Neuer nimmt sich eine Auszeit - drei Dinge, die bei VfB Stuttgart gegen den FC Bayern auffielen
Der FC Bayern München wankt auch beim VfB Stuttgart, fällt aber nicht. Beim 3:1 patzt der zuletzt so formstarke Manuel Neuer, was dank der Offensivstärke des Triplesiegers aber keine Auswirkung auf den Spielausgang hat. Dennoch bleibt festzuhalten: Die Bayern sind keine Übermannschaft mehr. Der VfB spielt derweil frisch auf, wird sich am Ende aber selbst zum Verhängnis. Was uns auffiel.
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Thomas Müller brachte es mit einem englischen Sprichwort auf den Punkt.
In der Premier League hat sich ein Satz in den letzten Jahren als absolutes Topteam-Kriterium herausgestellt. Er geht so: "But can they do it on a windy night in Stoke?" Sprich: Ein Topteam ist nur ein Topteam, wenn es nicht nur die direkten Konkurrenten schlägt, sondern auch an einem windigen Abend in Stoke gewinnt.
Oder wenn man, auf den FC Bayern München umgemünzt, auch beim Aufsteiger VfB Stuttgart siegt. Deswegen brachte Müller am Samstagabend das Stoke-Zitat. "Es ist zwar nicht windig und nicht Stoke, aber Stuttgart hat zuletzt auch richtig gut gespielt."
Der VfB machte den Triple-Siegern deshalb auch am Samstag Probleme. Am Ende nahmen aber einmal mehr die Münchner die Punkte mit auf die A8.
Was uns beim Südgipfel auffiel.
1. The Wall nimmt sich eine Auszeit
Nimmt man mal dieses eine Länderspiel in Sevilla neulich aus, agierte Manuel Neuer die letzten Wochen auf beachtlich hohem Niveau und schützte Bayern fast schon reihenweise vor Gegentoren und damit verpassten Punkten.
In Stuttgart jedoch lieferte der 34-Jährige im ersten Durchgang eine sehr irdische Leistung ab. Beim 0:1 durch Tanguy Coulibaly stürzte der Schlussmann weit aus seinem Kasten, kam aber nicht an die scharfe Vorlage von Silas Wamangituka heran - Coulibaly musste nur ins leere Tor abtropfen lassen.
Nach einem parierten Schuss von Philipp Förster (36.) und dem Ausgleich von Kingsley Coman (38.) hätte Neuer nach einem Rückpass von Jérôme Boateng beinahe das 1:2 verschuldet, als er den Ball etwas ungelenk und kurzzeitig damit überfordert, ihn nicht mit der Hand zu spielen, an Philipp Förster verlor.
Schiedsrichter Harm Osmers gab den Treffer zunächst auch, doch Video-Assistent Sven Jablonski schaltete sich ein und merkte an, dass Coulibaly Neuer vor dessen ungelenker Aktion am Arm festgehalten hatte. Eine vertretbare Entscheidung - wenngleich die Stuttgarter dies anders sahen.
"Coulibaly erwischt ihn, aber ob man das geben muss, ist schon fragwürdig", meinte Förster bei "Sky". Trainer Pellegrino Matarazzo sagte: "Man kann Foul geben, muss aber nicht."
Im Videobild könne "man den Krafteinsatz von Tanguy gar nicht einschätzen", Neuer sei außerdem schon "am Fallen". Fazit Matarazzo: "Für mich ist das keine hundertprozentige Fehlentscheidung, die man hätte zurücknehmen müssen."
So aber blieb's beim zwischenzeitlichen 1:1, ehe Bayern auf die Siegerstraße abbog. In der Schlussphase war dann auch Neuer wieder hellwach, parierte stark gegen Waldemar Anton (85.) und Sasa Kalajdzic (86.).
2. VfB wird sich selbst zum Verhängnis
Schon vor der Partie hatte Trainer Matarazzo angekündigt, dass sich der VfB gegen die Bayern sicher nicht hinten reinstellen würde.
"Wir wissen, wie Bayern agiert, welche taktische Grundordnung sie wählen, welche Ausrichtung sie haben. Wichtig ist trotzdem, dass wir unserem Spiel treu bleiben, unserer Idee treu bleiben. Es macht wenig Sinn, wenn wir gegen unsere DNA gehen", sagte der Amerikaner.
