Thomas Tuchel rückt beim FC Bayern München in den Fokus der Kritik: Trainerwechsel ohne positive Wirkung
VonThomas Gaber
Publiziert 22/05/2023 um 22:12 GMT+2 Uhr
Nur ein kleines Wunder am 34. Bundesliga-Spieltag kann die erste titellose Saison des FC Bayern seit 2012 noch verhindern. Die Art und Weise, wie die Münchner im Meisterkampf gleich mehrere Vorlagen aus Dortmund verspielt haben, ist bemerkenswert und aus Bayern-Sicht besorgniserregend. Bislang standen Bosse und Spieler im Fokus der Kritik. Doch auch der Trainer muss sich Vorwürfe gefallen lassen.
Thomas Tuchel
Fotocredit: Getty Images
Thomas Müller ließ die Pleite gegen RB Leipzig am Wochenende keine Ruhe. Am späten Sonntagabend bat der 33-Jährige auf Instagram die Fans des FC Bayern um Entschuldigung und warb für Unterstützung in den Tagen bis zum Saisonfinale.
"Es ist nicht die Zeit, um zurückzublicken - noch eine Woche mit voller Konzentration und wir haben die Chance, die Liga zu gewinnen. Um ehrlich zu sein, tun mir alle Bayern-Fans leid. Unsere zweite Halbzeit gestern war schockierend schlecht. Lasst uns noch eine Woche zusammenhalten. Alles ist noch möglich", schrieb Müller.
Der Ur-Bayer klammert sich an den letzten Strohhalm, mehr als das Prinzip Hoffnung auf einen letzten entscheidenden Patzer von Borussia Dortmund im Heimspiel gegen Mainz 05 bleibt dem FC Bayern auch nicht mehr übrig.
Zweimal tat der BVB den Münchnern mit den Unentschieden in Stuttgart und Bochum den Gefallen, die elfte Meisterschaft in Serie doch noch eintüten zu können. Zweimal warfen die Bayern das Silbertablett weg. Es ist schwer vorstellbar, dass Dortmund dies gegen die formschwächste Mannschaft der Liga (Mainz verlor die letzten vier Spiele bei einem Torverhältnis von 3:13) ein drittes Mal tun wird.
Bankrotterklärung von Oliver Kahn
Thomas Tuchel wird voraussichtlich als der Trainer in die Geschichte des FC Bayern eingehen, der in zwei Monaten drei Titel verspielt hat. Bislang wurde der Nagelsmann-Nachfolger von jeglicher Kritik an den extremen Leistungsschwankungen seiner Spieler weitgehend ausgeklammert. Doch der Coach muss sich spätestens seit der desaströsen zweiten Halbzeit gegen Leipzig unangenehme Fragen gefallen lassen.
Zum dritten Mal verlor der FC Bayern unter Tuchels Regie ein Spiel nach Führung: Im DFB-Pokal gegen Freiburg (1:2) und in der Liga in Mainz (1:3) und gegen Leipzig (1:3). Vor allem in den beiden Ligaspielen hatten die Münchner keine Antwort nach dem Ausgleichstreffer und brachen förmlich auseinander.
"Wir hatten noch viel Zeit nach dem 1:1, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass wir das dann noch im Tank haben, Leipzig besiegen zu können. Es war schon mehrfach diese Saison, dass man das Gefühl hatte, alles bricht zusammen, wenn ein Gegentor fällt oder die Situation mal schwierig wird, wenn Widerstand entsteht. Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir noch groß was entgegenzusetzen hatten nach dem 1:1", sagte Vorstandsboss Oliver Kahn. Eine Bankrotterklärung über den Zustand der Mannschaft.
Tuchel kann keine Impulse von außen setzen
Wie nach dem Mainz-Spiel, als Tuchel beim Versuch, die Niederlage zu erklären, ratlos wirkte ("Ich habe das nicht kommen sehen"), war er auch am Samstag desillusioniert.
"Ich werde mir dieses Spiel natürlich noch einmal ansehen und versuchen zu analysieren und versuchen zu verstehen, wie wir so einen krassen Rückschritt machen konnten. Ich weiß nicht, ob ich eine Antwort bekomme, wenn ich isoliert das Spiel anschaue, davor habe ich ein bisschen Sorge, dass mir das Spiel technische und taktische Antworten liefert", sagte er auf der anschließenden Pressekonferenz.
Tuchel hat sich in den letzten Jahren bei seinen verschiedenen Stationen im In- und Ausland einen exzellenten Ruf erarbeitet, während eines Spiels auf Dinge gewinnbringend reagieren zu können. In München ist sein In-Game-Coaching bislang völlig wirkungslos geblieben. Ob Anweisungen von der Seitenlinie oder personelle Wechsel nach Rückschlägen - es hat bemerkenswert wenig funktioniert. Gegen Leipzig brachte er ab der 69. Minute fünf neue Spieler ohne jeglichen Nutzen.
Hamann: Bayern spielt unter Tuchel noch schlechter
Die Bayern-Bosse setzen mit dem Trainerwechsel Ende März alles auf eine Karte. Tuchel sollte ein fragiles Gebilde stabilisieren und im Idealfall alle drei Titel abräumen. Fakt ist, dass der erhoffte Impuls ausgeblieben ist und stattdessen eine negative Verstärkung stattgefunden hat.
"Er kam, um die Sache besser zu machen. Der Trainereffekt ist mit seiner Unterschrift verpufft, die Mannschaft spielt nicht nicht besser - eher schlechter", sagte Dietmar Hamann am Sonntag in der TV-Sendung "Sky90".
Es wäre in der Nachbetrachtung der Saison ein Fehler, Tuchel "komplett rauszunehmen", ergänzte Hamann. "Man kann nicht den Trainer (Nagelsmann, d. Red.) entlassen und sagen: 'Der macht die Mannschaft verrückt, wir haben zehn Punkte auf Dortmund verloren nach der Weltmeisterschaft', dann kommt ein neuer Trainer, der in elf Spielen mehr Spiele verliert als der andere in 37, und dann sage ich: 'Die Mannschaft ist schuld'."
Fünf Siege, zwei Unentschieden, vier Niederlagen, dazu drei Titelchancen in den Sand gesetzt - Tuchels Bilanz seiner ersten zwei Monate als Trainer des FC Bayern fällt sehr bescheiden aus. Er wird diese Hypothek auch mit in die nächste Saison nehmen müssen.
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