FC Bayern: Wie Lewandowski die "Nummer 9" wieder salonfähig macht

Robert Lewandowski ist Weltfußballer 2020. Am Donnerstag hat die FIFA den Bayern-Star bei der Gala "The Best" als besten Spieler des Jahres ausgezeichnet. Der Pole ist der erste "echte" Neuner seit Andrij Schewtschenko (2004, "Ballon d'Or"), dem dieses Kunststück gelang. Doch Lewandowski ist viel mehr: Der 32-Jährige sorgt mit seiner Spielweise für eine Renaissance des klassischen Stürmers.

Robert Lewandowski, élu joueur de l'année Eurosport

Fotocredit: Getty Images

"Es gibt immer weniger echte Neuner da draußen", stellt Jean-Pierre Papin, der ehemalige Stürmer des FC Bayern und Gewinner des "Ballon d'Or" 1991, ernüchtert fest. Der reine Mittelstürmer ist in den letzten Jahren vom Radar verschwunden.
Nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch bei den Preisverleihungen zum Jahresende sind die großen Neuner nicht mehr oft anzutreffen. Doch in Robert Lewandowski hat diese vom Aussterben bedrohte Spezies einen Anführer gefunden, der ihr bei ihrem Überlebenskampf die Richtung weist.
In diesem Jahr hat der Pole sogar bewiesen, dass er seine Gattung in eine attraktive Zukunft führen kann. Deshalb kürten ihn die Eurosport-Redakteure zum "Eurosport Star of the Year" und am Donnerstagabend die FIFA bei ihrer virtuellen Gala "The Best" zum Weltfußballer 2020.
Die Zeit, als die Mittelstürmer die Stars auf dem Planeten Fußball waren, ist noch gar nicht so lange her. Noch vor 20 Jahren waren ihre glanzvollen Auftritte an der Tagesordnung. Damals gingen die mit der Nummer neun beflockten Trikots im Eiltempo über die Ladentheken, um dann im Stadion mit stolzgeschwellter Brust getragen zu werden.
Doch seitdem haben sich die Zeiten geändert. Ein Blick auf die Gewinner des "Ballon d'Or" oder des "FIFA Spieler des Jahres" genügt, um zu zeigen, welches Tal die einst großen Neuner durchschritten haben. Denn auf einmal übernahmen die Sieben und die Zehn das Zepter.
Seit Andrij Schewtschenko 2004 den "Ballon d'Or" gewann, wurde kein echter Neuner mehr ausgezeichnet. Schlimmer noch, seit 2008 stand kein einziger Spitzenstürmer mehr auf dem Podium. "Es ist ein Modephänomen. Nur wenige Mannschaften setzen heutzutage auf nur einen zentralen Stürmer. Man zieht es vor, zwei oder drei Stürmer zu haben, die in der Lage sind, Tore zu schießen. Es gibt keinen Stürmer mehr, der das alleine übernimmt. Der Fußball will nicht mehr nur von einer Person abhängig sein", glaubt Papin.

Opfer der Evolution des Spiels

In der Tat, der Fußball hat sich verändert. Das gilt auch für die Positionen. Der Mittelstürmer musste sich zusehends an das Ballbesitzspiel, das in den letzten Jahren zum Maßstab geworden ist, anpassen. Ebenjene Angreifer, die jahrelang in Person von Marco van Basten (1988, 1989, 1992), Jean-Pierre Papin (1991), Georges Weah (1995), Ronaldo (1997, 2002), Michael Owen (2001) und Schewtschenko (2004) den Löwenanteil der "Ballon d'Or"-Auszeichnungen eingeheimst hatten, mussten sich nun mit etwas weniger Rampenlicht begnügen.
Während die Lichtgestalten Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, die mit der Bezeichnung Mittelstürmer nur wenig gemein haben, den modernen Fußball indes durch ihre herausragende individuelle Klasse und ihre Fähigkeit, das Spiel aus dem Mittelfeld heraus zu gestalten, prägen, blieben die klassischen Angreifer in ihrem Schatten zurück. Stattdessen mussten sie Zugeständnisse eingehen, indem sie sich mehr in den Dienst der Mannschaft stellten.
"Das Spiel hat sich in den letzten Jahren stark verändert", erklärt Bernard Lacombe, der in den 1970er und 1980er Jahren für Lyon und Bordeaux auf Torejagd ging und führt aus: "Es gibt weniger Spieler mit dem Profil früherer Stürmer, wie ich einer war. Die Angreifer müssen heute stärker in das Spiel einbezogen werden. Sie müssen sich mehr für das Team anstrengen: "Wenn ich beispielsweise all die Laufwege von Karim Benzema bei Real Madrid oder Alexandre Lacazette beim FC Arsenal sehe, wirkt das extrem kräftezehrend. Dadurch büßen sie in der Gefahrenzone an Feingefühl und Zielstrebigkeit ein. Das sind kleine Details, die aber so wichtig sein können."

"Der Fußball wird sich noch einmal weiterentwickeln"

Ungeachtet dessen sicherte sich Lewandowski im Stile eines echten Mittelstürmers, den der Fußball zumindest auf diesem Niveau kaum noch hervorbringt, einen Platz an der Sonne. Der Pole ist nicht nur ein reiner Torjäger, auch wenn er diese Aufgabe zur Freude der Statistiker in Perfektion ausübt. Er ist viel mehr als das. Als kompletter und technisch begabter Spieler ist er bei den Bayern regelmäßig in den Spielaufbau eingebunden oder aber er forciert nach Ballverlusten das Gegenpressing an vorderster Front. "In der Philosophie des FC Bayern gibt es keinen Spieler, der darauf wartet, dass man ihm den Ball gibt. Lewandowski ist Teil eines Systems, in dem er verteidigen und angreifen muss", erklärt Papin und fügt an: "Aber wir reden hier immer noch von einem echten Mittelstürmer."
Mit seiner Beweglichkeit, seiner Physis und seiner tödlichen Effizienz glänzt Lewandowski seit Jahren vor dem Tor, was sich in fünf Bundesliga-Torjägerkanonen in den letzten sieben Spielzeiten widerspiegelt. Im Münchner System, das viel auf Flügelspiel ausgerichtet ist, kann er sich meist im Zentrum, seinem bevorzugten Revier, aufhalten. "In der Positionierung, in der Bewegung, ist er der perfekte Torjäger", lobt Lacombe, der mit 255 Toren in 497 Erstligaspielen ein Kenner der Materie ist. "Wenn der Ball kommt, ist er da. Das kann man sich nicht ausdenken. Was für ein Könner!", zeigt sich auch Papin begeistert.
Mit seiner umfangreichen Palette an Fertigkeiten hat Lewandowski die Nummer neun wieder an ihren angestammten Platz befördert: ins Zentrum des Spiels und der Debatten. Der Ex-Dortmunder hat gezeigt, dass die klassischen Neuner immer noch ihren Platz im Rampenlicht finden können.
Das Beispiel Erling Haaland, der wie ein Komet auf dem Fußballplaneten eingeschlagen ist, belegt, dass die Nummer neun sogar wieder zum Trend werden kann.
"Darauf werden wir eines Tages zurückkommen. Denn der Fußball wird sich wieder weiterentwickeln", sagt Papin und freut sich, einen Nachfolger für seine Gattung gefunden zu haben.
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Quelle: Eurosport

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