Bundesliga-Kolumne - LIGAstheniker: So macht der VAR zu viel kaputt - Elfmeter-Szene in Leverkusen sorgt für Diskussion

Hugo Ekitiké von Eintracht Frankfurt wird in der Nachspielzeit von Jonathan Tah von Bayer 04 Leverkusen niedergerungen - ein Elfmeterpfiff bleibt aus. Soweit, so gewohnt, meint der LIGAstheniker. Doch wo war der VAR? Hatte er sich einen Kaffee geholt oder war er gar eingeschlafen? Die Bundesliga hat im Streben nach Perfektion den Rückwärtsgang eingelegt. Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.

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Quelle: Perform

Liebe Fußballfreundinnen,
Wenn man den Lauf der Geschichte als Fortschrittsentwicklung begreift, dann hat die Fußball-Bundesliga seit Einführung des Videoschiedsrichters den Rückwärtsgang eingelegt.
Vielleicht ist es nicht ganz so schlimm wie bei der Bahn, die es einzig deshalb gibt, damit Züge fahren, die neuerdings nicht mehr fahren.
Die Bundesliga sieht sich aber durchaus mit einem ähnlichen Dilemma konfrontiert: Wann ist ein Tor ein Tor? Wann ist Abseits? Was genau ein Handspiel? Man weiß es nicht mehr.
Was für einen Sport, der seinen Reiz aus der Emotion des jeweiligen Moments zieht, ein Problem darstellt.
Was soll ein Stadionbesuch noch sein, wenn man vorher schon weiß, dass ich mir den Jubel aufsparen kann, bis der VAR in drei Minuten seine Entscheidung gefällt hat? Eine, die womöglich auch noch falsch ist?

Der VAR und die Frage nach der Perfektion

Früher, also vor der Einführung des Video Assistant Referee, kurz VAR, in der Saison 2017/18, gab es in der Bundesliga eine klare Handlungsabfolge, die da hieß: Der Schiedsrichter entscheidet und selbst wenn er mal eine Fehlentscheidung trifft, gilt das Primat der Tatsachenentscheidung.
Da menschliches Versagen nie ausgeschlossen werden konnte, galt die Eselsbrücke: Im Laufe eines Spiels, einer Saison - eines Fußballerlebens - gleicht sich das alles wieder aus.
Aber die Hüter des modernen Profifußballs streben nach Perfektion.
Und wohin die führt, zeigte das Gesicht von Dino Toppmöller nach dem Spitzenspiel seiner Eintracht bei Meister Leverkusen - er verstand die Welt nicht mehr.
Unzweifelhaft ist, dass sein Stürmer Hugo Ekitiké in der 90. Minute in Leverkusens Strafraum von Jonathan Tah niedergerungen wird.
Jetzt wäre es das eine, dass der Schiedsrichter nicht pfeift, so war es früher ja auch. Etwas anderes ist es, wenn auch der Videoschiedsrichter nicht einschreitet, der die Maßgabe hat, gerade bei solch strittigen Entscheidungen einzugreifen.
War er auf dem Klo? Hat er sich einen Kaffee geholt? Eingeschlafen? Dass ein Schiedsrichter in der Hektik des Spiels einmal daneben liegt, versteht jeder, aber warum der VAR vor seinen Dutzend Bildschirmen nicht reagiert, das versteht eben niemand mehr.

Technischer Fehler statt menschliches Versagen?

Noch ein aktuelles Beispiel, die Partie der Dortmunder gegen St. Pauli vom Freitagabend. Auch hier stand nach dem Spiel ein Trainer da und verstand die Welt nicht mehr.
Paulis Alexander Blessin schaute sich die TV-Bilder an, die belegen sollten, warum das 1:0 der Hamburger von Morgan Guilavogui vom VAR richtigerweise als Abseits gewertet wurde.
Blessin sagte: "Der Ball ist nicht am Fuß". Was er meinte: Wenn die Abseitslinie erst dann eingeblendet wird, wenn der Ball den Fuß (von Freistoßschütze Smith) schon verlassen hat, dann war es mutmaßlich auch kein Abseits.
Und in der Tat sieht es auf den Bildern so aus.
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Die viel diskutierte Szene zwischen Tah (l.) und Ekitike

Fotocredit: SID

Die Frames-Entscheidung

Wenn stimmt, was der Sprecher der DFB Schiri GmbH, Alex Feuerherdt, am Wochenende gegenüber der "Sportschau" dazu erklärte, dann ist das Primat der Tatsachenentscheidung der Schiedsrichter ja schon Geschichte.
Feuerherdt erklärte die Aufgabe des VAR im Videokeller damit, aus 50 Einzelbildern (sogenannten Frames) pro Sekunde aus "synchronisierten Kameraeinstellungen" das eine Bild herauszusuchen, das die Ballberührung am deutlichsten zeige.
Der VAR habe drei überprüft, durch die sichtbare Verformung des Balles könne im zweiten Frame der Eindruck entstehen, dass der Ball den Fuß bereits verlassen habe, "aber dem war nicht so". Sagt Feuerherdt und mehr als ihm zu glauben bleibt nicht.
Am Ende dieses Spiels sorgt nicht der Schiedsrichter, auch nicht der Videoschiedsrichter, sondern der Pressesprecher der Schiedsrichter GmbH für die Deutungshoheit der womöglich entscheidenden Szene des Spiels.
Echt jetzt?

Ein Chip im Ball - die nächste Neuerung?

Ganz so einfach, wie es sich Feuerherdt macht, ist es nicht.
Gerade in England, aber auch Spanien und Italien wird schon länger darüber gestritten, wie genau oder ungenau Frames sein können und was da angesichts des hohen Tempos im Spiel zwischen zwei Frames passiert, was im Videokeller aber niemand sehen kann?
Und schon wird die nächste technische Neuerung diskutiert, die Abhilfe schaffen soll.
Ein Chip im Ball, der 500-mal pro Sekunde lokalisiert wird, die sogenannte halb automatische Abseitserkennung.
Ist es das, was wir uns für das Spiel wünschen?

Bundesliga: Kommt ein Challenge-System?

Man muss sich ja fragen, warum ausgerechnet der Fußball, das größte Spiel der Welt, nicht auf die Kette bekommt, was Tennis, Football, Rugby längst für sich gelöst haben.
Und nicht irgendwie als Notlösung, sondern das Spiel dadurch reizvoller gemacht haben. Die Möglichkeit, mittels Challenges umstrittene Schiedsrichterentscheidungen technisch überprüfen zu lassen, hat im Profitennis nicht nur für mehr Gerechtigkeit gesorgt, sondern noch einmal die Dramaturgie des Spiels erhöht.
Wie man hört, ist auch der Chef der deutschen Schiedsrichter, Knut Kircher, ein Fan davon, dass Trainer umstrittene Entscheidungen via Videoüberprüfungen challengen können.
Die Reaktion der DFL darauf spricht Bände: Man beschäftigte sich damit gerade nicht.

Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.

ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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Quelle: Perform


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