FC Bayern – Führungstrio Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Thomas Müller als Krisensinnbild: Müde Mitschleifer
Stürmische Zeiten beim FC Bayern: Dem deutschen Rekordmeister droht nach dem 1:3 bei Mainz 05 und dem damit verbundenen Verlust der Tabellenführung die erste titellose Saison seit elf Jahren. Auch, weil sich dieser Tage selbst die vermeintlichen Anführer in einem gleichermaßen erschreckenden wie unerklärlichen Leistungsloch befinden. Vor allem drei Spieler stehen sinnbildlich für die Krise.
Tuchel begründet Trainingspause: "Wir sehen ausgelaugt aus"
Quelle: Perform
Für Joshua Kimmich eröffnete sich am Samstagnachmittag eine neue, ungewohnte Perspektive. Als der Mainzer Aarón Martín dem torkelnden FC Bayern mit dem 3:1 den Rest gab (79.), stand der Dauerbrenner nicht mehr auf dem Platz, Kimmich verfolgte das aus Münchner Sicht düstere Treiben von der Bank aus.
Der Nationalspieler nahm den entscheidenden Gegentreffer mit einem Naserümpfen hin, versuchte im Anschluss aber, seine Kollegen nach vorne zu peitschen. Der Habitus eines Führungsspielers. Dass Kimmich die letzte Viertelstunde vom Spielfeldrand miterlebte, erst zum dritten Mal in dieser Bundesliga-Saison ausgewechselt worden war, hatte allerdings triftige Gründe. Der 28-Jährige, qua Anspruch Vorangeher, war der Mainzer Musik zuvor mehrfach hinterhergelaufen.
Als alleiniger Sechser ließ er sich immer wieder zwischen die Innenverteidiger fallen, holte sich die Kugel ab, wollte das Spiel ankurbeln. Nur allzu häufig manövrierte er sich gegen die pressenden Nullfünfer jedoch in brenzlige Situationen, leistete sich für seine Verhältnisse extrem viele Ballverluste (19). Während der Entstehung des 1:2 verlor er zunächst den Fokus und schließlich Torschütze Leandro Barreiro aus den Augen (73.).
Unüblich, gilt Kimmich doch gemeinhin als personifizierte Konzentration, als pressingresistenter, umsichtiger Taktgeber. Normalerweise - in den vergangenen Wochen war jedoch auch bei ihm ein Leistungsabfall zu beobachten. Insbesondere nachdem Julian Nagelsmann freigestellt und von Thomas Tuchel beerbt worden war.
Kimmich von Nagelsmann-Aus überrascht
Kimmich galt als Nagelsmann-Fürsprecher, gar als dessen engster Vertrauter. Nagelsmanns Aus sei "überraschend" gewesen, erklärte Kimmich vor knapp einem Monat. Ihm zufolge habe der 35-jährige Coach die viel zitierte "Kabine" – anders als übereinstimmend berichtet - keineswegs verloren. "Am Ende des Tages ist so das Geschäft, wenig Liebe, wenig Herz. Wir müssen lernen, damit umzugehen und mit der Entscheidung zu leben", ergänzte Kimmich seinerzeit.
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Joshua Kimmich vom FC Bayern
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Aussagen, die als deutliche Seitenhiebe gegen die Klubführung um Hasan Salihamidzic und Oliver Kahn gewertet werden durften. Ob die Nagelsmann-Causa noch immer an dem Mittelfeldmann nagt? Reine Spekulation. "Wir vermissen die Energie und das Selbstverständnis", sagte er nach der Niederlage in Mainz bei "Sky" und schob nach: "Wir verspielen immer wieder Führungen, das ist uns jetzt mehrfach passiert. Darunter leidet die Energie."
Eine Erklärung, warum die Bayern nur zwei der sieben Tuchel-Spiele gewannen, hatte aber auch er nicht. Weder für diesen Umstand noch für sein eigenes sportliches Tal. Aus der Verantwortung stahl er sich aber nicht. "Ich spreche immer auch von mir, ich nehme alle ins Boot", versicherte er.
Ein Mannschaftsoberhaupt, dem es ähnlich ergangen war wie Kimmich, war Thomas Müller. Der Routinier wurde gemeinsam mit dem gebürtigen Rottweiler ausgewechselt, nahm nach einer mäßigen Darbietung neben Kimmich auf der Bank Platz. Sein Arbeitszeugnis: Kein einziger Schuss aufs Tor, 22 Ballverluste, eine Zweikampfbilanz von 25 Prozent und eine Passquote von 69 Prozent.
Müller, der im Gegensatz zu Kimmich nicht der größte Fan von Nagelsmann gewesen sein soll, ist seit Tuchels Amtsübernahme antastbarer als unter dessen Vorgänger. In den beiden wohl wichtigsten Partien des Jahres, gegen Manchester City in der Champions League, fristete Müller ein Dasein als Reservist, weil der neue Übungsleiter jeweils im Vorfeld "kein Thomas-Müller-Spiel" prognostiziert hatte.
