Aus London berichtet Florian Bogner

Es war vielleicht ein bisschen "too much", wie die Engländer sagen. Ein wenig zu dick aufgetragen. Als die Spieler und Verantwortlichen des FC Bayern München kurz vor Mitternacht den festlichen Ballsaal "8Northumberland" am Londoner Trafalgar Square betraten, schallten ihnen in ohrenbetörender Lautstärke die Fanfaren der Champions-League-Hymne entgegen, als ob sie schon den Titel gewonnen hätten.

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Aufstellung Bayern: Flick setzt auf Triplesieger-Elf
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Der Song war kaum verebbt, das griff Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge wie üblich zum Mikrofon, dankte zunächst artig der Mannschaft für den 3:0-Erfolg im Achtelfinal-Hinspiel beim FC Chelsea - und stellte dann urplötzlich dem sichtlich verlegenen Trainer Hans-Dieter Flick vor versammelter Truppe schon jetzt eine Vertragsverlängerung in Aussicht.

Weil Flick am Rosenmontag 55 Jahre alt geworden war, hatte Rummenigge ein handliches rotes Präsent mit weißer Schleife in der Hand und meinte bei der Übergabe überraschend vielsagend:

In dem roten Päckchen ist ein Stift - und mit Stiften unterschreibt man beim FC Bayern ja manchmal auch Papiere ...

Was selbstverständlich Gejohle im Saal auslöste.

Rummenigges Charmeoffensive

Bis zu diesem Faschingsdienstagabend stand der FC Bayern eigentlich nicht in Verdacht, Flick schon in Bälde etwas unterschreiben zu lassen. Man wolle doch erst mal die ersten Monate des Jahres abwarten, hieß es. Auf jeden Fall aber das Achtelfinale - inklusive Rückspiel am 18. März.

Unmittelbar nach dem 3:0-Demonstration hatte sich Sportdirektor Hasan Salihamidzic in der draußen auf dem Rasen des zugigen Stadions an der Stamford Bridge aufgebauten Mixed-Zone noch eher passiv geäußert. Ja sicher, Flick mache "einen sehr, sehr guten Job", sagte Salihamidzic da, blockte aber auch erneut ab: Man müsse erst mal noch ein paar Spiele in Liga und Pokal gewinnen.

Danach werde man sich "zur richtigen Zeit zusammensetzen und eine Entscheidung treffen", sagte der Sportdirektor. Kurze Zeit später übergab dann aber Rummenigge den Stift.

Das Vorpreschen des Vorstandsvorsitzenden passt immerhin zur Charmeoffensive, die der Bayern-Boss in den vergangenen Tagen gegenüber Flick gestartet hatte. Mit dem ehemaligen Co-Trainer von Niko Kovac sei, so sagte er, "wieder die FC-Bayern-Philosophie in die Mannschaft” eingekehrt, ja, sie sei sogar wieder "taktisch so ausgerichtet wie bei Louis van Gaal, Jupp Heynckes oder Pep Guardiola".

Flankiert von Ex-Präsident Uli Hoeneß und Bald-Vorstandsboss Oliver Kahn nahmen Rummenigge und Präsident Herbert Hainer Flick beim Bankett auch gleich in ihre Mitte.

Ein Hauch von van Gaal, Heynckes, Guardiola

Der Bayern-Auftritt bei Chelsea hatte zuvor in der Tat an die großen Europapokalnächte der drei von Rummenigge genannten Übungsleiter erinnert. Alphonso Davies und Serge Gnabry versprühten jugendlichen Esprit, wie es einst Bayern-Youngster wie Müller, Alaba oder Badstuber unter van Gaal vermochten.

Thiago und Joshua Kimmich harmonierten derweil im Mittelfeld-Zentrum, dass es Guardiola stolz gemacht hätte. Und Robert Lewandowski spielte mit seinem Einsatz und zwei Torvorlagen derart mannschaftsdienlich, wie es ein Heynckes nicht besser aus ihm herauskitzeln hätte können.

