Liebe Fußballfreunde, es war erst der achte von insgesamt 34 Spieltagen, aber weil Borussia Dortmund ja mal wieder dringend einen Titel gewinnen muss, den ihnen nicht der FC Bayern wegschnappt, hier also ganz offiziell: Der BVB ist Sieger des achten Spieltags der Bundesliga-Saison 20/21! Wir gratulieren! Es ist der Wahnsinn! Haaland, du Held!

Ist das der sportliche Durchbruch an die nationale Spitze für das Team der Zukunft im europäischen Klubfußball, bei dem der 20-jährige Wunderstürmer Erling Haaland schon zu den "alten" Hasen auf dem Spielfeld zählt angesichts des 16-jährigen Weltwunders Youssoufa Moukoko?

Bundesliga
Leichte Entwarnung bei Bayern-Star Hernández
22/11/2020 AM 17:11

Gerade jetzt, da die überspielten Bayern im Routinemodus keine Selbstverständlichkeits-Siege mehr einfahren? Sogar zuhause gegen hühnerbrüstige Bremer nicht nur nicht gewinnen, sondern streckenweise ziemlich alt aussehen? Gerade jetzt, da die Dominanzbayern des letzten dreiviertel Jahres ganz plötzlich unnötige, hausgemachte Probleme mit sich herumschleppen, die ihnen zusätzlich zum mörderischen Spielplan die Lust an der eigenen Weltklasse nehmen?

Sind die Bayern also in einer Art Krise (oder das, was sie dafür halten) und hat der BVB eine Art Lauf (oder das, was der BVB dafür hält), der diese Spielzeit maßgeblich beeinflussen kann? Ist der achte Spieltag also, um es mal auf den Punkt zu formulieren, der Wendespieltag, von dem man rückblickend behaupten wird, dass sich der sensationell talentierte BVB von hier aus auf den Weg zu seiner neunten Meisterschaft machte? Puuh!

Aufregend engmaschige Tabelle

Okay, okay, Sie, liebe Fußballfreunde, merken natürlich, ich übertreibe, ich phantasiere von einer Bundesliga-Zukunft, die es in der Gegenwart lange nicht mehr gegeben hat. Eine tabellarische Gegenwart, die nicht auf den ersten Blick umgehend verraten würde, dass sportlicher Wettstreit um den Titel gar nicht stattfindet, weil der Erste und der Zweite nicht in derselben Umlaufbahn der Tabelle spielen.

Aber auch das ist, Stand heute, doch schon mal anders. Der Blick auf die Spitze der Tabelle verrät eine Engmaschigkeit, die die Abwehr der Bayern gegen Bremen nicht hatte: Bayern 19 Punkte, Dortmund und Leverkusen 18, Leipzig 17. Das ist aufregend gleichauf!

Kündigt sich eine Bayern-Krise an?

Fast wichtiger könnte für die Bayern-Verfolger sein, dass der Motor des Bayern-Spiels deutlich überhitzt wirkt. Vorbei das intensive Pressing vor dem Strafraum des Gegners, keine Struktur im Spiel nach vorne, große Lücken in der Defensive - die Bayern spielen auf einmal so irdisch mittelmäßig wie sie es eigentlich gar nicht können.

FC Bayern München gegen Werder Bremen

Fotocredit: Getty Images

Normalerweise gewinnen sie diese nervigen Alltagsspiele gegen die "Kleinen", wie sie auch gegen Köln (2:1) oder Hertha (4:3) gewonnen haben. Sind die verlorenen zwei Punkte zuhause gegen Werder also die Ankündigung einer Schwächephase, die sich womöglich zu einer Krise auswachsen kann? Einer ersten echten sportlichen Krise?

Es wäre die erste, die Hansi Flick moderieren und überstehen müsste. Dass sie einmal kommen würde, auch, weil man auf diesem Niveau nicht immer nur gewinnen kann, das war logisch. Kommt sie also jetzt?

Bayerns Baustellen

Wer kann das ernsthaft voraussagen und dennoch gibt es viele Zutaten, die das Werder-Spiel als hausgemachten Dämpfer erscheinen lassen. Denn tatsächlich haben die Bayern es nicht verstanden, einige Krisenherde jenseits des Rasens rechtzeitig abzuräumen. Der Vertragspoker um Abwehrchef David Alaba zieht sich seit Monaten hin und hat längst auf beiden Seiten die Stimmung in einer Art und Weise vergiftet, in der sich kein großer Fußball spielen lässt.

Ähnliches deutet sich bei Jérôme Boateng an, glaubt man den Erklärungen von Sportvorstand Hasan Salihamidzic. Spätestens hier sollten die Bayern frühzeitig klar machen, ob sie verlängern wollen oder eben nicht, sonst droht ihnen ein zweites Habgier-Debakel in aller Öffentlichkeit. Und dass ein Spieler wie Niklas Süle auf der Tribüne sitzt, weil er ein paar Kilos zu viel auf den Rippen hat, ergo also nicht trainiert genug ist, das hat es beim FC Bayern lange nicht, beim FC Bayern unter Flick noch gar nicht gegeben.

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Die Frage ist auch, wie gut der zweite Anzug sitzt, wenn der Leader Joshua Kimmich fehlt und auch sonst einige Kräfte der ersten Elf (Lucas Hernández, Alphonso Davies) verletzt ausfallen? Beim FC Bayern ist gerade viel im Fluss, nur das Spiel nicht.

Flicks erste echte Bewährungsprobe?

Hochspannend wird die Frage sein, wie Hansi Flick mit diesem Cocktail an Problemen umgehen wird. In der Alaba-Frage hat er beeindruckend öffentlich seinen Unmut über das ungeschickte Handling des Vereins kundgetan. Flicks Kritik richtete sich an den Klub - vor allem Salihamidzic durfte sich angesprochen fühlen - nicht an Alaba. Das verschaffte Flick Respekt in der Umkleide, zu einer Lösung des Problems hat es dennoch nicht geführt.

Bayern nur Unentschieden gegen Werder

Fotocredit: SID

Bisher ist Bayern-Trainer Flick dadurch aufgefallen, dass er die Fallstricke und Fettnäpfchen seines Hochrisikojobs intuitiv richtig gelöst und weiträumig umgangen hat. Mit seiner freundlichen aber immer selbstbewussten Art hat er sich eine Unabhängigkeit gegenüber Vorstand wie Spielern bewahrt, die ihn in der ersten echten Bewährungsphase schützen wird. Diese Balance zu halten wird deutlich schwieriger, wenn die Siege nicht mehr automatisch aufs eigene Kontor purzeln wie gewohnt.

Wie großartig der Trainer Flick tatsächlich ist, wird sich in den nächsten paar Wochen zeigen müssen.

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ZUR PERSON THILO KOMMA-PÖLLATH:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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