Entsprechend forsch spielte der VfB auch: Mit Coulibaly im 3-4-3 als Spitze zwar nicht zu offensiv aufgestellt, aber immer nach vorne orientiert und vor allem bedacht, Bayerns Pressing durch Überzahl im Mittelfeld zu neutralisieren.
Mustergültig stand dafür der Angriff vor dem 1:0: Förster setzte sich auf der rechten Seite gleich gegen zwei Bayern durch, zog einen Sprint an und bediente den agilen Wamangituka. Der wiederum spielte den Ball sofort scharf in den Strafraum - Bayerns Defensive war ausgehebelt.
Auf die gesamte Spielzeit gesehen, erarbeitete sich der VfB so sogar ein kleines Chancenplus (bei 15:14 Torschüssen). Mit der risikobehafteten Spielweise ergaben sich aber auch Räume für die Bayern - wie beim 1:1, als Wataru Endo zu weit auf Thomas Müller rausrückte.
Über die Stationen Müller, Boateng, Gnabry und wieder Müller kam Coman frei zum Schuss (38.). Nur Minuten später ließ der VfB Coman dann erneut sehr viel Raum - seinen Querpass nach Sololauf verwertete Lewandowski zur Gästeführung (45.+1). Das 3:1 von Joker Douglas Costa fing sich der VfB dann in der Schlussoffensive nach einem handelsüblichen Konter.
"Bayerns große Stärke ist, dass sie vor dem Tor extrem effizient sind. Da müssen wir noch zulegen", meinte Matarazzo. Es bleibe jedoch "hängen, dass wir mithalten können. Mit dieser Intensität und Geschlossenheit werden wir auch weiter punkten."
3. Bayern ist keine Übermannschaft mehr
Knappe Sommerpause, alle drei Tage ein Spiel, einige Verletzungen: Bayerns Probleme im November 2020 sind absolut erklärbar und von den Verantwortlichen auch eingepreist. Dennoch bleibt festzuhalten: Der Triple-Sieger ist aktuell keine Übermannschaft mehr.
Das liegt vor allem daran, dass es Bayern im Herbst 2020 nicht vermag, in Sachen Pressing und Gegenpressing so effektiv und brutal wie im Frühjahr zu arbeiten - ein Problem, dass Leon Goretzka und Trainer Hans-Dieter Flick übrigens schon zu Saisonstart adressiert hatten. Die Bayern kamen aber zum Konsens, dass das nun mal die Spielweise sei, die am meisten Erfolg verspräche - und behielten die Ausrichtung bei.
Die negative Konsequenz: 20 Gegentore in 16 Pflichtspielen. "Es ist nicht so toll, aber wir müssen damit leben, dass wir aktuell eine Phase haben, in der wir in jedem Spiel auf jeden Fall ein Gegentor bekommen. Dann müssen wir halt zwei machen. Mindestens", sagte Müller in Stuttgart:
"Trotzdem wurmt's uns. Wir würden es gerne so machen wie im Sommer, wo wir wenige Gegentore und wenige Torchancen zugelassen haben, aber das geht momentan nicht."
Warum, fasste Goretzka so zusammen: "Wir machen aktuell einfach zu viele Fehler und laden den Gegner oftmals zu Chancen ein. Das ist ein Punkt, an dem wir arbeiten müssen."
Der Mittelfeldspieler merkte zudem an, dass "mental als auch körperlich" viel Kraft koste, einem Rückstand hinterherzulaufen: "Umso höher ist dieser Sieg einzuordnen."
De facto lebt Bayern aktuell neben Neuers Paraden vor allem von seiner individuellen Klasse in der Offensive - in Stuttgart vor allem von Coman und Lewandowski zur Schau gestellt. Ein Konzept, dass eine Mannschaft aber nicht unbedingt über eine ganze Saison tragen kann.
Nach dem sportlich unbedeutenden Champions-League-Spiel bei Atlético Madrid am Dienstag (21:00 Uhr im Liveticker) kommt am kommenden Wochenende RB Leipzig nach München - eine wichtige Standortbestimmung.
Dass sich Corentin Tolisso erneut am Oberschenkel verletzte und auch Javi Martínez zum Spielende hin humpelte, macht die Bayern-Sorgen dabei nicht unbedingt kleiner. Mit Joshua Kimmich fehlt den Münchnern ohnehin der wichtigste Mittelfeldspieler bis Jahresende.
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Quelle: Perform
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