Tuchel kritisiert Müller
Ein Signum, das auf die Begegnung mit Mainz tatsächlich ungeahnt zutraf. "Es war heute nicht sein Tag", musste sich Tuchel gegenüber "Sky" eingestehen. "Normalerweise macht er bei einem solchen Spiel zwei bis drei Torvorlagen. Aber es sollte heute nicht sein."
Müller habe "viele Fehler gemacht", sagte Tuchel und führte anhand einer Szene aus: "In der Phase in der zweiten Halbzeit, in der wir richtig gut waren, hat er zweimal geschossen, wo mindestens einmal Joao (Cancelo, d. Red.) komplett frei ist, um das 2:0 zu machen und das Spiel zu beenden."Müller selbst gab sich indes selbstkritisch und ratlos zugleich. "Unser Spiel war grundsätzlich fehlerhaft. Auch ich habe heute sehr viele Fehler gemacht und war mit dem Ball unsauber", meinte der 33-Jährige. "Ich habe keine Patenterklärung. Ich bin etwas ratlos, wie es zu dieser Situation kommt. Einige Dinge klappen, wir sind verdient in Führung – und dann stehen wir auf einmal mit einer Niederlage da."
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Frust beim FC Bayern nach der Pleite ins Mainz: Kapitän Thomas Müller kann es nicht fassen
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Ein Alarmsignal - Wenn selbst Müller, derjenige, der mit den Bayern mehr erlebt hat als alle anderen aktiven Spieler, derjenige, der selbst in schwierigen Zeiten immer einen Spruch auf den Lippen hat, nicht mehr weiter weiß, brennt es lichterloh. "Die Birne ist sehr leer, wir sind angeschlagen", verriet er im Gespräch mit der "Sportschau" vielsagend.
Während Kimmich und Müller nach dem Nackenschlag am Samstag vor die Mikros traten, blieb ein Bayern-Lautsprecher diesmal stumm: Leon Goretzka. Der ehemalige Schalke sucht im Gegensatz zu Kimmich und Müller nicht seit Wochen, sondern seit Monaten seine Form. In Mainz offenbarte sich dies schonungsloser denn je.
Goretzka im Leistungsloch
Haarsträubende Fehlpässe, bizarres Zweikampfverhalten, die muskulösen Schultern hängend, beim dritten Gegentor als Ersatzkapitän kopflos. Goretzka, traditionell zwischen den Strafräumen pflügend und immer für einen Treffer gut, kommt im Jahr 2023 auf gerade einmal eine mickrige Torbeteiligung (eine Vorlage beim 1:2 in Leverkusen). "Die Mannschaft wirkt, als hätte sie schon 80 Spiele gemacht. Sie wirkt ausgelaugt", sagte Tuchel. Allen voran Goretzka.
Als Nagelsmann seinen Hut nehmen musste, war er neben Kimmich derjenige, der den Rauswurf öffentlich am deutlichsten bedauerte. "Ich würde lügen, wenn die letzten Tage uns nicht betroffen gemacht haben. Es ist immer extrem in so einem Geschäft", sagte er dem "ZDF" am Rande des Länderspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Peru Ende März.
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Leon Goretzka
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Goretzka weiter: "Wir hatten eine sehr enge Beziehung zu Julian. Ich habe ihn wahrscheinlich häufiger gesehen als meine Familie. Wenn so einer dann nicht mehr da ist, so aus dem Nichts, dann ist das natürlich erstmal ein Schock."
Zuvor hatte er den Trainer in einem emotionalen Instagram-Post verabschiedet und die Marschroute für die Zeit nach Nagelsmann ausgerufen: "Es liegt nun an uns, deine Arbeit erfolgreich zu Ende zu bringen. Danke für Alles!"
Ein Vorhaben, das – Stand jetzt – gänzlich in die Hose geht. Nach dem Aus im DFB-Pokal und in der Champions League sind die Münchner aufgrund des schwachen Auftritts in Mainz mittlerweile auch die Tabellenführung in der Bundesliga los – und könnten erstmals seit elf Jahren ohne Titel bleiben.
Dass die Bayern in diese missliche Lage gerieten, wird nur allzu häufig auf die Arbeit der Bosse um Vorstandschef Oliver Kahn und Sportvorstand Hasan Salihamidzic geschoben. Sicherlich sind die beiden bezüglich der Kaderzusammenstellung federführend, gestandene Akteure wie Kimmich, Müller und Goretzka müssen dennoch als Mitschleifer in Erscheinung treten. Vor allem in schwierigen Zeiten.
Das gelingt dieser Tage aber nicht. Weil besagtes Trio selbst nicht weiter weiß, selbst nicht imstande ist, adäquate Leistungen abzurufen. "Es muss von uns aus der Mannschaft kommen. Weder der Vorstand noch der Trainer spielen Fußball", fasste Kimmich in Mainz treffend zusammen. Nun müssen auf dem Platz Taten folgen.
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Titel-Dämpfer in Mainz: Tuchel legt den Finger in die Wunde
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