat: Sie gaben sich auf. Seit Wochen spielen die Bayern nicht gut, sie gewinnen ihre Spiele trotzdem. Wenn die Dortmunder nicht gut spielen, verlieren sie - jedes Mal.

Das ist der Unterschied zwischen einer Meistermannschaft und einer guten Mannschaft, einem Meistertrainer und einem guten Trainer, zwischen Flick und Favre. Wenn BVB-Boss Aki Watzke auf der Hauptversammlung also betont, dass er für seinen Trainer "eine Lanze brechen" möchte, dann muss das keine gute Nachricht für die Zukunft des BVB sein.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

EXTRA TIME - Der Eurosport-Podcast:

Spotify oder Apple Podcast? Höre alle Folgen "Extra Time" auf der Plattform deines Vertrauens

Das könnte Dich auch interessieren: Typisch BVB: Dortmunder Rückfall wirft Fragen auf

"Schwer zu akzeptieren": Favre hadert nach Ecken-Gegentoren

Bundesliga
"So kannst du nicht überleben": Schalke und der ganz normale Wahnsinn
29/11/2020 AM 10:33
Bundesliga
"Am Limit": Drei Bayern-Sätze, die tief blicken lassen
28/11/2020 AM 23:32