Liebe Fußballfreunde,
so ein bisschen Nachtreten hat noch niemandem geschadet.
Hier meine Zensuren für die wichtigsten Wichtigtuer der gerade abgelaufenen Saison 2020/21. Wie jedes Jahr war es die beste Saison aller besten Saisons aller Zeiten.
Premier League
"Verliere einen Freund": Klopp trauert Liverpool-Star nach
24/05/2021 AM 10:00
Für die Geschichtsbücher, mindestens...

Hansi Flick

Zeitenwende in der Bundesliga. Ein Trainer entlässt seinen Klub. Nicht umgekehrt, wie in den letzten 60 Jahren üblich. Und ohne, dass er schon eine Anschlussverwendung gefunden hat (anders als bei Marco Rose).
Nur weil ihm sein großkopfertes Führungspersonal permanent auf die Zehen getreten ist. Warum? Weil man keinen Hansdampf wollte, der Mitsprache einfordert.
Dass im Zuge von Flick auch Identifikationsfiguren wie Hermann Gerland und Miroslav Klose unter öffentlichem Bohai den Verein verlassen (neben Langzeitangestellten wie David Alaba oder Jérôme Boateng), lässt ahnen, wieviel MIA SAN MIA-Porzellan der designierte Vorstandschef Oliver Kahn gerade zerdeppert. Ergo: Flick ist die Persönlichkeit des Jahres, der einzige legitime Bundestrainer in spe.

Bayern-Trainer Flick mit seinen Spielern bei der Übergabe der Meisterschale

Fotocredit: Getty Images

Gerd Müller

Alle reden von Robert Lewandowski und seinem neuen Bundesliga-Torrekord. 41 Tore in 34 Spielen. Wahnsinn! Stimmt schon! Für die Ewigkeit. Aber, berührt uns Lewy? Ist da irgendwas Emotionales, Sehnsüchtiges dabei? Lewandowski ist eine Tormaschine, ein Cyborg des Fußballs, ein perfekt trainierter Athlet, ja sicher! Und?
Und jetzt also Gerd Müller! Dieser halbfitte Schlaumeier des Strafraumes. Seine 40 Tore aus der Saison 1971/72 waren nicht am Reißbrett geplant, sie sind einfach passiert. Müller brauchte keinen Wachbrettbauch, um den Ball mit seinen Instinkten zu hypnotisieren. Das eine ist nicht besser als das andere. Aber dass wir uns heute noch an Gerd erinnern, zeigt: Müller hatte nichts Perfektes, er hatte was Magisches.

Edin Terzic

Ein junger Trainer, dem man von Anfang an zu verstehen gibt, dass man ihm nicht zutraut, das ganze große Schiff zu steuern. Und der genau das kann - und macht.
Rettet den BVB vor der schlimmsten Spielzeit seit Jahren, rettet den Platz in der Champions League, gewinnt für die jahrelange deutsche Nummer Zwei den DFB-Pokal. Der erste Titelgewinn seit 2017 unter Thomas Tuchel. Auch das so ein junger Trainer, dem man es nicht zugetraut hat.
Inzwischen steht dieser im zweiten Champions-League-Finale in Folge und trainiert die internationalen Dickschiffe, zu denen Dortmund nicht gehört. Weil der BVB in Sachen Trainer oft daneben liegt, heißt der Cheftrainer in der kommenden Saison auch Marco Rose - und nicht Edin Terzic. Wieder einmal: Eine verpasste Gelegenheit, Aki Watzke!

Edin Terzic - Borussia Dortmund

Fotocredit: Getty Images

Union Berlin

Kürzlich las ich, die Fußball-Großstädte in Deutschland sind, mit Ausnahme von München, in der Krise. Da ist vordergründig was dran. Der sogenannte Hauptstadtklub Big City Hertha - nur schlechtes Mittelmaß, dem Abstiegsgespenst mit Glück davon geflogen.
Köln in der Relegation, also demnächst womöglich zweite Liga, dort, wo es Hamburg so gut gefällt, dass es gerne länger bleiben möchte. Und Frankfurt verspielt am Ende äußerst peinlich die Champions League. These belegt? Die Ausnahme der Regel ist ein Klub, der sich nach außen hin als Dorfverein, Underdog und Kultbutze verkauft und doch großstädtisch lokalisiert ist. Und jetzt also Platz 7 und europäischer Konferenzfußball, was auch immer das werden wird.
Kein anderer Gegner war für die Spitzenklubs Bayern, Leipzig, Dortmund härter zu bespielen als Union. Wie immer Urs Fischer das gemacht hat: Der einzige Big-City-Klub weit und breit ist ein ehemaliger Ost-Klub. Chapeau!

Die Benders

So ernsthaft haben zwei noch selten Spitzenfußball erarbeitet wie die eineiigen Zwillingsbrüder Lars und Sven aus Rosenheim. Jetzt machen sie Schluss nach 15 Profijahren und zusammengerechnet 865 Bundesligaspielen. Sie sind zwar erst Anfang 30, aber es gehe nicht mehr, haben sie erzählt, der Körper zu oft verletzt, der Wille irgendwann nicht mehr da, sich weiter zu quälen.
Nuri Sahin hat mal über seinen BVB-Mitspieler Sven erzählt, er gehe mit dem Kopf dahin, wo er selbst den Fuß wegziehe. Mehr muss man über "die Benders" nicht wissen. Sie brauchten keine goldene Harley, keinen Undercut vom Starcoiffeur und kein Gesichtstattoo, um aufzufallen, sie waren auf dem Feld ganz sie selbst.
Mehr geht nicht. In ihrer Freizeit haben sie Bücher gelesen, wie ich höre auch "Die Akte Hoeneß". Wenn man sich zwei zurückwünscht in die Führung eines Klubs, dann sehen sie aus wie Lars und Sven.

Sven (l.) und Lars Bender (r.) bei ihrem letzten Profispiel

Fotocredit: Getty Images

Dardaismus

Im Gartenhaus meines Onkels gibt es ein großes Schild mit einem Sinnspruch, der klar macht, wer hier Platz nehmen darf. Darauf steht: "Dohoggeddiadiaimmerdohogged". Aus dem Schwäbischen ins Deutsche übersetzt: Da hocken die, die immer da hocken.
Manchmal kann man den Eindruck bekommen, dass auch die Bundesliga eine Art Stammtisch ist. Es sitzen immer dieselben auf der Bank. Huub Stevens musste schon vier Mal Schalke retten, auch in dieser Saison musst er sich für zwei Spiele oder so vorführen lassen, dann war er wieder weg. Bruno Labbadia wird gerufen, wenn beim HSV die Hütte brennt.
Und weil Bruno aus Versehen die Hertha in Flammen setzte, musste der ewige Pal Dardai Berlin vor dem Abstieg zu retten. Werder-Ikone Thomas Schaaf sollte in einem Spiel retten, was längst verloren war. Schaaf, der unkompostierbare Einwegcoach! Bei soviel einfallslosem Dardaismus muss man sich nicht wundern, wenn Edin Terzic demnächst in der Premier League reüssiert. Da hogged schon recht viele Biodeutsche auf der Bank…
Schöne Sommerpause auch. Erholen Sie sich!

ZUR PERSON THILO KOMMA-PÖLLATH:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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