Der LIGAstheniker: Der FC Bayern kriselt und Julian Nagelsmann verweigert den Bossen seine Gefolgschaft

Der FC Bayern kriselt sich ins neue Jahr. Das 1:1 gegen Frankfurt war das dritte Unentschieden der Münchner nach der WM. Das Offensivspiel der Mannschaft von Julian Nagelsmann erinnert an die Biederkeit der deutschen Elf in Katar. Eiszeit herrscht auch neben dem Feld. Statt blinder Meinungsgefolgschaft geht der Trainer auf Konfrontationskurs mit den Bossen. Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.

Nagelsmann unter Druck: "Machen Sie sich keine Sorgen"

Quelle: Perform

Liebe FußballfreundInnen,
die Bayern haben also schon wieder Krise, liest man überall. Und was machen die Bayern in der Krise? Richtig, sie treffen sich beim Edel-Feinkosthändler im Münchner Nobelstadtteil Bogenhausen zum Versöhnungsbrunch und schweigen sich aus zu ihren diversen Krisenthemen.
Die Häppchen sind aber auch einfach zu lecker, um sich vom Unentschieden gegen Frankfurt, Gnabrys Paris-Ausflug oder Neuers geschassten Torwarttrainerfreund den Hunger verderben zu lassen.
Dass es im berühmten Feinkosttempel zu einem klärenden Gespräch zwischen Führung und Mannschaft gekommen sein kann, darf schon deshalb bezweifelt werden, weil ein Großteil der Mannschaft, wie "Bild" aufgelauert hat, schon wieder weg war, als Nagelsmann eintraf.
Das ist mindestens irritierend und erinnert an zerrüttete Familienverhältnisse, bei denen man sich mit Vorliebe aus dem Weg geht, es sich dann aber doch nicht leisten kann, gar nicht aufzutauchen, es gibt schließlich was zu holen. Ist das Bild stimmig - die Bayern als zerrüttete Großfamilie?

Nagelsmann emanzipiert sich vom Bayern-Vorstand

Zumindest tun sie derzeit alles, um diesen Eindruck zu erwecken. Auffallend ist dabei, dass Trainer Julian Nagelsmann seine blinde Meinungsgefolgschaft gegenüber dem Vorstand aufgegeben und eine eigene Position eingenommen hat, die zwischen Führung und Mannschaft steht.
Als Serge Gnabry nach seinem Blitzbesuch bei der Pariser Fashion Week von Sportdirektor Hasan Salihamidzic persönlich in den Senkel gestellt wurde ("Amateurhaft"), erklärte Nagelsmann, dass die Spieler in ihrer freien Zeit grundsätzlich tun und machen können, was sie wollen. Damit dürfte er sich auf dem Boden gängigen Arbeitsrechtes befinden, das, was Salihamidzic vorschwebt, erinnert an die mittelalterliche Leibeigenschaft.
Am Wochenende nun suchte Nagelsmann den Dissens zum Oberboss, CEO Oliver Kahn. Der sprach nach dem Frankfurt-Spiel in Bezug auf die aktuelle Formlage von "zwei Mannschaften", eine von vor der WM und eine danach.
Nagelsmann widersprach klipp und klar: "Ich sehe keine zwei verschiedenen Mannschaften." Es erscheint offensichtlich, dass sich atmosphärisch etwas verschoben hat zwischen Trainer und Führung, da ist es vielleicht ganz gut, wenn beim Krisenbewältigungsschmaus die Mannschaft gar nicht mehr dabeisitzt.

2023: Biedere Bayern, große Ziele

Dass die Bayern mit Rückrundenstart einen ziemlich biederen Eindruck hinterlassen, das wird auch Nagelsmann kaum in Abrede stellen, die drei Unentschieden gegen Leipzig, Köln und Frankfurt sprechen für sich.
Von der nationalen Übermannschaft sind sie derzeit weit entfernt, das Offensivspiel eher eine Reminiszenz an die deutsche Auswahl in Katar, kaum Tempo, wenig Überraschendes, keine Idee, wie man einen tief stehenden Gegner herauslockt und entzaubert - die Emotionen heruntergekühlt zum Business as usual.
Aber: Biederkeit ist im Markenkern des FC Hollywood eigentlich gar nicht vorgesehen. So können die Bayern zwar immer noch Deutscher Meister werden (einen Punkt Vorsprung auf den Zweiten Union Berlin), niemals aber in der Champions League was reißen.
Die aber steht mit der Achtelfinalpartie (am 14. Februar 2023 ab 20:45 Uhr im Liveticker) gegen Paris, Mbappé und Messi vor der Tür und - Stand jetzt - ist ein Weiterkommen nicht die wahrscheinlichste Option. Wobei, manchmal ist eine vorgebliche Biederkeit das beste Mittel, um überhebliche Weltstars in die Irre führen.
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Julian Nagelsmann

Fotocredit: Getty Images

Nagelsmann: Boulevard schreibt von "Rauswurf"

Das alles ist Spielerei, Konjunktiv, Zukunftsgeplänkel, keiner weiß, wie es kommen wird. Und doch hat die Diskussion um Nagelsmann längst alles Spielerische verloren. Denn ob das Wunderkind der nationalen wie internationalen Trainergilde noch als der richtige Bayerntrainer erscheint, wird gerade bei "Bild" in schöner populistischer Regelmäßigkeit infrage gestellt.
Die Ablöse von 20 Millionen Euro schütze ihn nicht vor einem Rauswurf, kommentiert die Zeitung am Sonntag. Das mag man übertrieben finden. Tatsächlich müssen diejenigen, die das zu entscheiden haben, nicht nur die aktuell mageren Ergebnisse ins Kalkül ziehen, sondern auch einen Trainer, der sich - anders als noch vor einem Jahr - längst nicht mehr alles sagen lässt.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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