"Die Mannschaft hat hervorragend umgesetzt, was wir ihr mit auf den Weg gegeben haben", freute sich Flick: "Das war über 90 Minuten eine sehr konzentrierte Leistung. Wir sind sehr happy."

Salihamidzic begeistert von Gnabry: "Er ist geil auf Tore"

Auch weil sie sich mit den Treffern von Gnabry (51., 54.) und Lewandowski (76.) entsprechend belohnten. "3:0 auswärts – das ist natürlich ein Träumchen", bilanzierte Thomas Müller nach einem Spiel, das man durchaus auch als Statement für Flick verstehen konnte.

"Natürlich fühlen wir uns aktuell ziemlich wohl", sagte der Vize-Kapitän in Richtung des Trainers: "Wenn man 3:0 hier gewinnt, dann ist das Ausrufezeichen genug."

Ein Zeichen an Europa

Ein Ausrufezeichen, das Bayern aber auch an die Konkurrenz in Europa sandte. Verkorkster Herbst hin oder her – sie wollen's nochmal wissen diese Saison. Das zeigte die nahezu perfekte zweite Halbzeit.

Nach Tottenham (7:2) fügte Bayern damit auch Chelsea die höchste Heimniederlage seiner Europacupgeschichte zu. Und steht jetzt bei sieben Siegen aus sieben Europacupspielen. Mit 27:5 Toren.

"Diese Mannschaft hat große Qualität", musste auch Chelsea-Trainer Frank Lampard eingestehen:

Das war eine harte Lektion für uns.

Müller ruft den Titel als Ziel aus

Anders als in dem ein oder anderen Bundesliga-Spiel sind die Bayern in London diesmal auch "auf dem Gaspedal geblieben", wie es Müller formulierte. Im größeren Kontext habe die Mannschaft nämlich "schon das Gefühl, dass was geht". Viel mehr. Alles?

Müller selbst habe bewusst den Titel als Ziel ausgegeben, verriet er. Denn:

Wir sind absolut in der Lage, die Champions League zu gewinnen.

Der 30-Jährige zählte dafür die nötige Demut im Team, ein intaktes Mannschaftsgefüge, in dem keiner aufbegehrt, sowie den totalen Fokus auf Fußball bei allen Spielern als Indizien auf.

"Wir haben doch diese mystischen 7:30-Uhr-Läufe in Doha absolviert – die Konsequenz kennt ihr jetzt ja", zwinkerte er in London den Journalisten zu.

Neuer nicht nur mit Lob für Davies: "Hab ihn einmal zur Sau gemacht"

Das alles stimme ihn entsprechend hoffnungsvoll. "Aber ich weiß, dass du dazu in den ganz engen Spielen auch das Quäntchen Glück brauchst", meinte Müller. Und außerdem: "Wir sind nicht perfekt und deswegen müssen wir hart weiterarbeiten."

Rummenigge lobt "tollen Charakter"

So ähnlich drückte es auch Rummenigge in seiner Bankettrede aus, als er das Wort direkt an die Mannschaft richtete.

"Ihr müsst weiter die Konzentration und den Willen hochhalten, um unsere Ziele zu erreichen", sagte er. Man stehe "vor wegweisenden Spielen". Gleichsam attestierte er dem Team aber auch "einen tollen Charakter. Und ich glaube, er wird euch weit führen, wenn ihr so weitermacht."

Was wohl auch für Flick gilt. "Mach es weiter so, mach es gut", sagte Rummenigge zu guter Letzt, "bleib, wie du bist." Man sei beim FC Bayern nämlich "sehr, sehr zufrieden mit dem, wie die Mannschaft spielt, Ergebnisse einfährt und den Fußball zelebriert".

Ob das am Ende vielleicht auch ein bisschen "too much" war, werden die nächsten Wochen zeigen.

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