Liebe Fußballfreunde,
erst jetzt also, mit 69 und am Ende seiner langen Karriere im Fußball, darf Uli Hoeneß endlich seiner wirklich wahren Bestimmung nachgehen, ganz offiziell und mit Jobbeschreibung das tun, was er immer schon am besten konnte: zu allem seinen Senf dazugeben. Sie haben es sicher mitbekommen, man konnte es ja schlicht nicht nicht mitbekommen, der ewige Uli Hoeneß hat einen neuen Job: Fernsehfußballkritiker beim großen Nationalelfsender "RTL".
Hoeneß ist nur noch Ehrenpräsident und Aufsichtsratmitglied des FC Bayern, hat also gar kein operatives Amt mehr, hat alle Macht abgegeben, ihm war also langweilig, aber seit zwei Wochen bestimmt er wieder die Schlagzeilen in der deutschen Fußball-Öffentlichkeit, als wäre er DFB- und FIFA-Präsident in einem. Hoeneß hat zu allem eine Meinung, so wie früher, nur wird er jetzt dafür bezahlt.
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Ob seine Meinung etwas zur Sache tut, ist unerheblich, von "Spiegel" bis "Sächsische Zeitung" sind sie im Hoeneß-Fieber. Wenn schon keine Zuschauer im Stadion, dann wenigstens "Abteilung Attacke" auf allen Kanälen, nicht mundtot zu kriegen, schon gar nicht durch eine Pandemie. Dass ein Bayern-Patriarch die Schlagzeilen bestimmt, ist hierzulande gute fußballjournalistische Tradition.
Ende der 1990er-Jahre prägte der Spiegel das Bonmot vom "Firlefranz" und meinte den damals mächtigsten Mann im deutschen Fußball: Franz Beckenbauer. Auch er war Kommentator bei "RTL" und im Pay-TV, dazu "BILD"-Kolumnist, Bayern-Präsident nebenbei. In einem Spiegel-Text von 1998 heißt es: "Je größer sein Einfluss, desto mehr Unsinn redet er". Über 20 Jahre später gilt das gleiche für seinen Freund Uli Hoeneß, dem neuen Firlefranz.

Hoeneß' Meinungspalette: Corona, Steuer, Fußball

Hoeneß' Themen- und Meinungsspektrum ist dabei noch deutlich größer als das Beckenbauers. Von Fußball, Steuern bis Corona - Hoeneß weiß über alles Bescheid. Er weiß, dass Jérôme Boateng nichts in der Nationalmannschaft zu suchen hat, "Andreas Nübel" aber sehr wohl etwas in der Bayern-Elf. Dass Andreas eigentlich Alexander heißt - wen kümmerts.

FC Bayern München: Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß

Fotocredit: Getty Images

Er weiß, wie die kommende EURO organisiert werden müsse, damit sie in der Pandemie überhaupt stattfinden könne (weniger Spielorte), er kennt die Lösung für die Krise beim DFB und empfiehlt gleich mal seine alten Bayern-Vasallen Lothar Matthäus als Bundestrainer und Karl-Heinz Rummenigge als Chefnetzwerker. Er kommentiert offensiv, dass beim DFB "die Steuerfahndung ein und ausgeht wie der Briefträger", ohne seine eigenen Probleme mit der Steuerfahndung anklingen zu lassen. Dass ein verurteilter Straftäter im TV den Moralapostel geben darf, dürfte einzigartig sein. Das geht nur im deutschen Fußballfernsehen.

Hoeneß - ein Harari für Bildungsarme

Aber auch was die Pandemie betrifft, ist Hoeneß bestens im Bilde: Die deutsche Gesundheitsbehörde sei die beste der Welt, sagt er. Und er lobt Merkel und die hiesige Impfstrategie, die kaum ein vernünftiger Mensch für besonders lobenswert halten würde.
Hoeneß gibt den Yuval Noah Harari für "BILD"-Leser und "RTL"-Schauer, den Alleserklärer für diejenigen, denen sonst niemand etwas erklärt.

Lobbyregister für Fernsehfußballkritiker

Wer nun denkt, so redet der Hoeneß halt, der lässt sich von niemandem den Mund verbieten, der ist völlig unabhängig in seiner Meinungsbildung und führt keine geheime Lobbyagenda im Schilde, der sollte das natürlich nicht wirklich glauben. Wenn Ex-Bayern-Promis im Fernsehen als Kritiker auftreten, dann tun sie das immer im Auftrag alter Seilschaften. Oliver Kahn hat noch als designierter Bayern-Vorstand im "ZDF" Fußballspiele kommentiert.
Als Uli Hoeneß jetzt dem zum Ende des Jahres scheidenden Bayern-Vorstand Rummenigge eine Anschlussverwendung beim DFB das Wort redete, sagte Hoeneß wörtlich, "dann hätte der FC Bayern, äh, der deutsche Fußball den besten Vertreter, den er haben kann".

Mann klarer Worte: Uli Hoeneß

Fotocredit: Getty Images

Was man für einen Freud’schen Versprecher halten könnte, ist in Wahrheit die seit Jahren gewünschte Praxis, Bayern-Patriarchen auf allen Sendern den Takt angeben zu lassen. Ein Lobbyregister für Fernsehfußballkritiker ist das Mindeste, was jetzt her muss.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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