"All in" wollte Hans-Dieter Flick mit dem FC Bayern München im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League bei Paris Saint-Germain gehen. Das hatte der Bayern-Trainer unmittelbar vor der Partie gesagt.
Zu Pokern gab es freilich nichts mehr nach der 2:3-Niederlage im Hinspiel, die sich im Prinzenpark schließlich als zu hohe Hypothek erwies. Stark ersatzgeschwächt gewannen die Münchner zwar 1:0 (1:0), schieden aufgrund der Auswärtstorregel jedoch aus. Ein bitterer Abend.
"Insgesamt ist es für uns sehr enttäuschend, dass wir hier ausscheiden, obwohl wir in Paris gewonnen haben", fasste es Thomas Müller zusammen: "Da haben wir uns mit dem Hinspielergebnis, was wir schon wussten, offensichtlich keinen Gefallen getan."
Champions League
Minutenlanger Monolog: Flick redet sich (fast) alles von der Seele
13/04/2021 AM 23:33
Was uns bei der Neuauflage des Vorjahresfinals in Paris auffiel.
Spielbericht: Bayerns Traum platzt gegen PSG: "Der letzte Punch hat gefehlt"

1. Ein Wechsel, der alles sagt

84. Minute. Martínez für Choupo-Moting. Wenn etwas das Spiel gut zusammenfasst, dann dieser Wechsel: Die Bayern, bedrohlich dezimiert, bringen in der Schlussphase einen 32 Jahre alten Defensivspezialisten als Mittelstürmerersatz. Und scheitern. Weil ihnen am Ende ein Tor fehlt.
Man könnte aber auch sagen: Weil sie es am Ende nicht mehr im Kreuz hatten. Ohne Robert Lewandowski, Serge Gnabry, Leon Goretzka, Douglas Costa und Corentin Tolisso hatte Flick neben dem letzten Offensiv-Aufgebot schlicht keine Optionen mehr für eine Schlussoffensive.
Die einzige Offensivoption neben der "Hail Martínez", den 18 Jahre alten Jamal Musiala, hatte der Coach schon nach 71 Minuten (offensiver Wechsel für Alphonso Davies) ins Spiel gebracht. Danach waren die Ressourcen aufgebraucht.
Dass die Bayern überhaupt dem Weiterkommen nochmal nahekamen, war einer Umkehr der Vorzeichen aus dem Hinspiel geschuldet. Hätte Bayern beim 2:3 in München mit den meisten Versuchen vermutlich keinen Möbelwagen getroffen, gingen sie in Paris durch Choupo-Moting einigermaßen schmeichelhaft in Führung (40.).

Nach dem Aus: Das will Flick jetzt von seinen Bayern-Stars sehen

Unterm Strich wurde den ersatzgeschwächten Bayern offensiv vor allem die mangelhafte Strafraumbesetzung zum Verhängnis - für den letzten Pass gab es oft nicht den richtigen Lauf, dazu kamen Ungenauigkeiten: Pavard flankte zu lang (6.), Choupo-Moting reagierte zu unbeholfen (7.), Kimmich ließ den Ball zu weit wegspringen (19.) und zielte am Tor vorbei (26.), Sané schloss zu harmlos ab (27./45.+2/83.) oder traf die falsche Entscheidung beim Abspiel (90.+3).
So musste sich Keylor Navas eigentlich nur beim Schuss von Alaba wirklich auszeichnen (44.).
Wie die Bayern im Hinspiel ließ diesmal eher PSG liegen. Zwischen der 34. und 39. Minute stand Neymar allein dreimal das Torgebälk im Weg. Später fehlten dem Brasilianer nur ein paar Zentimeter Körperlänge (53.). Und auch an Neuer fand er kein Vorbeikommen (27./90.). Glück hatte Bayern zudem, dass Kylian Mbappé bei seinem Tor knapp im Abseits stand (78.).
Zum Nachlesen im Ticker: So lief das Spiel
Bis zum Schluss hielt sich Bayern eher mit dem Prinzip "Hurra, wir leben noch" über Wasser und glaubte mit purem Trotz ans Weiterkommen. Die Waffen aber waren längst stumpf geworden. Und Martínez? Der kam nur ein einziges Mal an den Ball.
"Die Spieler fehlen uns. Wir pfeifen so ein bisschen aus dem letzten Loch", sagte Neuer nach Spielende sehr richtig über das ausgedünnte Personal. Und fragte sich wohl wie jeder: Mit Lewandowski - wie wäre das Duell da wohl ausgegangen?
"Wir haben einfach das Pech momentan, dass wichtige Spieler nicht dabei sind", haderte Flick, "aber wir müssen das akzeptieren. Paris ist weiter, wir können nur gratulieren und das als fairer Verlierer so hinnehmen."

