Legenden vortreten. Und auch gleich wieder zurücktreten. Der HSV, bald schon ewiger Zweitligist, hat noch mal Horst Hrubesch bemüht, als die Not am größten war. Vergeblich.
Der norddeutsche Konkurrent Werder Bremen, der noch in der ersten Liga ist, toppt die Hamburger und verpflichtet für ein Spiel die Vereinsikone Thomas Schaaf.
Schalke 04 hatte zwischenzeitlich Huub Stevens, den Schalker Jahrhunderttrainer, um Rat gefragt. Und in Köln soll Rentner Friedhelm Funkel natürlich auch das Schlimmste verhindern.
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Das alles sind Entscheidungen, die purer Verzweiflung entspringen. Dass es zumeist ältere Semester sind, die reaktiviert werden, hat damit zu tun, dass man auf ihre Erfahrung setzt. Vor allem in der Wortwahl. Motivieren sollen sie, den Jungs Beine machen, ihnen den Ernst der Lage aufzeigen.

Psychologen würden im Abstiegskampf helfen

Anderseits dürfte sich in erster Linie die Tonart gegenüber den Vorgängern verändern, nicht so sehr der Inhalt. Denn in kurzer Zeit auch noch personelle Umstellungen vorzunehmen oder taktische Konzepte komplett ändern, ist nicht möglich.
Wozu also wieder einen Fußballtrainer holen, wo viele gut ausgebildete Psychologen helfen könnten? Aber da stößt man auf eine Mauer des Unverständnisses. Ein Psychologe könnte die Autorität des Trainers untergraben, weil er in die Tiefen der Spieler vordringen kann. Im Sprachgebrauch zwischen Einsatzbereitschaft und Kampfgeist gibt es noch sehr viele Nuancen, die tatsächlich wohl eher ein geschulter Psychologe entdeckt.
Als die deutsche Nationalmannschaft in Brasilien 2014 Weltmeister wurde, stand mit Hans-Dieter Hermann ein Sportpsychologe den Trainern zu Seite. Unaufgeregt, zurückhaltend und effektiv.
Deutschland wurde Weltmeister. Nicht seinetwegen, sondern weil das Gesamtpaket der Betreuung durch ihn komplett war. Noch immer herrscht leider die Meinung vor, dass man einen Psychologen nur dann benötigt, wenn die Schrauben schon locker sitzen.
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Trainerart wirkt sich auf die Leistung der Spieler aus

Nur langsam, sehr langsam, ändert sich diese Meinung. Einige Individualsportler (z.B. Leichtathletik, Biathlon) sind da schon einen Schritt weiter und lassen sich beraten, unabhängig von ihren sportlichen Trainingsplänen.
Im Fußball hingegen vertraut man weiterhin den bekannten Gewohnheiten. Der Trainer ist gut, wenn er am Spielfeldrand wie ein Duracell-Männchen hin und her läuft. Wenn er Kommandos ins Spielfeld brüllt. Dann, ja dann ist Bewegung im Team.
Wenn ein Coach wie etwa der ehemalige Dortmunder Lucien Favre eher die ruhige Art bevorzugt und still das Match verfolgt, dann reagiert seine Mannschaft entsprechend: Still und ruhig.
Favres Nachfolger Edin Terzic hat, so jubelte die Dortmunder Führung nach dem Pokalsieg und dem Erreichen der Champions-League-Qualifikation, der Truppe wieder Leben eingehaucht. Die Aussage ist indes auch ein Armutszeugnis für die Spieler.

BVB-Trainer Edin Terzic

Fotocredit: Getty Images

FC Bayern München als Kontrast

Ähnliches hörte man auch aus Augsburg. Der ehemalige und kürzlich wieder neue Trainer Markus Weinzierl sei sehr engagiert und ja, er hüpft im Gegensatz zu seinen ersten Jahren in Augsburg jetzt ordentlich herum in der Coachingzone.
Die Spieler nehmen das an und auf. Sie laufen und hüpfen auch und bleiben deshalb in der Bundesliga. Schlimm genug, dass dieser Aktionismus am Spielfeldrand notwendig zu sein scheint. Dass die Akteure ohne eindringliche Ermahnung verbunden mit drastischer Wortwahl nicht an ihre Leistungsgrenzen gehen können.
Es ist mitunter der Reiz des Neuen, der tatsächlich neue Reize setzt. Trainer können lange bei ihren Vereinen bleiben, wenn sie oft neue Spieler bekommen. Ansonsten stellt sich bald ermüdende Gewohnheit ein. Worte verhallen in der Kabine, finden ihre Adressaten nicht mehr.
Auch deshalb holen die abstiegsgefährdeten Klubs jetzt schnell noch neue Gesichter. Wie es anderes funktioniert, zeigen die Akteure des Serienmeisters FC Bayern München. Würde man Thomas Müller, Joshua Kimmich, Manuel Neuer oder Robert Lewandowski sagen, sie dürfen heute nicht spielen, würden die das als persönliche Beleidigung sehen. Das ist das Bayern-Gen.
Da will jeder immer dabei sein, alles gewinnen und vor allem immer spielen, bis der Akku leer ist. Für jeden Trainer sind solche Jungs ein Traum, weshalb in München der Hampelmann am Spielfeldrand nicht notwendig ist. Da würde auch eine Stoffpuppe genügen.

ZUR PERSON SIGI HEINRICH:

Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.
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