FC Bayern: Die seltsame Hollywood-Rhetorik des Thomas Tuchel - Kommentar vom LIGAstheniker

"Schockverliebt" nach einem 0:3 gegen Manchester City, "erster Anwalt" von Sadio Mané nach dessen Attacke auf Leroy Sané - Thomas Tuchel bewegt sich in seiner Kommunikation als Coach des FC Bayern München zwischen den Extremen. Hollywoodreif, wie Eurosport-Blogger Thilo Komma-Pöllath findet. Doch langsam kann Tuchel die katastrophale Bilanz seiner erst kurzen Amtszeit nicht mehr schönreden.

Thomas Tuchel

Fotocredit: Getty Images

Liebe FußballfreundInnen,
Thomas Tuchel ist verliebt. Sie haben das gelesen. Nicht frisch verliebt, nicht unsterblich verliebt, "schockverliebt".
Gesagt hat er das nach dem fantastischen 0:3 bei Manchester City in der Champions League, die der neue Bayern-Coach offenbar als Datingplattform missverstanden hat. "Schockverliebt" – auch germanistisch eine schöne Wortneuschöpfung, die demnächst im DUDEN stehen dürfte.
Tuchel ist aber nicht nur emotional auf neuen Wegen, auch beruflich. Er ist nämlich Anwalt, genauer gesagt "erster Anwalt". Von einem Jurastudium Tuchels ist nichts bekannt, eine erste Mandantschaft aber hat er schon: Sadio Mané, der Bayern-Stürmer, der vorzugsweise ins Gesicht seiner Kollegen trifft, wenn schon nicht ins gegnerische Tor.
Vor dem Spiel gegen Hoffenheim gab Tuchel sein erstes öffentliches Statement als Strafverteidiger ab. Für Mané lege er seine "Hand ins Feuer", er habe sich "nie, nie, nie" etwas zuschulden kommen lassen. Leroy Sané sieht das ganz sicher genauso.
Sie werden jetzt sagen, wie kann man sich so über einen Trainergott lustig machen. Aber könnte es sein, dass es vielleicht umgekehrt ist?

Gestörtes bayerisches Betriebsklima

Die Rhetorik des neuen Bayern-Trainers, sagen wir es dezent, ist gewöhnungsbedürftig. Immer ein bisschen sehr drüber. Tuchels Neigung zum Pathos erinnert an Hollywood-Schmachtfetzen, in denen nach einem One Night Stand immer gleich von großer Liebe und Seelenverwandtschaft die Rede ist.
Das glaubt natürlich keiner, aber man möchte es gerne glauben. Weil jeder Bayern-Fan glauben möchte, dass am Mittwoch beim Champions-League-Rückspiel gegen Man City (21:00 Uhr im Liveticker) noch nicht Schicht im Schacht ist.
Das zeugt, mit Verlaub, von einem wagemutigen Realitätssinn. Tuchels Rhetorik erfindet eine Wirklichkeit, die es in der Realität gar nicht gibt. Sadio Mané hat nichts gemacht, tatsächlich hat er Leroy Sané nachweislich ins Gesicht geschlagen; das erste Spiel gegen Man City war kein Liebesbeweis für den neuen Trainer, sondern ein Schock für die Weltpresse; der Katakombenfight Mané vs. Sané kein "reinigendes Gewitter" (Tuchel), sondern Abbild eines gestörten Betriebsklimas.
Die Fliehkräfte innerhalb des Bayern-Kaders sind durch die Entlassung von Julian Nagelsmann noch größer geworden. Am Wochenende gegen Hoffenheim (1:1) standen bei den Bayern elf Einzelspieler auf dem Feld und keine Mannschaft, wie "Sky"-Kritiker Didi Hamann richtig anmerkte. Aber warum, wenn doch Nagelsmann das eigentliche Problem war?

"Getuchelte" Deutungshoheit

Dafür, dass Thomas Tuchel mit den warmen Vorstandsworten geholt wurde, die Saisonziele zu retten, muss man sagen, dass seine bisherige Fünf-Spiele-Bilanz eine Katastrophe ist. Das faktische Aus im DFB-Pokal, das designierte CL-Aus und Deutscher Meister wird mit den Bayern auch Bruno Labbadia, weil die Dortmunder auch zu dämlich sind.
Schon jetzt lässt sich sagen, dass Tuchel offenbar nicht der Trainer ist, den Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic in ihm gesehen haben. Er ist nicht der Mikrowellen-Coach, der eine Mannschaft instantmäßig in zwei Minuten auf Erfolg kochen kann.
An Tuchels Expertise wird dennoch nicht gezweifelt. Liegt vielleicht auch daran, dass er die öffentliche Meinung mit seiner getuchelten Deutungshoheit noch beeinflussen kann.
Und dennoch: Fliegt Bayern am Mittwoch aus der Champions League, ist der Trainer, den die Bayern schon so lange und unbedingt haben wollten, im Rekordtempo von sechs Spielen in gut drei Wochen nachhaltig beschädigt.

ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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