BVB zwischen Struktur und Chaos: Drei Faktoren für den Höhenflug von Borussia Dortmund

Acht Spiele, acht Siege: Dortmunds Start ins Jahr 2023 kann man getrost als perfekt bezeichnen. Mit einem Sieg gegen Hoffenheim (Samstag, 15:30 Uhr im Liveticker) kann der BVB an die Tabellenspitze springen - und die am Sonntag aufeinandertreffenden Konkurrenz unter Druck setzen. Eurosport.de analysiert anhand von drei Faktoren, warum Dortmund zu Union Berlin und dem FC Bayern aufgeschlossen hat.

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Quelle: Perform

4-2-3-1? 4-1-4-1? 4-3-3? Dortmunds System ist gar nicht so einfach zu beschreiben. Grund dafür ist das sehr flexible Mittelfeldzentrum. Und damit kommen wir direkt zum ersten Erfolgsfaktor: Struktur im Zentrum. Statt klaren Positionen scheint es beim BVB eher klare Aufgabenprofile für die zentralen Mittelfeldspieler zu geben.
So ist ein Spieler dafür verantwortlich, sehr nah an der Abwehrkette zu agieren und sich als erste Anspielstation für die Innenverteidiger zu zeigen - zuletzt hatte in der Regel Emre Can diese Rolle inne. Je nach Spielsituation zeigt er sich leicht versetzt auf einer Seite oder lässt sich sogar zwischen die Innenverteidiger fallen. So oder so: Dortmund baut oftmals zu dritt auf.
Der zweite Mann im schwarzgelben Mittelfeld hingegen agiert als Verbindungsspieler. Jude Bellingham hat hier seine Paraderolle gefunden, weil er in nahezu allen Zonen auftauchen und am Spiel teilhaben kann. Der Engländer ist nämlich weder ein reiner Aufbauspieler noch ein offensiver Mittelfeldspieler, der geduldig zwischen den Linien wartet.
Bellingham braucht den Ball - und zwar möglichst oft. Er positioniert sich immer wieder klug vor den drei aufbauenden Spielern und hat dadurch das Spiel vor sich. Vor allem wenn er halblinks auftaucht, sucht er den Blick auf die rechte Seite und bedient den aufgerückten Außenverteidiger mit einem gezielten Flugball.

Brandt, Reus, Reyna - Kreativität im Überfluss

Anschließend geht es mit großen Schritten in oder an die gegnerische Box. Weil Bellingham erst spät, dafür aber mit Tempo in den Strafraum läuft, hat der Gegner oft Probleme mit der Zuordnung. Dass der 19-Jährige bereits 10 Tore und sechs Assists in 29 Pflichtspielen hat, ist daher keine große Überraschung.
Neben dem Aufbauspieler an der Kette und dem Verbindungsspieler Bellingham komplettiert ein Kreativspieler das Dortmunder Mittelfeldtrio. Marco Reus, Julian Brandt oder Giovanni Reyna sind die Optionen für die Rolle, die sich am ehesten mit der eines klassischen Zehners vergleichen lässt. Hier kommt es vor allem auf Geduld, Orientierung, Technik auf engstem Raum und Gedankenschnelligkeit an.
Treibt Bellingham den Ball durchs Mittelfeld, setzt sich Reus beispielsweise immer wieder einige Schritte zur Seite ab, um einen kleinen Freiraum zwischen gegnerischen Außenverteidiger und Sechser zu finden. In diesen Räumen bleibt nicht viel Zeit, sodass oftmals direkt gespielt wird: ein Pass in die Tiefe, ein Doppelpass oder der Ball wird nochmal auf den Flügel zum hochstehenden Außenverteidiger gelegt.