2. Boatengs letztes Halali

Bayerns Aus bedeutete am Ende auch: Es war das letzte Champions-League-Spiel für Jérôme Boateng und David Alaba im Bayern-Trikot. Und die beiden doppelten Triple-Sieger (2013/2020), die München im Sommer ablösefrei verlassen werden, gaben dem Abend nochmal ihre Note.
Zuvorderst Boateng, der offensichtlich sehr daran interessiert war, seinen Kritikern zu zeigen, dass er mit 32 Jahren noch lange nicht zum alten Eisen zu zählen ist und durchaus noch ein paar Jahre hochklassig woanders kicken könnte.
So verlor der Innenverteidiger nur einen einzigen Zweikampf und verteidigte insgesamt sehr aufmerksam. Aggressiv leitete er beispielsweise mit einem Ballgewinn an der Mittellinie Bayerns erste Chance durch Sané ein (26.), später klärte er äußerst cool eine Pariser Chance durch Neymar mit der Hacke zur Ecke (53.). Mit fünf erfolgreichen Tackles und drei klärenden Aktionen lieferte er zudem zwei Bestwerte bei Bayern ab.
Alaba stellte derweil einmal mehr seine Vielseitigkeit zur Schau, an der sich ab Sommer dann ein anderer europäischer Top-Klub erfreuen darf (Real? Barcelona?). Im Hinspiel noch als Innenverteidiger aufgeboten und später vorgeschoben, lief er in Paris als Goretzka-Ersatz im Mittelfeld auf, wo es ihm durchaus gelang, seine Rolle wie der deutsche Nationalspieler als "Box-to-Box-Player" zu interpretieren.
Sein Schuss war es, den Choupo-Moting zum einzigen Tor des Abends abstaubte (40.), dazu zwang er Navas zu einer Parade (44.) und schoss ein weiteres Mal nur knapp daneben (47.) - was ihn in Summe zum gefährlichsten Bayern an diesem Abend machte.
Weil Flick nach 71 Minuten Musiala bringen wollte und dafür Davies rausnahm, ging Alaba in der Schlussphase dann auch noch pflichtbewusst auf die linke Abwehrseite. Vielseitig, eben. Und ein weiteres Indiz dafür, wie unverständlich es doch ist, dass Bayern ihn so einfach ziehen lässt.

Jérôme Boateng beim Spiel des FC Bayern bei Paris St.-Germain

Fotocredit: Getty Images

3. An einem guten Tag …

… hätte Bayern trotz aller Widerstände tatsächlich noch weiterkommen können. Letztlich scheiterten die Münchner aber auch an sich selbst. Weil in Paris nicht alle zur Topform fanden. Da war zum Beispiel Leroy Sané, den man in vielen kleinen Details und Entscheidungen anmerkte, dass er eben doch (noch?) kein Arjen Robben ist, auch wenn er die "10" auf dem Rücken trägt und vornehmlich den linken Fuß zum Fußballspielen nutzt.
Die "absolute Konzentration vor der Kiste", die Flick vor der Partie gefordert hatte, fehlte ihm genauso wie seinen Offensivkollegen, die in Addition aus Hin- und Rückspiel zwar insgesamt 44 Torschüsse abgaben, davon aber nur 17 auch aufs Tor brachten.

Bayern-Coach Flick: Darum hat es nicht fürs Halbfinale gereicht

Da war aber auch Joshua Kimmich, der nach herausragenden eineinhalb Jahren bei Bayern ausgerechnet an diesem Abend fehlerbehaftet spielte, Diagonalbälle ins Aus drosch, insgesamt 23 Mal den Ball verlor, nur eine Torschussvorlage lieferte und lediglich fünf seiner 18 Zweikämpfe gewann.
Oder Außenverteidiger Davies, der überhaupt nicht ins Spiel fand, mehr rutschte als den Roadrunner gab und in 71 Minuten Spielzeit keine einzige nennenswerte Offensivszene hatte. Oder auch Kingsley Coman, der, anders noch als im Finale 2020, diesmal in 180 Minuten gegen seinen Ex-Klub Kaltschnäuzigkeit vermissen ließ.
So ging der kleine Silberball für den Spieler des Spiels am Ende folgerichtig an einen Pariser. Weil Neymar eben auffälligster Offensivakteur des Spiels war, viele PSG-Chancen kreierte und dreimal mit Alu-Treffern Pech hatte. Und am Ende zu Recht behaupten konnte: "Diesen Sieg werden wir ordentlich feiern."
Auch wenn er eigentlich verloren hatte.

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