Liebe Fußballfreunde,
fünf Spieltage also hat es gedauert, bis alles wieder so ist wie es immer schon war: Die Bayern stehen an der Tabellenspitze, dort also, wo sie immer schon stehen. 7:0, 20 Tore, vier im Schnitt. Aber weniger die Tatsache, dass es so ist, sondern viel mehr die Umstände, wie es dazu gekommen ist, machen den Beobachter rat- und phantasielos.
Dass es in diesem Bundesligaleben noch einmal anders kommen könnte, als dass der FC Bayern die Liga dominiert wie ein Herrchen sein Hündchen.
Bundesliga
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20/09/2021 AM 07:14
Und nicht falsch verstehen, auch wenn viele glauben, dass der LIGAstheniker ein ideologischer Bayern-Hasser sei: Mitnichten!
Die Art und Weise wie der FC Nagelsmann selbst in kürzester Zeit die Defensivschwächen der Flick-Bayern ausgemerzt hat - beeindruckend! Die Automatismen in der Spielorganisation – Weltklasse! Die Gier, immer noch einen Titel drauf setzen zu wollen - atemberaubend! Nicht die Bayern sind das Problem, die Liga ist und hat es.

Wie bitte? Meisterschaft entschieden?

Da sitzt also spätabends des 5. Spieltags Gladbachs Lars Stindl in einem Fernsehstudio, wird als einer der besten deutschen Fußballer vorgestellt und dann nimmt Stindl zwei Begriffe in den Mund, die so auch jede KI und jeder Algorithmus zu dem einen Stindl-Satz zusammenbauen kann. Die Begriffe sind "Meisterschaft" und "Die Bayern".
Er schaut dabei so hoffnungslos, dass man als Zuschauer unweigerlich den Eindruck bekommt, die Meisterschaft ist tatsächlich schon wieder entschieden.
Wie gesagt: 5. Spieltag, eigentlich geht es jetzt erst los, in Italien liegt der einstige Serienmeister Juve auf einem Abstiegsplatz, aber in der Bundesliga ist alles so wie es immer schon war. Soviel Déjà-vu, Redundanz und Ideenlosigkeit - ich bin es wirklich leid, dass sich die Liga daran gar nicht mehr stören mag.

Gladbach-Kapitän Lars Stindl mit vollem Einsatz

Fotocredit: Getty Images

Leblose Bayern-Verfolger

Wie leblos die hinter den Bayern verbliebenen "sogenannten" Spitzenklubs wie Dortmund, Leipzig, Wolfsburg oder eben Gladbach in ihren Ambitionen sind, an dieser seit Jahren wie festgetackerten Konstellation etwas ändern zu wollen, merkt man erst im Negativabgleich.
Also in der Frage: Wer in der Liga verströmt eigentlich ein Selbstbewusstsein, dem alles zuzutrauen ist? Wer in der Liga formuliert einen Anspruch, sich auf Augenhöhe mit den Münchnern bewegen, wer die Überzeugung, Meister werden zu wollen? Von den Spitzenklubs wohlgemerkt. Und? Fällt Ihnen einer ein? Richtig, mir auch nicht! Aber: Wie kann das denn sein?
Seit Jahren wabert eine diffuse Mentalitätsdiskussion durch Dortmund, die in Wahrheit gar nicht so diffus ist. Kein anderer Kader hat mehr Talent versammelt als der BVB und trotzdem macht man sich klein im Duell mit den Bayern. Warum eigentlich? Tatsächlich hat nicht nur Dortmund, vielmehr die ganze Liga ein Mentalitätsproblem, wenn einem die ewige Vormacht an der Isar nicht tierisch auf die Senkel geht.
Ich bin es leid, dass Stindl und die Liga mir als Fan, Zuschauer und Beobachter schon am 5. Spieltag erklären wollen, der Titel sei schon entschieden - und keiner widerspricht. Wenn ich schon vorher weiß, was im Überraschungsei drin ist, dann kauf ich mir keines mehr.

In den vergangenen neun Saisons hieß der Meister jeweils FC Bayern München

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Gut gebrüllt, Löwe!

Und dann kommt einem in diesen Tagen ein Typ quer und man weiß sofort: Ah, es geht ja doch anders! Steffen Baumgart, der Mann mit der Schiebermütze, der Negativabgleich. Der Mann, der diesen ewigen Durchschnittsklub FC aus dem Rheinröschenschlaf gerissen und ,mal en passant, Spitzenfußball spielen lässt.
Was Baumgart als Charakter, am Spielfeldrand und vor TV-Mikros signalisiert, ist sensationell. Vor allem: angstbefreit, mutig, immer nach vorn.
Bei einem der Field-Interviews nach dem Spitzenspiel, und das war es, gegen Leipzig, fasste Baumgart sein Mantra in dem Satz zusammen: "Lieber auf 2:1 spielen als auf ein Unentschieden". In dem Satz steckt, im Kleinen wie im Großen, so viel drin. Anthony Modeste nennt seinen Coach einen "Löwen".

Wo bleibt die Kampfansage an die Bayern?

Modeste war es auch, der erzählte, dass Baumgart ihnen eingeimpft habe, sie gehören zu den besseren Teams der Liga. Wenn man weiß, dass Köln gerade erst Relegation gespielt hat, ist das doch ziemlich beachtlich.
Wenn man weiß, dass der BVB amtierender Pokalsieger ist, dann fragt man sich, wann, wenn nicht jetzt mit Haaland, will Dortmund eigentlich mal das beste Team der Liga sein? Und vor allem: Wann sagt es einer mal laut und deutlich?

BVB-Star Erling Haaland zählt aktuell zu den besten Stürmern der Welt

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Soviel bewusstseinserweiternde Stimulanzien kann ich gar nicht nehmen, dass ich mir vorstellen kann, dass Zorc & Co. am sechsten Spieltag eine Kampfansage an die Bayern, an die Liga, an die Fußballwelt formulieren, die lautet: Eine zehnte Meisterschaft in Folge wird es nicht geben!
Solange die Restliga sich also ins Höschen macht, bevor es zur Attacke auf die Bayern bläst, träumt der LIGAstheniker davon, wie Löwe Baumgart eine Spitzenmannschaft trainieren würde. Der könnte das! Ein Jammer, dass es in dieser Angsthasenliga nie dazu kommen dürfte.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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