Erfolgsfaktor 2: Geplantes Chaos von den Flügeln

Während die Spieler im Zentrum Struktur geben, haben die Flügelspieler der Dortmunder die Aufgabe, ständig auf die Bewegungen der Mittelfeldspieler zu reagieren und den Gegner so vor Aufgaben zu stellen.
Zuletzt war es vor allem Brandt, der als nomineller rechter Flügelspieler ins Zentrum zog und sich ähnlich wie Reus in einem der Halbräume zeigte. Weil der Rechtsverteidiger (Wolf oder Ryerson) sehr offensiv agiert, bleibt Brandts eigentlicher Gegenspieler in der Regel in der Abwehrkette gebunden. Brandts Bewegungen in Freiräume verschaffen dem BVB also oftmals eine Überzahl im Zentrum.
Auf der anderen Seite wird der Turbo gezündet: Der gegen Hertha verletzt ausgewechselte Karim Adeyemi agierte in den letzten Wochen auf der linken Seite ganz anders als Brandt rechts. Anstatt ins Zentrum zu ziehen, hält er meistens die Breite. Bekommt er den Ball in den Fuß gespielt, nimmt er sofort Tempo auf und sucht das direkte Duell gegen den rechten Verteidiger.
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Karim Adeyemi ist derzeit in bestechender Form

Fotocredit: Getty Images

Wird er enger gedeckt, beläuft er den Raum hinter der Kette und wird mit Bällen hinter die Kette oder Schnittstellenpässen bedient. Adeyemis Verteter Jamie Bynoe-Gittens weist ein ähnliches Profil aus und kann diese Rolle nahezu identisch interpretieren.
Weil die Flügelspieler während des Spiels immer wieder die Seiten tauschen, stiftet Dortmund permanent Chaos, da vor allem die gegnerischen Außenverteidiger permanent vor neue Aufgaben gestellt werden.

Erfolgsfaktor 3: Konterabsicherung und Gegenpressing

Abgesehen vom durchaus wilden 4:3-Sieg gegen den FC Augsburg im ersten Spiel des Kalenderjahres steht Dortmund defensiv sehr stabil. Drei der sieben weiteren Siege holte man ohne Gegentor, bei den anderen vier Siegen traf der Gegner je einmal.
Der größte Faktor für die Stabilität ist die gute Absicherung, die bei eigenem Ballbesitz beginnt. Zusammen mit Sechser Can (oder auch Salih Özcan) organisieren die Dortmunder Innenverteidiger die Restverteidigung hervorragend.
Ist der Ball in der Mittelfeldzone oder im offensiven Drittel angekommen, gibt es für die drei Aufbauspieler nur zwei Optionen: Anspielbar sein oder Kontakt zum Gegenspieler herstellen! Wer sich also nicht gerade für einen Rückpass anbietet, schiebt nah an den nächsten Gegenspieler heran.
Stehen die gegnerischen Stürmer in der eigenen Hälfte, schieben Nico Schlotterbeck und Niklas Süle (oder auch Mats Hummels) immer wieder mutig vor - quasi Manndeckung bei eigenem Ballbesitz. Weil der Sechser so nah bei den Innenverteidigern ist, kann man immer in Überzahl absichern. Verliert der BVB vorne also den Ball, hat der Gegner keine direkte Anspielstation.
Dortmunds Innenverteidiger sind daher oft in Zweikämpfen weit in der gegnerischen Hälfte zu sehen. Damit verhindern sie nicht nur Konter, sondern leiten auch oft die zweite Welle des eigenen Angriffs ein. Hier kann man den Gegner immer wieder unsortiert erwischen.
Eurosport-Check:
Edin Terzic hat seinen Spielern sehr klare Aufgaben zugewiesen, die einzeln gesehen nicht nach einer großen taktischen Meisterleistung aussehen. Müssen sie aber auch nicht!
Zusammen genommen harmonieren die Maßnahmen hervorragend und geben dem Spiel die nötige Struktur. Weil die Ausnahmekönner jedoch genug Freiraum für ihre individuellen Stärken haben, ist der BVB nicht leicht ausrechenbar - und hat sich als ernstzunehmender Titelkandidat zurückgemeldet.
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Quelle: Perform

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