Manuel Neuer setzt seine Zukunft beim FC Bayern München aufs Spiel: Verlierer im Machtkampf mit Nagelsmann
VonThomas Gaber
Publiziert 05/02/2023 um 01:21 GMT+1 Uhr
WM-Fiasko, folgenschwerer Skiunfall und der Rauswurf seines Kumpels Toni Tapalovic - bei Manuel Neuer staute sich in den letzten zwei Monaten eine Menge Frust auf, der sich nun in einem bemerkenswerten Interview entladen hat. Mit seinem Seelenstriptease hat Neuer Gehör gefunden, sich selbst aber keinen Gefallen getan. Für eine Zukunft des Torhüters beim FC Bayern München gibt es keine Basis mehr.
Manuel Neuer kritisierte den FC Bayern in einem Interview
Fotocredit: Getty Images
Uli Hoeneß sendete eine klare Botschaft. "Sie können sich sicher sein, dass er dieses Interview noch bedauern wird", sagte der Ehrenpräsident des FC Bayern München im November 2009, damals noch in der Funktion des Managers, als Reaktion auf ein brisantes Interview von Philipp Lahm mit der "Süddeutschen Zeitung".
Der Bayern-Kapitän hatte seinerzeit die Transferpolitik des Vereins öffentlich kritisiert. Hoeneß' Ansage folgte eine Pressemitteilung des Vereins, in der Lahm vorgeworfen wurde, "in eklatanter und unverzeihlicher Art und Weise gegen interne Regeln" verstoßen zu haben.
Es sei ein "absolutes Tabu, in der Öffentlichkeit Kritik gegen den Club, den Trainer und Mitspieler zu äußern".
Etwas mehr als 13 Jahre später hat der nächste Bayern-Kapitän dieses Tabu gebrochen. Manuel Neuer ließ in einem bei der "SZ" und dem Magazin "The Athletic" zeitgleich veröffentlichten Interview seinem Unverständnis über die Entlassung von Torwarttrainer Toni Tapalovic freien Lauf.
Manuel Neuer will Tapalovic-Aus nicht akzeptieren
Abgesehen von der Tatsache, dass beide Interviews nicht vom Verein autorisiert worden waren, gibt es jedoch keine Parallelen. Während Lahm auf - seiner Meinung nach - allgemeine Missstände beim FC Bayern aufmerksam machen wollte und das große Ganze im Blick hatte, ging es Neuer ausschließlich um sein persönliches Befinden.
"Rausgerissenes Herz", "das Krasseste, was ich in meiner Karriere erlebt habe", "ein Schlag, als ich bereits am Boden lag" - Neuer sparte in diesem schwer zu greifenden Gespräch aus Abrechnung und Ohnmacht nicht mit emotionalen Worten.
"Einige dieser Zitate sind für mich schlichtweg peinlich", sagte "Sky"-Experte Dietmar Hamann am Samstag. "Da geht es um seine eigene Eitelkeit, da stellt er sich in den Vordergrund und nicht den Verein."
Die Gründe für Tapalovics Rauswurf kann (oder will) der tief gekränkte Neuer nicht akzeptieren und fährt in der Angelegenheit lieber die zwischenmenschliche Schiene. "Wir wollen als Bayern München anders - eine Familie - sein. Und dann passiert etwas, das ich so hier noch nicht erlebt habe. Das ist für alle schade", sagte er.
Manuel Neuer stellt eigene Zukunft beim FC Bayern infrage
Neuers Attacke kommt für den Verein zur absoluten Unzeit. Nach vielen Störfaktoren (Neuers Skiunfall, Tapalovic-Entlassung, Gnabrys Fashion-Reise) und schlechten Ergebnissen hatten sich die Wogen durch das souveräne 4:0 im DFB-Pokal beim FSV Mainz 05 gerade erst wieder geglättet. Am Sonntag muss der FC Bayern in Wolfsburg antreten (17:30 Uhr im Liveticker) und in zehn Tagen steht der alles überlagernde Kracher in der Champions League bei Paris Saint-Germain an.
Es war nicht Neuers Intention, den Verein wachzurütteln, so wie es Lahm 2009 getan hat. Er schwingt aus rein persönlichen Gründen das Flammenschwert und stellt sich so über den Verein. "Kein Spieler, kein Trainer ist größer als Bayern München. Der Verein ist immer das Allerwichtigste", schrieb Stefan Effenberg in seiner Kolumne bei "t-online".
Neuer ist vertraglich noch bis 2024 an den FC Bayern gebunden. Im Interview gab er an, an alles gedacht zu haben, "auch was meine eigene Zukunft im Verein angeht". Offenbar sind ihm Zweifel gekommen, ob er in München noch an der richtigen Adresse ist.
Manuel Neuer: Zusammenarbeit mit Julian Nagelsmann kaum vorstellbar
Er werde "professionell" mit Trainer Julian Nagelsmann weiterarbeiten, weil er ein Teamplayer sei und als "Kapitän eine besondere Verantwortung" habe. Beides hat Neuer durch sein Interview mit Füßen getreten. Eine Zukunft unter Nagelsmann ist kaum vorstellbar, gilt der Coach doch als Treiber des Tapalovic-Rauswurfs.
Neuer wagt den Bruch mit dem Cheftrainer, einen Machtkampf mit Nagelsmann kann er nur verlieren, da er bereits jetzt jede Menge Kredit bei den Klubbossen verspielt hat.
Zeitpunkt und Inhalt von Neuers Tirade versperren ihm ohnehin schon den Weg für eine vernünftige Rückkehr in die Mannschaft - unabhängig von seiner körperlichen Fitness nach dem Unterschenkelbruch.
Stefan Effenberg: Vielleicht besser, wenn Neuer den Verein verlässt
Der Torhüter sollte "darüber nachdenken, ob es überhaupt sinnvoll für ihn ist, nach diesen erhobenen Vorwürfen, seinen bis 2024 gültigen Vertrag beim FC Bayern noch zu erfüllen - oder es vielleicht besser ist, den Verein zu verlassen", schrieb Effenberg. Ein Abschied im kommenden Sommer würde ihn "nicht wundern". Auch Hamann antwortete auf die Frage, ob Neuer jemals wieder für die Bayern spielen werde mit "eher nein".
Auch beim eigenen Anhang ist Neuer unten durch. In den sozialen Medien lässt ein Großteil der Bayern-Fans mächtig Dampf ab. "Koan Neuer" feiert Renaissance beim Rekordmeister.
Rein sportlich könnte der FC Bayern Neuers Abschied nach dieser Saison verkraften. Mit Yann Sommer (34) steht bis 2025 ein Torhüter unter Vertrag, der auch auf internationalem Terrain seine Klasse mehrfach unter Beweis gestellt hat. Langfristig soll dem Vernehmen nach Gregor Kobel (25) von Konkurrent Borussia Dortmund das Bayern-Tor hüten.
Neuer wird zeitnah zum Rapport antreten müssen. Vorstandsboss Oliver Kahn kündigte "sehr deutliche Gespräche" mit der verletzten Nummer eins an. Es wäre nicht verwunderlich, sollte Neuer sein Interview noch bedauern.
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Quelle: Eurosport
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