Liebe FußballfreundInnen, gerade in den letzten Wochen konnte man ziemlich gut beobachten, was eigentlich die Unterschiede sind zwischen den Bayern und dem BVB.
Warum die einen sich von Meisterschaft zu Meisterschaft spielen und die anderen immer nur so tun als ob. Warum also die einen eine internationale Spitzenmannschaft sind und die anderen bestenfalls ein Team mit einer regional begrenzten Hausmacht.
Der 24. Spieltag und ein Auswärtssieg in Augsburg wäre für Dortmund noch einmal eine weitere Gelegenheit gewesen, allen klar zu machen, dass man die Meisterschaft noch nicht abgeschrieben hat, dass man noch an sie glaubt. Nach dem 24. Spieltag weiß man es nun schwarz auf gelb: Man lässt sich selbst das noch nehmen, was man eigentlich schon eingefahren hat (einen Sieg in Augsburg etwa nach langer Führung).
Bundesliga
Kimmich schwört Bayern auf Titel-Endspurt ein
27/02/2022 AM 12:10
Und die Bayern? Gewinnen immer genau die Spiele, die sie gewinnen müssen. Als gäbe es einen geheimen Algorithmus, der die besondere bayerische Mentalität in Spitzenspielen zu steuern vermag.

Bayerische Synergien

Bayerns erster Anführer Joshua Kimmich sprach nach dem eher ungewöhnlichen 1:0 in Frankfurt von einem "Kampfsieg" - und bevor das Fußball-Feuilleton ihn dafür zur Rechenschaft zieht, was eine solche Rhetorik in Zeiten des Krieges soll, bringt es doch die Synergieeffekte des bayerischen Spiels gut auf einen Nenner. Bei den Münchnern sind Spielsystem und Mentalität kohärent aufeinander abgestimmt.
In den 1980er und 90er Jahren gab es die Paraphrase "über den Kampf zum Spiel finden", welche die Bayern in die fußballerische Moderne übersetzt haben. Die Nagelsmann-Bayern unterscheiden sich von den Guardiola-Bayern, dass sie das Spiel nicht von oben herab und von Anfang an über gigantischen Ballbesitz dominieren, sondern dass sie die richtige Justierung aus Offensive und Defensive, aus Ballbesitz und Pressing, aus Geschwindigkeit und Alibikick gefühlt jeden Spieltag neu suchen.

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Das geht auch mal schief, aber das bringt eine weniger große Ausrechenbarkeit mit sich, die im Training mühevoll erarbeitet werden muss. Und die Bayern sind, das ist vielleicht der größte Unterschied zu Dortmund, ein adaptives Team. Bayern lernt aus Fehlern und kann sich umstellen, wenn es nötig ist.

Bayern lernt dazu, Dortmund nicht

Nach zuletzt ungewöhnlich vielen Gegentoren und auch der einen oder anderen tatsächlichen oder Fast-Pleite (Bochum, Salzburg, Gladbach) war das Defensivverhalten der Münchner in Frankfurt plötzlich der Garant des Erfolges. So, als hätte man die ganze Woche über nichts anderes geübt. Und auch Niklas Süle, um den es in jüngster Vergangenheit, ob seiner Freigabe nach Dortmund, Streit gegeben hatte, spielte trotz aller Querelen in beeindruckender Stabilität.
Die Bayern haben ein Abwehrproblem erkannt, sie haben es abgestellt. Und nur zum Quervergleich: Die Anfälligkeit der Dortmunder Abwehr bei Standards, gerade bei Ecken, lässt sich offenbar nun seit zwei Jahren nicht abstellen.

Rückkehr der "Dusel-Bayern"?

Und weil man zwangsläufig nicht gleichzeitig mit verstärkter Abwehr und verstärktem Angriff agieren kann, haben die Bayern auch in der Offensive ein Erfolgsrezept aus den 1980er Jahren in die sportliche Gegenwart überführt. Es war eine Zeit als von den "Dusel-Bayern" die Rede war, weil sie allzu oft mit einem 1:0 oder einem Tor mehr als der Unterlegene als Sieger vom Platz marschierten.
Nicht selten erzielten sie das entscheidende Tor auch noch kurz vor Schluss. Die Nagelsmann-Bayern sprangen in Frankfurt nur so hoch wie sie mussten, Pep Guardiola wäre im Dreieck gesprungen.

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Meisterschaft aus der Mottenkiste

Anders als in den 1980er haben die Bayern von heute keinen Dusel. Ihre taktische Flexibilität ist hart erarbeitet und trotz ihres neuen Fokus auf die Defensivarbeit (mal schauen, wie lange er anhält) erzeugen die Bayern eine Präsenz auf dem Feld und einen Druck auf den Gegner, der über 90 Minuten zwangsläufig irgendwann nachgibt und Fehler macht.
Anders als früher, als sich die Konkurrenz über die "Dusel-Bayern" mokierte und das eigene Unglück beklagte, war Eintracht-Trainer Oliver Glasner nach dem Bayernspiel "sehr einverstanden" mit dem Spiel der Seinen.
Das ist dann vielleicht das größte Manko dieser Liga: Dass selbst die großen Widersacher nach knappen, verlorenen Spielen gegen die Bayern immer noch ganz happy sind. Und dem FCB reichen 40 Jahre alte Rezepte aus der Mottenkiste, um wieder Meister zu werden.
Zur Person Thilo Komma-Pöllath:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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