Bayer Leverkusen mit unbekanntem Selbstverständnis in München: Bye bye FC-Bayern-Schiss
Bayer Leverkusen kam als Tabellenführer zum FC Bayern nach München – und reiste mit einem verdienten 2:2 im Gepäck und der Verteidigung der Spitzenposition wieder ab. Eine Seltenheit aus Sicht der Werkself, die traditionell an der Isar kein Land sieht. Die Rheinländer brachen aber trotz Rückschlägen mit den alten Konventionen und untermauerten eindrucksvoll ihr neues Anspruchsdenken.
Boniface: "Hatten so viele Chancen, um das Spiel zu gewinnen"
Quelle: Perform
Herrliches Spätsommerwetter, Flutlicht, Spitzenspiel. Der Fußball-Gott hielt einen Tag vor der Wiesn-Eröffnung noch ein ganz besonderes Schmankerl bereit: FC Bayern gegen Bayer Leverkusen. Dauer-Champion gegen Mannschaft der Stunde. Derzeit auf dem Papier ein Duell auf Augenhöhe. Eigentlich.
Denn: Leverkusen ist traditionell in München ein gern gesehener Gast. Ein Besucher, der keinen großen Ärger macht und ohne Punkte im Gepäck wieder von dannen zieht (acht Niederlagen, ein Remis, ein Sieg seit März 2014).
Trotzdem machten 5.000 mitgereiste Fans den Auswärtsblock in der Allianz Arena voll. Ein Hauch von Masochismus, könnte man meinen.
Das Spiel lief erst wenige Minuten und schon wurden die vagesten Hoffnungen im Keim erstickt. Die dominanten Hausherren schnürten Leverkusen ein und trafen in Person von Harry Kane zur Führung (7.). Die Werkself schien wieder einmal kein Land an der Isar zu sehen, agierte wie das viel zitierte Kaninchen vor der Schlange. Alles wie immer eben, inklusive der "Ihr werdet nie deutscher Meister"-Gesänge aus der Südkurve.
Leverkusen ergibt sich nicht
Doch die altbekannten Konventionen bröckelten schon bald. Bereits vor Alejandro Grimaldos Traumfreistoß zum Ausgleich (24.) übernahm Bayer überraschend die Initiative, passte sich gefällig durchs Mittelfeld und setzte Nadelstiche in der Offensive. Kein Fatalismus aufseiten der Leverkusener. Das überraschte die Hausherren.
"Die ersten 20 Minuten waren gut. Da hätten wir vielleicht sogar schon den Sack zumachen können", sagte Bayern-Trainer Thomas Tuchel im Nachgang bei "DAZN". Der 50-Jährige ergänzte: "Danach hatten wir 20 schlechte Minuten, ohne ersichtlichen Grund. Wir haben viele Fehler gemacht, zu komplizierte Entscheidungen getroffen, Rhythmus, Vertrauen und Kompaktheit verloren."
Seine Mannschaft sei "zu oft zwischen den Linien erwischt" worden, beklagte der ratlose Coach: "Leverkusen hat uns immer wieder Probleme bereitet. Weil sie mutig gespielt haben." Es dürfte eine Mischung aus Münchner Lethargie und Leverkusener Hingabe gewesen sein.
Dass Bayer 04 nach einem frühen Rückstand in der Arena derart aufdrehte, war ein Novum. Dass Torhüter Lukas Hradecky, der in der vergangenen Saison an Ort und Stelle noch böse patzte, über sich hinauswuchs, tat sein Übriges.
Und trotz aller Bemühungen, trotz aller Hradecky-Hexereien, schienen die Bayern das glücklichere Ende für sich zu haben. Mathys Tels herausragende Vorlage veredelte Leon Goretzka (86.) und verpasste Leverkusen den nächsten, vermeintlich endgültigen Nackenschlag.
Palacios mit dem Schlussakt
Der dramatische Schlussakt gehörte jedoch Bayer. Exequiel Palacios stellte per Elfmeter schließlich auf 2:2 (90.+4) – und entfachte bei den Anhängern pure Ekstase. Die Reise nach München hatte sich endlich einmal gelohnt.
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Exequiel Palacios sicherte Bayer einen Punkt
Fotocredit: Getty Images
Rückschläge wegstecken, weitermachen, belohnen. Nicht die Tugenden, die Leverkusen gemeinhin zugeschrieben werden. Vor allem nicht in München. Doch diesmal wurden die Naturgesetze ausgehebelt, die Werkself kommt dank Xabi Alonso und neuen Führungsfiguren wie Granit Xhaka oder Jonas Hofmann mit einem völlig neuen Selbstverständnis daher.
"Wir kriegen das schnelle 0:1 und dann auch noch das unnötige 1:2. Aber wir haben Charakter gezeigt", sagte Xhaka im Anschluss in der Mixed-Zone. Der Schweizer schob nach: "Dass wir zweimal nach Rückständen zurückkommen, zeigt, dass wir in diesem Jahr da sind."
Tah: "Das zeichnet uns aus"
Jonathan Tah, der die bayrische Landeshauptstadt während seiner Zeit bei Leverkusen schon allzu häufig niedergeschlagen verlassen musste, schlug im Gespräch mit Eurosport in eine ähnliche Kerbe. "Wir haben heute sehr viel Charakter gezeigt. Man hat nach 15 Minuten gesehen, auf welchem Level wir spielen und dass wir ein gewisses Selbstverständnis haben", lobte der deutsche Nationalspieler: "Wir haben uns nicht unterkriegen lassen. Auch nach dem zweiten Gegentor nicht. Wir kriegen das Ding und machen trotzdem weiter. Das zeichnet uns gerade aus."
Auch Bayer-Held Hradecky untermauerte: "Ich habe jetzt zum achten oder neunten Mal hier gespielt. So überzeugend war es noch nie", gab der Finne zu Protokoll. Hradecky weiter: "Mit der Mannschaft geht immer was."
Tatsächlich scheint unter Alonso ein überraschender Reifeprozess eingesetzt zu haben. Mit Bayern und RB Leipzig (3:2) hat Leverkusen schon zwei Duelle mit potenziellen Meisterkandidaten weitestgehend unbeschadet überstanden.
Xhaka will "Großes erreichen"
"Wir müssen weiterhin so arbeiten und mit beiden Beinen am Boden bleiben. Wenn wir diesen Fußball weiterspielen, können wir etwas Großes erreichen", stellte Xhaka in Aussicht. Auch in dem Wissen, dass Leverkusen in der Vergangenheit regelmäßig mit Einbrüchen zu kämpfen hatte, ergänzte er: "Aber es ist noch viel zu früh, etwas zu sagen."
Aus Sicht der Rheinländer war die wichtigste Erkenntnis jedenfalls, dass man mit diesem Team, mit dieser fußballerischen Klasse keine Angst vor dem Rekordmeister haben muss. Ganz im Gegenteil, wie Hradecky herausstellte: "Man hat gemerkt, dass Bayern sogar vielleicht ein bisschen Schiss vor uns hatte."
Verkehrte Welt in München.
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