Liebe Fußballfreunde, Liest und hört man sich durch das Kritikerstakkato der einschlägig-bekannten Bundesligakolumnisten des Wochenendes, dann ist es völlig unverständlich, warum Marco Rose noch Trainer bei Borussia Mönchengladbach ist.
So sehr haben sich die Mechanismen des Marktes also schon in den Köpfen der Bundesliga-Intelligenzija manifestiert, dass Journalisten, Ex-Kicker und Ex-Funktionäre den Daumen heben oder senken und sich an einem Denunziantentum in arbeitsrechtlichen Fragen beteiligen, dass einem beim Zuhören und Lesen unwohl werden kann.
Nun war es immer so, dass die Fußball-Öffentlichkeit Rücktritte gefordert hat und die Klubs haben dann meist nachgezogen, im Fall Rose scheint vielen die Verhältnismäßigkeit abhanden gekommen zu sein. In Zeiten wie diesen öffentlich darauf zu bestehen, egal wie gut finanziell jemand gebettet ist, ihm zu kündigen, scheint mir dann doch daneben.
Bundesliga
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Da sitzt also Gladbachs Manager Max Eberl im "ZDF-Sportstudio" und muss sich wiederholt dafür verteidigen, warum Rose noch Trainer ist und nach dem Gespräch weiß man nicht recht, was schwerer wiegt, dass Marco Rose zum BVB wechselt oder die sechs Niederlagen seitdem.
Wenige Woche zuvor saß Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge im gleichen Studio und musste sich ähnlich kritischen Fragen stellen zu seinem Verhältnis zum Menschenschinderstaat und WM-Ausrichter Katar. Bei dem Thema wäre die öffentlich-rechtliche Bissigkeit völlig richtig gewesen, wenn nur nicht immer diese Doppelmoral ins Spiel käme: Wer hat denn viel Geld für die Übertragungsrechte der Fußball-WM 2022 bezahlt und wird sie in aller Ausführlichkeit zeigen?
Am Tag nach dem Sportstudio kann man bei den Kollegen von "sport.de" lesen, dass Gladbach an "sofortiger Rose-Entlassung" bastelt. Auf die Idee wäre ich nach dem ZDF-Eberl nie gekommen. Naiv aber auch!

Katastrophe für Gladbach

Vielleicht sortieren wir einmal die Fakten. Marco Rose hat Mitte Februar bekanntgegeben, dass er, der Trainer, das Angebot von Borussia Dortmund annehmen und nach der Saison dorthin wechseln werde. Für Rose der perfekte Zeitpunkt, Gladbach hatte zuvor in der Liga Bayern und Dortmund besiegt und den eigenen Wunsch, eine Spitzenmannschaft zu sein, untermauert.
Rose selbst hatte noch einmal frisch unter Beweis gestellt, was er kann. Für Gladbach war die Ankündigung eine Katastrophe, da Roses Gerede von "Wir wollen hier was Großes aufbauen" offensichtlich nur hohles Gerede war. Wie viel zu oft im modernen Profikommerzfußball wird ein Familienidyll beschworen, dass es längst eben auch in Gladbach gar nicht mehr gibt.
Das Narrativ des Trainers ("Wir wollen hier was Großes aufbauen") war also lediglich für die Öffentlichkeit bestimmt denn nach innen gerichtet, dort weiß ja jeder Spieler oder Manager, dass man auch ganz schnell wieder weg ist, wenn einmal Bayern anklopft oder einer, der mir das Doppelte bezahlt. Die Gesetze des Marktes eben.

Marco Rose - Borussia Mönchengladbach

Fotocredit: Getty Images

Primat der Mutmaßung

Nach Roses Ankündigung hat Gladbach sechs Spiele verloren, wenn man ManCity in der Champions League mitzählt. Und nimmt man die Woche davor noch dazu, dann sind es gar sieben Niederlagen und ein Unentschieden. Seitdem reden sich die Experten die Köpfe heiß, wie das eine (der Wechsel zum BVB) mit den anderen zusammenhängt (die sieben Niederlage), in der IT spricht man von Korrelation, vielleicht sollten Eberl und Experten mal bei Google nachfragen, die sind im Verbinden von Informationen und im Herstellen von Korrelationen angeblich die Weltbesten.
Solange das nicht passiert ist, gilt das Primat der Mutmaßung, was den Experten für ihre öffentliche Eindeutigkeit in Sachen Rose offensichtlich reicht. Eberl sagt im Fernsehstudio, dass er keinen Zusammenhang sehe, Trainer und Mannschaft auch weiterhin gut zusammenarbeiten würden. Was soll er auch sonst sagen.

Der Vertragsbruch bringt das Geld

Wundern kann man sich darüber aber schon. Dass einem Trainer der Job genommen werden soll, weil er zu einem anderen Klub wechselt, klingt in der Tat subversiv. Das mag einer romantischen Idee vom Dorfklubfußball entspringen, der meine absolute Sympathie besitzt, Realsatire ist es dennoch. Wenn im Profifußball alle ihre Verträge einhalten würden, es also keine Ablösesummen mehr gäbe, dann wäre der Profifußball schnell am Ende.
Insbesondere solche Ausbildungsklubs wie Dortmund oder Gladbach, große Namen für junge Talente, aber nicht groß genug, um mit Real, Liverpool oder Juve mithalten zu können, wenn die ein von Gladbach großgezogenes Talent für viel Geld einkaufen.
Wenn also ein Klub davon profitiert, dass Verträge nicht eingehalten werden, dann sind es gerade Klubs wie Gladbach. Ganz abgesehen davon: Würde man in Zukunft jeden entlassen, der seinen Vertrag nicht einhält, dann gäbe es mehr arbeitslose Fußballer als solche auf dem Feld. Max Eberl ist zu lange dabei, um diesen Heucheleien nicht auf den Leim zu gehen und doch weiß kein Mensch was passiert, wenn Gladbach am kommenden Wochenende gegen Schalke verliert…

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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