Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Liebe Fußballfreunde,

Bundesliga
Bayern-Debakel: War's wirklich nur die Müdigkeit?
28/09/2020 AM 06:13

ich soll heute über Schalke schreiben, das hat mein Chef von mir verlangt. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, aber wer geht schon gerne in die Pathologie des Profifußballs. Wer sich mit den Problemen des FC Schalke 04 beschäftigt, der betreibt in jedem Fall Leichenfledderei, das geht gar nicht anders.

Es sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten einfach zu viele Fehler aufgetürmt worden, jeder für sich tödlich in einem Profisportklub, der irgendeine Ambition hat. Am gestrigen Sonntag, Trainer David Wagner war noch keine zwei Stunden entlassen, sagte der Schalke-Experte von "Bild" im Fernsehen, dass ein Impfstoff für all die Probleme, die Schalke habe, nicht in Sicht sei. Das ist ein plakatives, verstehbares Bild: Ein durchseuchter Klub, der jetzt froh sein muss, dass er an der Beatmungsmaschinerie des Systems überlebt.

Wer tut sich Schalke noch an?

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Zu gerne würde man heute Mäuschen spielen bei der ordentlichen Sitzung des Aufsichtsrates, der die Totalkrise dieses Nullklubs beaufsichtig, kontrolliert und abgesegnet hat. In dem Gremium sitzen ältere weiße Männer, die, bis auf Huub Stevens, jenseits von Gelsenkirchen-Buer keiner kennt. Eine hochkompetente Truppe. Dass es eine ordentliche Sitzung wird, davon muss man nicht ausgehen an einem Tag wie heute, in einem Klub wie Schalke, in dem nichts mehr in Ordnung ist. Sportdirektor Jochen Schneider wird den Herrschaften erklären müssen, warum kaum noch ein Trainer mit Rang und Namen S04 jetzt übernehmen will. Das gab es eigentlich noch nie.

Der neue Trainer wird auf Schalke keine Millionen verdienen, er wird teure Spieler verkaufen und der Jugend eine Chance geben und Erfolg haben müssen. Nur wer tut sich das an? Ach ja, der unvermeidliche Ralf Rangnick vielleicht, der sich in einem TV-Interview, Minuten nach Wagners Entlassung, gleich mal selbst ins Spiel gebracht hat. Rangnick, der von sich behauptet, dass er den deutschen Fußball quasi im Alleingang modernisiert hat, war zeitweise auch der Influencer von David Wagner. Wohin das geführt hat, ist bekannt.

Hier noch mal kurz zusammengefasst für alle, die es nicht glauben wollen: Schalke ist Tabellenletzter mit null Punkten und 1:11 Toren, hat seit 18 Spielen nicht mehr gewonnen. Der letzte Sieg ist datiert auf den 17. Januar 2020. S04 gehört zu den am höchsten verschuldeten Fußballklubs in Europa, derzeitiger Schuldenstand: ca. 220 Millionen Euro. Das Land Nordrhein-Westfalen will offenbar eine Millionenbürgschaft gewähren und den Verein notfalls mit Steuergeldern retten. Im Jahresrückblick, soviel steht heute schon fest, wird Schalke in der Rubrik "Skandale des Jahres" wahrscheinlich gleich hinter Wirecard gelistet.

Schalkes Klubintegrität ein Totalschaden

Dass man bereits an einem zweiten Bundesliga-Spieltag einen Totalschaden erleiden kann, ist ungewöhnlich, für Schalke nicht untypisch. Es liegt am System, an der Kultur des Klubs, die in den letzten Jahren maßgeblich sein Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender, Schweinebaron Clemens Tönnies geprägt hat. Viele werden jetzt anmerken, von welcher Kultur spricht der Typ - eben, das meine ich. Es ist das Fehlen jeglicher Klubintegrität, die den Namen auch verdienen würde.

Clemens Tönnies

Fotocredit: Getty Images

Jenseits des rein sportlichen Erfolgs/Misserfolgs blamierte sich kein anderer Bundesligaverein an den ersten beiden Spieltagen so wie Schalke. Als Tönnies, eben erst dank des öffentlichen Drucks von allen Ämtern zurückgetreten, beim Spiel in München plötzlich im Stadion auftauchte und sich ohne Abstand und Mundschutz mitten in die Schalker Delegation setzte, kochte die Fanseele im Netz. Die gesamte Delegation verzichtete auf die für alle geltenden Corona-Maßnahmen, aber nur Tönnies hatte den Corona-Ausbruch in seiner Schlachtfabrik in Rheda-Wiedenbrück zu verantworten.

Schalkes Selbstwahrnehmung stimmt nicht

Und jetzt am Wochenende: Mark Uth steht beim Bremer 0:1 auf der eigenen Torlinie und reklamiert Abseits, was spielphysikalisch gar nicht geht und auch nicht intellektuell – bei Schalke geht das. Da geht auch, dass ein Jungspund wie Ozan Kabak seinen Gegenspieler anspuckt und sein Trainer David Wagner bei der anschließenden Pressekonferenz nicht mehr dazu einfällt als, dass das "wahnsinnig unglücklich" aussehe, er sich aber zu 100% sicher sei, dass es keine Absicht gewesen sei. Dabei konnte jeder an den Bildern sehen: es war Absicht.

Aber warum sollte sich ein 20-Jähriger um seinen Aerosol-Haushalt kümmern, wenn es die Schalker Geschäftsführung auf der Tribüne auch nicht tut? Es ist die Selbstwahrnehmung, die schon lange nicht mehr stimmt bei diesem Klub.

Schalke-Coach Wagner verteidigt Kabaks Spucken: “Keine Absicht”

Schalke hat Vorbildfunktion verloren

Der Revierklub ist nicht in erster Linie sportlich gescheitert, es gibt immer ein nächstes Spiel, eine neue Saison, in der man es besser machen kann. Aber ich bin ehrlich: Ich würde dem Klub die zweite Liga zur Selbstfindung gönnen. Als Vorbild, als Institution, die tief in der Gesellschaft des Reviers verankert ist, hat dieses Schalke 04 seine Berechtigung verloren. Der offizielle Claim des Klubs heißt: "Wir leben dich". Besser nicht!

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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