Erling Haaland stapfte mit feuchten Augen in Richtung Gästekurve und faltete dabei die Hände entschuldigend über seinem Kopf zusammen.
Borussia Dortmund hat am Mittwochabend im Topspiel der Champions-League-Gruppe C eine historische Abreibung kassiert. Die Mannschaft von Trainer Marco Rose ging bei Ajax Amsterdam 0:4 (0:2) unter und musste damit die höchste Niederlage der Vereinsgeschichte in der Königsklasse hinnehmen.
BVB-Kapitän Marco Reus leitete das Debakel mit einem unglücklichen Eigentor per Kopf ein (11.). Daley Blind (25.) und Antony (57.) legten mit Treffern der Marke Weltklasse nach, ehe der ehemalige Frankfurter Sébastien Haller per Kopf den Endstand besorgte (72.).
Champions League
Rose sauer über BVB-Offenbarungseid: "Ein Kimmich winkt nicht nur ab"
19/10/2021 AM 22:26
Drei Dinge, die uns beim Dortmunder Debakel in Amsterdam auffielen.

1. Fußball total gegen Totalausfall

Flutlicht, ausverkauftes Haus, Topspiel.
Es war alles angerichtet für ein großes Fußballfest in der Johan-Cruyff-Arena. Einzig Borussia Dortmund verweigerte in der ersten Halbzeit nahezu gänzlich die Teilnahme an jenem Prestigeduell. Die Schwarz-Gelben kam von der ersten Minute an überhaupt nicht mit dem aggressiven Gegenpressing der Hausherren zurecht und wurden in der Anfangsphase förmlich überrollt.
So nahm das Unheil bereits nach elf Minuten seinen Lauf. Ausgerechnet Reus, der in seiner Profilaufbahn zuvor noch kein Eigentor fabriziert hatte, lenkte einen scharf getretenen Freistoß von Dusan Tadic per Kopf in den eigenen Kasten (11.). "Das erste Tor geht ganz klar auf meine Kappe, ich habe den Ball total falsch eingeschätzt", zeigte sich der Kapitän im Anschluss bei "Amazon Prime" durchaus selbstkritisch.
Es war der Startschuss für fulminante Offensivminuten der Gastgeber. Ajax spielte sich regelrecht in einen Rausch und legte wohl eine der herausragendsten Halbzeiten hin, die die europäische Fußball-Szene in den vergangenen Jahren bestaunen durfte. Einzig Gregor Kobel verhinderte mit seinen Paraden bereits in der Anfangsphase einen Knock-out der Dortmunder.
Allerdings war selbst der mit Abstand beste Dortmunder beim sehenswerten Weitschusstor von Daley Blind zum 2:0 machtlos (25.). Auch in der Folge rannte der BVB eigentlich nur hinterher und sah fast tatenlos zu, wie Ajax spielerisch leicht eine Torchance nach der anderen kreierte. "Wir waren in allen Belangen die klar schlechtere Mannschaft und haben auch in der Höhe verdient verloren. Ajax war giftiger, galliger und wir waren weich", lautete das vernichtende Urteil von Mats Hummels.

Erling Haaland (vorne) fassungslos, Ajax jubelt - Ajax Amsterdam vs. Borussia Dortmund

Fotocredit: Getty Images

Dass es zur Halbzeit beim 2:0 blieb, war angesichts von acht Großchancen für den Tabellenführer der Eredivisie pures Glück. "Ajax überrollt den BVB komplett. Ich liebe den schönen Fußball und was Ajax heute an Positionsspiel und an Leidenschaft liefert, ist unglaublich. Das macht richtig, richtig Spaß. Ich habe selten so eine Halbzeit gesehen wie heute von Ajax", schwärmte der ehemalige Bayern-Stürmer Mario Gomez.
Sein ehemaliger Nationalmannschaftskollege Benedikt Höwedes ging dagegen hart mit der Borussia ins Gericht. "Die größten Probleme, die der BVB hat, sind die Arbeit gegen den Ball und die Zuteilung, die nicht vorhanden ist. Auf den Außenpositionen hat der BVB mit Reus und Malen zwei Spieler, die ungern nach hinten arbeiten. Eine klare Positionierung wäre dringend notwendig", konstatierte der "Amazon"-Experte.
Wirklich besser wurde es in Halbzeit zwei jedoch nicht - im Gegenteil: Zunächst stellte der junge Brasilianer Antony mit einem tollen Schlenzer auf 3:0 (57.), ehe Haller fast unbedrängt zum Endstand einköpfen durfte (72.). "Ich erkenne Dortmund nicht wieder. Sie stehen komplett neben sich und finden überhaupt nicht mehr statt", kritisierte Höwedes.
Es bleibt nach jenem denkwürdigen Abend in Amsterdam festzuhalten, dass der BVB noch nicht in der Lage ist, mit den Topklubs auf höchster europäischer Bühne mitzuhalten.

