Liebe FußballfreundInnen, ich will das gleich zu Beginn sagen, auch weil es danach sehr schnell wieder sehr kritisch wird: Während des Spiels hat mich der BVB ziemlich begeistert!
Endlich war zu spüren, was dem ewigen Zweiten so oft auch an dieser Stelle abgesprochen wurde: Der Wille zum Kampf, die Härte gegen sich und den Gegner, die Überzeugung, die übermächtigen Bayern bezwingen zu können. Und das, was Julian Brandt vor und zum 1:0 veranstaltet hat, das war, ja wie soll man das sagen, mit Weltklasse wohl noch unzureichend umschrieben.
Mit Abpfiff begann dann die schwächste Phase der Dortmunder und je länger dieser Klassiker Geschichte ist, desto seltsamer hört sich das an, was der BVB als alleinige Ursache der Niederlage ausgemacht haben will: Der Schiedsrichter, in Person von Felix Zwayer.
Bundesliga
Watzke und Zorc zürnen: Zwayer sollte keine BVB-Spiele mehr leiten
05/12/2021 AM 13:37

Der BVB und seine Opfermythen

Alles, was sich Dortmund in den effektiven 100 Minuten an Respekt auf dem Spielfeld erarbeitet hat, zerbröselt seitdem Stunde für Stunde vor den Mikrofonen und Kameras in Halbwahrheiten, Umdeutungen, Übertreibungen und Verschwörungsmythen. Es sind die Mythen eines Klubs, der sich mit Abpfiff wieder in der Opferrolle eingenistet hat. Dort, wo der BVB während des Spiels nie war, da will er jetzt wieder sein.
Aus Gewohnheit, aus Bequemlichkeit, offenbar Klubräson. Klar ist es einfacher für die eigene Selbstwahrnehmung, wenn der doofe, korrupte Schiri die Schuld trägt für die siebte Niederlage gegen Bayern in Folge - und nicht man selbst. Es passt den Dortmundern augenscheinlich zu gut in die eigene Agenda, andere für ihr Unglück verantwortlich zu machen, um den sensiblen Aufwärtstrend in der Liga nicht zu gefährden. Wenn es nur so einfach wäre, dann wäre ich auch längst Pulitzerpreisträger.

Jude Bellingham (Borussia Dortmund), Schiedsrichter Felix Zwayer und Marco Reus (Borussia Dortmund; von links)

Fotocredit: Getty Images

Was ist mit eigenen Fehlern, BVB?

Die Wahrheit, Sie ahnen es, ist komplizierter. Dortmund hat nicht wegen Felix Zwayer verloren, sondern weil man zu viele eigene Fehler gemacht hat. Alle drei Bayerntore sind durch BVB-Fehler entstanden.
Und selbst wenn man die spielentscheidende Aktion von Mats Hummels für nicht elfmeterwürdig halten will, mit dem Ellenbogen voraus im eigenen Strafraum gegen den Ball zu taumeln, ist es schon immer ein Fehler für einen Abwehrspieler gewesen, einfach weil das Risiko einer solchen Aktion gar nicht überschaubar ist.

Dortmunds Vorwürfe realitätsfern

Dortmund war auf Augenhöhe mit den Bayern, aber die Schwarz-Gelben waren nicht besser, was man dann schon sein sollte, wenn man derart großkalibrige Geschütze auffährt wie der BVB seit dem Abpfiff. Der lakonische Frust von Trainer Marco Rose, dass man seinem Klub auch in Zukunft "gerne noch ein paar Steine in den Weg legen" könne, und er meinte dabei eine erneute Ansetzung mit Schiedsrichter Zwayer, war da noch verzeihlich.
Gänzlich absurd wurde es mit den Äußerungen der Jungstars Erling Haaland und Jude Bellingham. Haaland sprach von einem "Skandal", Bellingham von bewusster Manipulation. Beides geht an der Realität vorbei.

Bellingham, Hoyzer und der DFB

Besonders Bellinghams Verweis auf den Manipulationsskandal um Robert Hoyzer von 2004/2005 (O-Ton: "Man gibt das größte Spiel in Deutschland einem Schiedsrichter, der schon mal Spiele manipuliert hat. Was will man erwarten?") geht weit über den Frust eines 19-Jährigen hinaus, der ein Fußballspiel unglücklich verloren hat. Im Gegensatz zum Spiel am Samstag war Hoyzer tatsächlich ein "Skandal".
Allerdings ist die Sache komplizierter. Aus dem DFB-Urteil von damals ging hervor, dass Zwayer Geld angenommen hat, aber auch, dass er maßgeblich zur Aufdeckung Hoyzers beigetragen hat. Die genauen Umstände seiner Verwicklung wurden nie restlos aufgeklärt, der Deutsche Fußball-Bund mauerte und trickste, das Urteil wurde erst Jahre später öffentlich. Dass dieser deutsche Klassiker im Ruch des Großbetrugs endet, hat sich der DFB zuzuschreiben.

Jude Bellingham

Fotocredit: Getty Images

Alternative Dortmunder Fakten

Zwayer ist seitdem kein unbefleckter Unparteiischer mehr und die Frage, warum ausgerechnet einer mit seiner Vita die großen Spiele pfeifen darf, ist berechtigt, nur muss man sie dem DFB stellen. Seit Jahren pfeift Zwayer Erstligaspiele unter strenger Beobachtung der Öffentlichkeit. Wenn Bellingham Zwayer jetzt unterstellt, er habe den BVB ganz bewusst verschaukelt, dann ist das Unsinn und durch das Spiel nicht belegt.
Dumm ist es gar, wenn Dortmunds Boss Aki Watzke erklärt, Jude habe niemanden beleidigt und nur "ein Faktum geschildert". Nur, welches Faktum? Dass der Hoyzer-Betrüger Zwayer jetzt auch den BVB betrogen habe? Würde Watzke das genauso aussprechen, hätte auch er eine Verleumdungsklage am Hals.

Es hat keine Verschwörung gegeben

Faktum ist, dass Haaland vor dem mutmaßlichen Reus-Foul im Bayern-Strafraum im Abseits stand und der hysterisch geforderte BVB-Elfmeter nie gegeben worden wäre. Und plötzlich fehlt dem BVB das wichtigste Argument für die große Ungleichbehandlung durch einen vermeintlich betrügerischen Schiedsrichter.
Was also bleibt übrig von der großen Zwayer-Verschwörung? Wohl nur eines: Der BVB ist einfach noch nicht so weit.
Zur Person Thilo Komma-Pöllath:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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