Der LIGAstheniker: Debatte um Manuel Neuer - das seltsame Clan-Verständnis des FC Bayern

Der FC Bayern kommt - mal wieder - nicht zur Ruhe. Nach Manuel Neuers Aufreger-Interview dreht sich alles um das Verhältnis zwischen dem Kapitän und seinem langjährigen Arbeitgeber. Dabei offenbart der deutsche Rekordmeister ein seltsames Verständnis von Homogenität. Mündige Athleten scheinen im Fußball-Business nicht mehr erwünscht zu sein. Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.

Manuel Neuer sorgte mit seinem Interview für Aufsehen

Fotocredit: Imago

Liebe FußballfreundInnen,
Übrigens, für den Fall, dass man das in letzten Tagen kurz vergessen haben sollte: Der FC Bayern ist immer noch ein Fußballklub und kein Dschungelcamp oder sonst eine fragwürdige Bachelor und B-Star-Realitysoap, in der es nur darum geht, sich an menschlichen Abgründen zu erschaudern.
Den Eindruck konnte man nämlich gewinnen. Zweimal haben die Bayern in der letzten Woche Fußball gespielt, in Liga und Pokal zweimal gewonnen, aber als Thema gab es nur einen: Manuel Neuer. Und der spielt gerade gar nicht.
Neuer spricht nur, gibt Interviews, die die Führung vorher nicht gelesen und zensiert hat. Und das ist, im Profifußball im Allgemeinen, aber speziell bei den Bayern eine Sünde. Freies Sprechen und Denken, wo kämen wir denn da hin?
Das werde den Werten des FC Bayern nicht gerecht, erklärte Bayerns CEO Oliver Kahn umgehend und meinte Neuers Interview. Das ist schon deshalb eine beachtliche Replik eines Vereinsbosses, weil man sich danach fast zwangsläufig die Frage stellen musste: Welche Werte meint er? Die grundgesetzlich geschützte Meinungsfreiheit offenbar nicht …

FCB-Logik: Wer widerspricht, wird klein gemacht

Der Tabellenführer der Liga offenbart gerade wieder einmal sein seltsames Verständnis von Homogenität, das man sonst nur aus Clan- oder Sektenstrukturen kennt. Wer widerspricht, wer etwas anderes denkt und sagt, wird öffentlich kleingemacht, mit Sanktionen und Ausschluss bedroht.
Serge Gnabry fliegt an seinem freien Tag nach Paris, um an einer Modenschau teilzunehmen und wird dafür nicht zu allererst von den Medien kritisiert, sondern vom eigenen Klub als Amateur hingestellt. Fürs Protokoll: In keinem Arbeitsvertrag der Welt steht, was man an seinem freien Tag nicht darf.
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Manuel Neuer vom FC Bayern München

Fotocredit: Getty Images

Oder erinnert sei an die Impfdiskussion um Joshua Kimmich auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie. Die Bayern schüttelten öffentlich den Kopf über einen ihrer Besten und ließen ihn dastehen wie einen Querdenker. Auch hier fürs Protokoll: Impfen ist in Deutschland, in dem es keine generelle Impfpflicht gibt, immer noch Privatsache.

Neuer, Nagelsmann und die Maulwurffrage

Und jetzt also Neuer. Gibt ein Interview, in dem er sich darüber beklagt, dass seinem Freund und langjährigen Torwarttrainer Toni Tapalovic gekündigt wurde. Er benutzte dafür eine derart martialische Wortwahl ("Mir wurde das Herz rausgerissen"), dass man davon ausgehen muss, dass er entweder nichts davon gewusst hat oder er seine Kritik daran intern gar nicht anbringen konnte.
Ist ja auch ein heikles Thema, wenn Coach Julian Nagelsmann Neuers Torwarttrainer für einen Maulwurf hält, der Interna an die Öffentlichkeit weitergegeben haben soll, was offenbar Grund der Freistellung gewesen ist. Ausgerechnet Nagelsmann, der selbst mit einer "Bild"-Reporterin liiert ist, der Zeitung, in der die Maulwurfgeschichten gewöhnlich platziert sind. Die Dinge sind offenbar komplizierter, in dem Interview bestreitet Neuer die Vorwürfe gegen Tapalovic.

Neuers Schlussstrich unter sein Bayern-Kapitel

Wie zum Beweis sekundiert Sportvorstand Hasan Salihamidzic mit dem Satz, Neuer habe seine Interessen über die des Vereins gestellt. Dass sich Angestellte eines Arbeitgebers erstmal um ihr eigenes Wohl kümmern, ist eine Binsenweisheit. Das passiert hierzulande hundertausendfach - jeden Tag.
Die logische Folge, die sich daraus ableitet: Kritik am Arbeitgeber, in unserem Fall einem Fußballklub, wird unmöglich. Einmal mehr hat der mündige Athlet gegen die grassierende Ja-Sager-Mentalität in dem Business den Kürzeren gezogen, die Mund-zu-Geste der Nationalelf in Katar fototapeziert das aufs Eindrucksvollste.
Manuel Neuer, das weiß er längst, wird beim FC Bayern vielleicht kein Spiel mehr machen nach seinem Skiunfall und nach diesem Interview. Mit der Verpflichtung von Yann Sommer, nicht irgendeinem guten Übergangstorhüter sondern dem besten Bundesligatorhüter nach ihm selbst, dürfte ihm das klar geworden sein.
Neuers Äußerungen setzen somit einen Schlussstrich unter sein Bayern-Kapitel, die Deutungshoheit seines Abschieds aber hat er sich gezielt zurückgeholt.

ZUR PERSON THILO KOMMA-PÖLLATH:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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