Als Jesse Marsch kurz vor dem Saisonstart von einem "Sky"-Reporter gefragt wurde, was RB Leipzig noch fehle, um deutscher Meister zu werden, hatte der neue Bullen-Trainer eine scheinbar simple Antwort parat: "Glück."
Nach zwei Vize-Meistertiteln und zwei dritten Plätzen in der Endabrechung seit dem Aufstieg 2016 sollte diesmal der große Wurf gelingen und Marsch war davon überzeugt, dass er alle dafür nötigen Zutaten beisammen habe. "Das ist in der Breite der beste Kader, den RB in der Bundesliga bislang hatte. Das muss ein Vorteil für uns sein“, sagte er.
Nach fünf Spieltagen in der Liga und dem Champions-League-Aufgalopp bei Manchester City ist in Leipzig allerdings jegliche Form von Euphorie erstmal verflogen. Platz zwölf in der Bundesliga, erst ein Saisonsieg, zehn Gegentore binnen vier Tagen gegen den FC Bayern und ManCity und zuletzt ein vogelwildes 1:1 gegen 1. FC Köln. Für ein Spitzenteam, das den Anspruch hat, den nächsten Schritt Richtung Titel zu gehen, eine desolate Ausbeute.
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Marsch hat es (noch) nicht geschafft, den eher ballorientierten Nagelsmann-Fußball mit neuen Elementen zu verknüpfen und die Mannschaft so auf ein höheres Level zu hieven. Leipzig ist nicht in der Lage, wie andere Topteams gekonnt zwischen Gegenpressing und kontrollierten Ballbesitzphasen zu variieren.

RB Leipzig vernachlässigt Balance zwischen Angriff und Abwehr

Marsch bevorzugt den Klopp'schen Heavy-Metal-Fußball und lässt seine Spieler wie Hyänen auf die Gegner los. Das ist prinzipiell nicht der falsche Ansatz, wenn man sein Mittelfeld mit so herausragenden Fußballer wie Dani Olmo, Christopher Nkunku oder Dominik Szoboszlai vollmachen kann.
Doch RB findet keinerlei Maß zwischen Offensivspektakel und defensiver Absicherung. Die Balance wird arg vernachlässigt, dabei müsste Marschs System mit zwei Sechsern vor einer Viererkette in dieser Hinsicht Abhilfe schaffen.
"Wenn du in zwei Spielen gegen Bayern und Manchester zehn Stück bekommst, musst du vielleicht erstmal die defensive Stabilität in den Vordergrund stellen", sagte Stefan Effenberg im "Sport1-Doppelpass“.

Jesse Marsch muss an vielen Fronten alleine kämpfen

Gegen Köln war das Gegenteil der Fall. Leipzig spielte Harakiri-Fußball und wirkte dabei wie ein Kirmes-Boxer, der gegen einen auf dem Papier klar unterlegenen Gegner wild drauf losprügelt, dabei aber die Deckung sträflich vernachlässigt und immer wieder schwere Treffer einstecken muss.
Nach erfolgreichen Jahren, die sogar ein Champions-League-Halbfinale 2020 beinhalten, müsste RB als mittlerweile etablierter Spitzenklub in Deutschland deutlich mehr Reife und Klarheit in den Aktionen zeigen. Davon war zuletzt jedoch sehr wenig zu sehen. Leipzig entwickelt sich in die falsche Richtung und verkommt - zumindest für den Moment - vom Bayern-Jäger zum Kanonenfutter.
Marsch wird zwar nicht müde zu betonen, dass er durchaus Fortschritte erkennt. Auch das Köln-Spiel sei "ein Schritt in die richtige Richtung“ gewesen. Doch auch der Coach hat erkannt, dass nur eines hilft: Erfolgserlebnisse. "Die Ergebnisse bringen Stress für die Jungs."Wenn Dinge nicht so klappen, hat das Auswirkungen auf die Spieler und ihr Selbstvertrauen“, sagte er. "Uns bleibt nichts anderes übrig, als weiter zu arbeiten und gegen Berlin zu gewinnen."
Stürmer Emil Forsberg plädierte dafür, den "Druck nicht so an uns heranzulassen. Wir haben so viele geile Kicker. Wir müssen einfach die Schultern runterlassen und Spaß haben."
Spielstil anpassen, weiterhin Freude vermitteln und die Mannschaft stark reden - Marsch hat in nächster Zeit alle Hände voll zu tun. Der Coach muss damit alleine fertigwerden und wirkt ohne sportlichen Leiter an seiner Seite zunehmend überfordert. Der Posten des sportlichen Leiters ist bei RB nach dem Abgang von Markus Krösche zu Eintracht Frankfurt weiterhin vakant.

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Oliver Mintzlaff erhöht spürbar den Druck

Seitens der Klubführung steigt der Druck auf Marsch zusätzlich. "Wir lassen uns von den doch sehr schwachen Ergebnissen nicht beunruhigen. Aber wir müssen jetzt endlich anfangen, Fahrt aufzunehmen“, sagte Geschäftsführer Oliver Mintzlaff bei "DAZN".
Das klingt nicht gerade nach einem Übermaß an Geduld. Die wurde in den letzten Jahren auch nicht getestet, es ging ja eigentlich immer nur bergauf. Hauptverantwortlich dafür war Julian Nagelsmann, der mit RB zwar keinen Titel gewinnen konnte, den Verein aber in der Bundesligaspitze etabliert und auch international für Furore gesorgt hat. RB Leipzig lag Nagelsmann zu Füßen und der Coach hat daraus das Maximum herausgeholt.
Während Marsch in Leipzig an vielen Fronten kämpfen muss, fegt sein Vorgänger mit dem FC Bayern nach einer holprigen Vorbereitung mittlerweile wieder durch die Liga und hat dem großen FC Barcelona in dessen Stadion mal eben nebenbei eine Tracht Prügel verpasst.
Auch wenn es im München niemand hören will, aber mit Nagelsmann, Abwehrchef Dayot Upamecano und Kapitän Marcel Sabitzer hat der FC Bayern dem aufmüpfigen Konkurrenten aus Leipzig die wichtigsten Körperteile herausgerissen. Die "feindliche Übernahme" aus München zeigt Wirkung in Leipzig, RB findet sich unfreiwillig wieder am Anfang seines vielversprechenden Weges Richtung deutsche Meisterschaft wieder.
Mintzlaff wurde in den letzten Wochen nicht müde zu betonen, dass er den nach München abgewanderten Leistungsträgern zu keinem Zeitpunkt eine Träne nachgeweint hat. Doch die Abgänge konnten nicht kompensiert werden und die Probleme, die damit einhergehen, wurden in Leipzig offensichtlich etwas unterschätzt. Marschs Einschätzung vom "besten Kader" passt jedenfalls so gar nicht zu den bislang gezeigten Leistungen.
Vom angestrebten Titel ist Leipzig meilenweit entfernt und es benötigt für den Turnaround, deutlich mehr als nur "Glück".
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