2. Haller stiehlt Haaland die Show

Nicht wenige Fußball-Fans dürften sich beim Blick auf den Champions-League-Spielplan jenen offensiven Leckerbissen zwischen Ajax und dem BVB rot im Kalender angestrichen haben.
Immerhin traf mit Haaland der amtierende Champions-League-Torschützenkönig (zehn Tore 2020/21) auf Haller, den besten Knipser der aktuellen Spielzeit aufeinander (jetzt sechs Tore). Grund zum Jubeln hatte nach 90 Minuten jedoch nur der ehemalige Frankfurter.
Der 27-Jährige drückte dem Topspiel mit seiner Strafraumpräsenz und Torgefahr seinen Stempel auf und erledigte den BVB mit einem Treffer und zwei Vorlagen fast im Alleingang. "Was er heute hier abliefert, ist aller Ehre wert. Er behauptet jeden Ball vorne drin, ist kopfballstark und leitet die Bälle auch gut weiter", lobte Höwedes.
Beim zweiten Treffer der Hausherren schirmte er den Ball am Sechzehner nach einer verunglückten Kopfballabwehr von Hummels gekonnt ab, ehe er den späteren Torschützen Blind mit einem präzisen Zuspiel in Szene setzte. Auch Antonys Kunstschuss zum 3:0 hatte Halle mit einer klugen Kopfballverlängerung vorbereitet (57.).
In der 72. Minute trug sich der Franzose mit einem präzisen Kopfball höchstpersönlich noch in die Torschützenliste ein.

Antony und Sebastien Haller - Ajax Amsterdam

Fotocredit: Getty Images

"Haller hat eine körperliche Kraft, die seines Gleichen sucht. Die bringt vielleicht nur Erling Haaland mit", bilanzierte Höwedes, der sogleich den BVB-Torjäger in die Pflicht nahm: "Haaland muss vorne auch ein paar Bälle festmachen, um der Mannschaft Entlastung zu geben." Kurzum genauso wie es Haller machte.
Anders als sein Pendant auf der anderen Seite erlebte Haaland einen gebrauchten Abend. Mehr als ein Lattentreffer (48.) und zwei gute Möglichkeiten, die Ajax-Schlussmann Remko Pasveer vereitelte, sollten für den 21-Jährigen nicht herausspringen.
Haller betrieb dagegen mit seinem sechsten Champions-League-Treffer in der laufenden Saison (in drei Spielen) weiter ordentlich Eigenwerbung. Bereits vor der Partie hatte Gomez den ehemaligen Frankfurter als möglichen Nachfolger für Haaland beim BVB ins Gespräch brachte: "Er gehört mit seiner Spielweise eigentlich zu einem Topklub und kommt für den BVB daher auf jeden Fall in Frage, wenngleich er ein anderer Spielertyp wie Haaland ist."

3. Can und Schulz - das war nix!

Die Dortmunder Spieler schlichen mit gesenkten Köpfen vom Platz. Es war ein rabenschwarzer Abend für die Gäste, die mit dem 0:4-Endstand am Ende sogar noch gut bedient waren.
Speziell der pfeilschnelle Antony und Rechtsverteidiger Noussair Mazraoui durften auf der rechten Außenbahn nach Belieben schalten und walten. Zum Leidwesen von Linksverteidiger Nico Schulz, der in den ersten 45 Minuten überhaupt kein Land sah und ein ums andere Mal überlaufen wurde.
Fast folgerichtig nahm Rose den 28-Jährigen in der Halbzeit vorzeitig vom Feld. Emre Can sollte stattdessen die Freiheiten von Antony und Mazraoui, seit neuestem Schützling von Star-Berater Mino Raiola, in der zweiten Halbzeit einschränken - so zumindest war der Plan.
"Die linke Seite war in der ersten Halbzeit das Problem. In der zweiten Halbzeit ist das nicht viel besser geworden", legte Höwedes den Finger in die Wunde.
In der Tat verlieh auch der erfahrene Can seinem Team keinerlei Sicherheit. Der 27-Jährige leistete sich auf Höhe des eigenen Sechszehners teils haarsträubende Fehlpässe und ließ sowohl Antony als auch Haller bei ihren Treffer viel zu viel Platz.
"Wir waren nicht aggressiv, sind nicht in die Zweikämpfe. Das haben wir uns alle anders vorgestellt. So wie die Tore gefallen sind und wie Ajax dann auch noch mehrere Möglichkeiten hatte, ist es zu leicht", analysierte Reus.
Sollte der etatmäßige Linksverteidiger Raphaël Guerreiro (Museklfaserriss) noch länger ausfallen, muss sich der BVB schnellstmöglich etwas einfallen lassen. Andernfalls droht spätestens im Rückspiel in rund zwei Wochen ein ähnliches Debakel.
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